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01.11.2019, Jamal Tuschick

In „Gefühlte Zuversicht“ erzählt Frank Jakubzik von den Stillen im Land. Er beobachtet leise Verlierer bei der Inventarisierung des Nichts.

Die Cousine im Kinderzimmer

Versuchte Nähe

Frei assoziiert nach einer Melodie von Frank Jakubzik: Sie stellte sich im Tross ihrer Eltern ein; ein störrisch-gleichgültiger Beifang im Familiennetz. Der Besuch kam vom Dorf und hatte einen Hof zu verteidigen gegen jedes Ansinnen. Ein Grund- und Bodenstolz ging durch die Decke und füllte das Wohnzimmer usurpatorisch aus. Als Angehörige der besitzenden Klasse breiteten sich Marks Onkel und Tante im Wohnzimmer armer Verwandter aus. Sie waren Ramme und Walze. Irgendwann entzog sich die Tochter dem Wuchtgeschehen. Sie suchte und fand Mark hinter einer Schanze der Separation. Sie war ein Jahr jünger als der Cousin und wusste selbst nicht, was das sollte und was sie wollte. Plötzlich lag sie eben Mark auf der Klappcouch, aber da klappte nichts. Als die Gescheiterten sich ein Jahr später wiedertrafen … eine Hochzeit musste nach den Regeln des Dorfes, die in einem eklatanten Gegensatz zu den Gepflogenheiten in der Stadt standen, aufwendig begangen werden … besiegelten sie den Makel der versuchten Nähe mit Travestien der Unbefangenheit. Doch schon im folgenden Jahr standen sie als Paar vor dem Altar.

Wie er sich auch dreht und wendet. Das Misslingen bleibt Martin stets dicht auf den Fersen. Mit zwei Stapeln aussortierter und der beliebigen Nutzung anheimgestellter Bibliotheksbände gerät der Pechvogel vom Regen in die Traufe. Gehetzt fühlt er sich von „tausend Höllenhunden“. Dabei ist Martin viel zu uninteressant für jedes durchgreifende Engagement. Einen wie ihn lässt man links liegen oder im Regen stehen. 

Martin erinnert einen Bücherbus. Die ambulante Bibliothek spielte eine Rolle in seiner Kindheit. Ja, auch Sachen können Rollen spielen, denken sie an Küchen- und Prinzenrollen.

Frank Jakubzik erzählt von den Stillen im Land. Er beobachtet leise Verlierer bei der Inventarisierung des Nichts. Manchmal lässt mich Jakubziks Manier an Wilhelm Genazinos Wohlfühl-Melancholie denken; an heimliche Wahrnehmungsergüsse von Leuten, die sich drakonische Perspektiven auch deshalb leisten können, weil ihre Ansichten niemanden berühren.

Frank Jakubzik, „Gefühlte Zuversicht“, Erzählungen, Suhrkamp, 158 Seiten, 14,-

Jakubziks vermischte Prosa kommt mir so vor wie aus einem Container der Vergangenheit gefischt. Buchstäblich abgegriffen. Als habe Jakubzik auf einem Dachboden nie publizierte Manuskripte eines namenlosen Autors gefunden und die anachronistischen Texte fortgeschrieben. Autos, die schon lange keiner mehr fährt, finden in der Durchschrift Erwähnung. Ich nenne einen Chevrolet Camaro. Vermutlich hat Jakubzik nie gesehen, wie so eine Luden-Kreuzer-Erscheinung sich verhält zu den Kleinwagen der Angestellten in einer westdeutschen Großstadt, in der sich Heranwachsende mit Somnambulismus berauschen.

Jakubzik decouvriert die Beschwörungslust von Lichteinfällen als Reinfälle. Er ironisiert Beschreibungsmonomanie. So weist er etwas ihm Nahliegendes von sich. Der Monomanie ist das egal. Sie kommt hinterher und spielt Befall. Im Übrigen passiert wenig in den verregneten Geschichten, für die der Brinkmann-Titel „Keiner weiß mehr“ auch passend gewesen wäre. Eine obsolete Gegenwart bestimmt das stagnierende Geschehen.

Mark ist ein anderer Martin. Den Besuch von (in irgendeiner ruralen Einheit bizarr selbstbewusst gebliebenen) Verwandten erlebt er als herausfordernde Heimsuchung. Mark kann sich die Namen der Leute nicht merken. Er sieht nur festtäglich drapierte Bäuche und Busen. Lauter Wuchtbrummen drängen in das Wohnzimmer der Überrannten. Eine Cousine dringt in das zum Rückzugshort aufgestiegene Kinderzimmer des von Fremdheitsempfindungen Geblähten ein. Ein gescheiterter Annäherungsversuch bleibt fast folgenlos. Bei der nächsten Begegnung, „eine große Hochzeit (musste) gefeiert werden“, erscheint alles Gewesene wie ausradiert.

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