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29.10.2019, Jamal Tuschick

Pablo Neruda wähnte sich für alle Zeit im Gedächtnis der Völker aufgehoben nicht seiner Dichtung wegen. Vielmehr glaubte das chilenische Nationalgenie, den Ehrenplatz verdient zu haben, weil er den im spanischen Bürgerkrieg geschlagenen Republikanern als Konsul in Paris weit entgegen kam. Doch wer weiß das noch? Isabel Allende lässt den aktivistischen Stolz der lateinamerikanischen Ikone einer anachronistischen sozialistischen Internationale in ihrem, im Titel bereits Neruda zitierenden Roman „Dieser weite Weg“ noch einmal aufleben. Darüber sprach Literaturagent Thomas Böhm mit der Schriftstellerin im Rahmen der „Schönen Lesung“ – einer Sendung von radioeins des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).

Der kleine Soldat aus der Schnullerkohorte

Isabel Allende im Gespräch mit Thomas Böhm

Eingebetteter Medieninhalt

Literaturagent Thomas Böhm tat sich schwer mit der in einer Art Altersadoleszenz stürmenden und drängenden Autorin. Mehr als einmal brachte ihn Isabel Allende in Verlegenheit. Sie trieb ihn so weit, dass er schließlich sogar eine verbale Vorkampfstellung einnahm:

„Fordern Sie mich nicht heraus.“

Es ging um Sex: durchaus mit sachlichem Ernst und einem mühsam bezähmten Verlangen ins körperliche Detail zu gehen.

Isabel Allende gehört zur Sturmspitze einer zwischen Jetlag und Shuttle Service oszillierenden salonsozialistischen Internationale. Dem Berliner Publikum erklärte sie, es sei ihr Job, „die Herzen der Menschen zu öffnen“. Stürmischen Applaus erntete sie für eine Menge Allgemeinplätze der Humanität und der Klimagerechtigkeit. Ihre Hoffnungen setzt sie furios in Fridays for Future. In ihrer, das Vermächtnis der verstorbenen Tochter Paula erfüllenden Stiftung empowert sie Frauen. Den Geschlechtsgenossinnen im Saal gab sie Tipps im Stil einer Gazettenratgeberin. Obwohl ihre literarische Produktion auf „Verlusten und nostalgischen Empfindungen“ basiert, verkörpert Allende die glückliche Frau. Böhm begab sich ungewollt auf Glatteis, als er seinen Gast fragte, woher den die überschießende Energie käme. Allende brannte darauf, aus dem Nähkästchen zu plaudern; sie hat gerade wieder geheiratet und balancierte coram publico auf dem schmalsten Grat der Peinlichkeit im Honeymoon-Modus.

*

Allende hatte um Lilien auf der Bühne gebeten, nun bat sie Böhm um die story behind the flowers. Die Antwort steht im Buch: „Bald streut man wieder Blumen aufs Blut“. Allende zitiert den Neruda-Vers vor einer Schilderung des Grauens. Einen Kindersoldaten aus der „Schnullerkohorte“, der auf den katalonischen Schlachtfeldern „die Engel gesehen hat“, reißt ein Tross-Zug zurück in die Etappe. Man legt ihn schließlich ab, auf dem kalten Beton eines Bahnhofs.

Die Verletzten bleiben bis zu Tod oder Genesung in Reih und Glied einer Ordnung, die vorsieht dem Knaben nicht einmal mehr Morphium zum Trost zu spenden. Er ist ein Kandidat für die wiegenden Schwestern, die nach ihren Müttern schreiende Sterbende halten: in Erfüllung eines Vertrags, der vorsieht, dass an anderer Stelle Schwestern das Gleiche für die Söhne, Brüder und Bräutigame der anderen tun.

Das erzählt Allende gekonnt, auch wenn alles abgegriffen ist. Der spanische Bürgerkrieg war für viele Hochbegabte ein Faszinosum. Die Hoffnungen einer Epoche starben mit einer Republik. Bis zum Untergang der Internationalen Brigaden entsprach bewaffnete Intellektualität keiner besonderen Überhebung. Man ging an die Front wie ins Theater.

Hand aufs Herz

Der Schatten eines Medizinstudenten fällt auf den kleinen Soldaten. Víctor Dalmau, der Held des Romans, hilft als Sanitäter, wo er kann. Neugier treibt ihn an. Er öffnet den Verband und bemerkt eine so saubere Wunde, als sei sie dem Angeschossenen „auf den Leib gemalt“ worden. Dalmau sieht das Wunder eines unbeschädigten Herzens, das gleichwohl vor seinen Augen aufhört zu schlagen. Da ergreift der Samariter das verstummte Herz, unterzieht es einer Massage und setzt es so wieder in Tätigkeit.

Bis zu den Knöcheln durch Blut waten, aber mit Standesbewusstsein

Das ist eine wahre Geschichte gegen jede Wahrscheinlichkeit. Ein Arzt beobachtet die Szene und heuert Dalmau auf der Stelle als Famulus an. Zwar zählt er zu jenen, für die „Gott und die Heiligen“ abgedankt haben, doch will er immer noch gesiezt werden. Auch verbittet er sich die uniforme Ansprache Genosse.

Dalmau verliert den kleinen Soldaten rasch aus den Augen, aber der Gerettete bringt den Namen des Retters in Erfahrung und lässt ihn sich auf die Brust tätowieren.

Bald mehr.

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