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26.10.2019, Jamal Tuschick

„Lauft endlich, lauft!“ Das sind die letzten Worte, die eine Mutter im Bann der Todesangst an ihre Kinder richtet. Die Szene in Katerina Poladjans Roman „Hier sind Löwen“ streift einen Genozid, dessen Leugnung seelische Katastrophen in Gang hält. Das erklärte die Autorin im Rahmen einer Lesung in Britta Gansebohms legendärem literarischen Salon.

Desintegrative Heimatdekonstruktion

Von links: Katerina Poladjan, Britta Gansebohm

Katerina Poladjan

Unvertraute Nähe

In Stunden wird er grau und zum Greis über Nacht. Das Kind riecht den Lavendelduft der Mutter am Vater. Der Vater vergeht vor den Augen des Kindes. Er übergibt ihm den Familienschatz. Das ist die Bibel – von Hand kopiert und geschrieben in der Sprache eines Volkes, das früh und nachhaltig mit dem Christentum verwoben wurde. Das armenische Alphabet entstand, so behauptet es eine Überlieferung, aus dem Willen des Heiligen Mesrop Maschtoz: die frohe Botschaft zu popularisieren. Das war ein Lutherwerk tausend Jahre vor dem Protestantismus, wer weiß schon in welcher häretischen Absicht. Wer das Volk ins Boot holt, handelt revolutionär, also wider den Großfürsten der Restauration.

Anahid heißt die Erbin und Gralshüterin der kostbarsten Reliquie aus dem Schrein einer im Genozid an den Armeniern erlöschenden Familie. Anahid rettet sich und ihren jüngeren Bruder Hrant in Ausübung ihrer Gehorsamspflicht gegenüber den zurückbleibend sterbenden Eltern. Anahid und Hrant suchen und finden Zuflucht bei einem Metzger, der sie in einer Fleischkammer versteckt. Sie schlafen zwischen Kuhteilen. Bleiben dürfen sie nicht. Ein kaum begriffener Stolz treibt Anahid mit ihrem zum Mündel gewordenen Bruder auf die Straße. Hrant will nach Hause. Das Zuhause gibt es schon nicht mehr. Die Geschwister flüchten im „Schatten der kommenden Nacht“.

„Lauft endlich, lauft!“

Das sind die letzten Worte, die eine Mutter im Bann der Todesangst an ihre Kinder richtet. Die säkulare Ansprache hat die Kraft eines zweiten Vermächtnisses.

Die Szene streift einen Genozid, dessen Leugnung seelische Katastrophen in Gang hält. Das erklärte Katerina Poladjan im Rahmen einer Lesung in Britta Gansebohms legendärem literarischen Salon.  

„Du erzählst die Geschichte deines Großvaters und dann kommt einer und sagt, das ist nicht wahr.“

Diese Verweigerung der Annahme historischer Tatsachen löst einen Auflösungsprozess aus.

„Das Leben besteht aus dem, was wir nicht erinnern.“ Ilse Aichinger, zitiert nach Katerina Poladjan

Ein Jahrhundert nach der Bibelübergabe befasst sich die Restauratorin Helen/Helene Mazavian in Jerewan mit dem Kleinod. Die Deutsche mit armenischem Migrationshintergrund rotiert in einem Austauschprogramm. Im Land ihrer Ahnen überwältigt sie die Ahnung eines Versäumnisses.

Helen entwickelt eine ungewohnte Scheu vor dem Gegenstand ihrer Arbeit. Sie lernt Armenisch. Solange die Wörter für sie noch keinen Sinn ergeben, sucht sie Sinn in Buchstaben. Sie spürt eine magische Verbindung zu Land & Leuten.

„Die Luft war kühl, es gab auch Sterne.“

„Ich fror, er lächelte.“

Helen unterwirft ihr westeuropäisches Repertoire einer Revision. Der attraktive Musiker in einer Bar ist auch Soldat. Doch springt in unvertrauter Nähe nicht sofort die westdeutsche Pazifismus-Automatik an. Helen erkennt sich kaum wieder in ihrer Bereitschaft, den Soldaten im Musiker gelten zu lassen.

Nackt fühlt sich Helen schön in der Gegenwart eines Liebhabers. Sie macht dann noch einen Tomatensalat. Eine Zwiebelschale beweist Hartnäckigkeit an einem Finger.  

Im Gespräch mit Britta Gansebohm offenbarte Poladjan Erstaunliches. Zwar interessieren sich türkische Verlage für eine Übersetzung der „Löwen“, aber keine armenischen.

Die Handschriften hatten schon früh ein Kassiber-Format in der Konsequenz der vielen nicht-christlichen Eroberungen, die Armenien über sich ergehen lassen musste. Die Herstellung fluchttauglich-handlicher Exemplare im extrafesten Schuber entwickelte sich zu einer einmaligen Buchkunst.

Ein resignativer Grundton in der armenischen Gesellschaft sei nach einer „Samtenen Revolution“ im letzten Jahr verstummt. 

Poladjan trägt viele „Identitätskapseln“ mit sich herum. In einer steckt ihr armenisches Erbe. Die Formulierung distanziert die Autorin vermutlich im solidarischen Geist einer desintegrativen Heimatdekonstruktion, siehe Max Czollek. Immer wieder verblüfft die Arglosigkeit, mit der die Frage nach der Identität und den diversen Anteilen in den Raum gestellt wird. Die Frage scheint ein ewiges Bleiberecht zu beanspruchen, während die Antworten immer flüchtiger werden.

Meine Besprechung   

Silbenfremdkörper

„Wir folgen der Spur, die wir im Schnee hinterlassen.“ - In „Hier sind Löwen“ erzählt Katerina Poladjan wie ein Arbeitsaufenthalt in Armenien zur Mission wird.  

Eingebetteter Medieninhalt

Das Zentralarchiv für armenische Handschriften weist einen Bestand von siebzehntausend Exponaten nach. Hauptsächlich handelt es sich um Überlieferungen der weltweit ältesten Staatskirche. Die Armenische Kirche behauptet einen apostolischen Ursprung. Ihrer Gründung voran ging die Wunderheilung eines Königs, der nach Jesus gerufen hatte, aber wegen dessen unaufschiebbarer Himmelfahrt nur mit einem Acheiropoieton (einer göttlichen Fertigstellung – Wir reden noch mal über das Kunstwerk im Zeitalter der göttlichen Reproduzierbarkeit) abgespeist worden war. Die Heilung gelang mit Hilfe des Emissärs Judas Thaddäus. Es gibt konkurrierende Versionen dieser Geschichte. Die Armenier verknüpften im IV. Jahrhundert die Kirche mit dem Staat. Daraus ergibt sich ein uneinholbarer Vorsprung – eine historische Sonderstellung – ein Alleinstellungsmerkmal.

Katerina Poladjan, „Hier sind Löwen“, Roman, S. Fischer Verlag, 288 Seiten, 22,-

Das Archiv entstand nach dem II. Weltkrieg in Jerewan. Das Mesrop-Maschtoz-Institut wurde atombombensicher in einem aufgeschlagenen Felsen errichtet. Wassereinbrüche schädigen seine Magazine. Die Schatzkammern sind das Ziel der gerade in Armenien gelandeten Restauratorin Helen/Helene Mazavian. Auf dem Weg zur Gruft der Nationalgeschichte erhält sie einen einordnenden Anruf. Die längste Zeit war ihr Familienname ein Silbenfremdkörper für Helen. Im Jetzt der Ankunft entdeckt sie ihn „in phonetischer Gesellschaft“.

„Bisher hatte ich ihn getragen wie ein unpassendes Kleidungsstück, wie einen verbeulten Hut, den ich auch zum Essen nicht abnahm.“

Der Name signalisiert in Armenien Zugehörigkeit und löst beim Publikum den Wunsch aus, Helen einzugemeinden und populär erscheinen zu lassen.

„Dikranian. Abovyan. Petrosian. Mazavian.“ Plötzlich bedeutet der Name das Richtige – richtig zu sein.

Das ist die erste Überraschung. Die armenische Geschichte öffnet ihre Schleusen und zählt ihre Schäfchen. Helen avanciert zur verlorenen Tochter, während sie ihrer Arbeit in der Abgeschlossenheit besonders temperierter Verliese nachgeht. Zum ersten Mal empfindet sie einen Mangel da, wo für sie Restauration lange alles war. Sie hat so viel nicht verstanden: hebräisch, lateinisch, arabisch. Armenisch will sie verstehen. So beginnt eine Kur der Aneignung.

„Sechsunddreißig Zeichen für sechsunddreißig Laute hat das armenische Alphabet.“

Erfunden hat es der Mann, nach dem das Institut benannt wurde.

Helen fühlt sich schön, wenn sie von der Liebe aufsteht. Poladjan zeigt zudem Gewinne der historischen Aufgeschlossenheit.

Die Handschriften sind Refugien von Briefen und Fotos; auch von Deportationsdokumenten. In einem Evangeliar mit ausuferndem Kolophon entdeckt Helene die kryptische und gekritzelte Notiz: „Hrant will nicht aufwachen“.

Karadeniz heißt das Schwarze Meer auf Türkisch. An seinen Gestaden blieb 1915 einer armenischen Familie nichts übrig außer Flucht. Davon legt das Evangeliar Zeugnis ab. 

„Hrant will nicht aufwachen.“   

„Wir folgen der Spur, die wir im Schnee hinterlassen“, sagt Danil, den die Ereignisse zu einer Stimme am Telefon degradieren, die Helene kaum noch erreicht. Der Arbeitsaufenthalt ist zur Mission geworden. Sie lernt, dass man Armenien nicht begreift, wenn man das Land durch die westliche Brille betrachtet. Ist es nicht ungemein beeindruckend, dass der stalinistische Riegel die Gesellschaft nicht von ihrer Gläubigkeit trennen konnte?

Ein Kirchenstaat im Kommunismus

Was sind schon hundert Jahre in einer seit Anbeginn unserer Zeitrechnung dauernden Konferenz mit Gott? 

So wie in Helen das Begreifen zunimmt und in diesem Prozess ein Raum entsteht, der den zurückgelassenen Liebhaber Danil vor der Tür stehen lässt, so wird die Leserin reicher in ihrer Teilnahme an einem nicht zuletzt furchtbaren Geschichtslektionen-Marathon. Der „berühmte Cognac“ wird neben dem Genozid-Museum hergestellt. Bei guter Sicht erahnt man den, in der Türkei aufragenden armenischen Nationalberg.               

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