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01.11.2019, Jamal Tuschick

Gestern Abend wurde „Korea Independent“ mit „Our Body“ im Berliner Kino „Babylon“ eröffnet. Der Körperstreifen ist eine akademische Abschlussarbeit. Das Debüt weist die Filmhochschulabsolventin Ka-ram Han als wegweisende Regisseurin aus. Sie erscheint als Tabubrecherin auf leisen Sohlen.

Koreanische Beatgeneration

Auftakt von Korea Independent im Berliner Babylon - Zweite von links ist Ka-ram Han, die Regisseurin des Premierenfilms „Our Body“. Links neben ihr sitzt die Übersetzerin. Rechts außen sitzt der Welt-Kritiker Jan Küveler, ich glaube, neben einer koreanischen Kunstkritikerin.

Implosiver Exzess

Eingebetteter Medieninhalt

Traditionelles koreanisches Kino wird in Europa kaum wahrgenommen. Auf den großen Schauen der Festivals sieht man Avantgarde-Filme und cineastische Experimente. Die harte Bildsprache und eine Eastern-Actionbasierte Erzählmanier bilden einen grauen Dämmerungsstreifen am Horizont neuer und aufregender Sichtweisen. Ka-ram Hans Körperstreifen versammelt die Marken der koreanischen Alltagsgegenwart aus der Perspektive einer von höchsten Anforderungen auf einem engen Markt bedrängten Generation. Man wird sie einmal die koreanische Beatgeneration nennen. Vor allem Frauen agieren hier zwischen überkommenen Erfüllungszwängen und autonomen Reaktionen auf eine (bis zum implosiven Exzess) paternalistische Gesellschaftsordnung. Ka-ram Han spielt mit dem Sujet einer im Gefüge eingebetteten Liebedienerei. Drei ihrer vier Hauptprotagonistinnen eröffnen mit ihrem Verhalten Phantasieräume für eine unbeflaggte Dimension der Sexarbeit. Die Studentin Ja-young (Hee-seo Choi) schläft mit einem Vorgesetzten aus Jobgründen. Sie sagt das so in der Beiläufigkeit einer zufälligen Begegnung vor dem Schminkspiegel einer sanitären Anlage. Sie provoziert einen Vorwurf, den sie mit einem Achselzucken quittiert.

Nachgiebige Härte entspricht einer ständigen weiblichen Praxis. Vorderhand äußert man sich kollektivistisch-zurückhaltend im Rahmen unentwegter, wie Wellenszenarien anbrandend-aufrauschender Gruppenbildungen. Konventionelle Sprachfiguren überlagern einen subversiven Subtext, in dem Selbstbewusstsein verhandelt wird. Ja-youngs Unzufriedenheit mit einem Liebhaber bildet sich zwar nur mimisch ab …

Lausige Beziehungsperformance

Ja, Ja-young ist unzufrieden mit einer lausigen Beziehungsperformance, aber auf eine unnachgiebige Weise unzufrieden. Sie findet sich nicht ab. Sie sucht Anschluss an eine schöne Läuferin. Hyun-joo (Ahn Ji-hye) lässt sich lustvoll von ihrer Verehrerin anhimmeln. Die Exzellente ist für jede Menge Überraschungen gut.

Neben Hyun-joo wirkt Ja-young wie ein Tropf. Sie fängt an zu laufen, um sich besser zu gefallen, und sie fängt an zu trinken, um dem Schluckspecht vom Runner’s High ins Delirium folgen zu können.  

Hyun-joo lebt in einer artifiziell leeren Luxuswohnung.

Wie kann sich eine „kleine Verlagsangestellte“ so eine Wohnung leisten?

Mit dieser Frage wurde Regisseurin Ka-ram Han oft konfrontiert. Die Suggestion ist wieder Sexarbeit. Hyun-joo spielt einmal auf das Sugar Daddy-Sujet an. Die einatmend nachahmende Ja-young übernimmt den Passus Ich stehe auf ältere Männer, als sie den Sondierungen ihres Chefs die einweisende Richtung gibt.

Energieschatten

In „Our Body“ spielen Männer kaum eine Rolle. Ka-ram Han will trotzdem keinen Frauenfilm gedreht haben. Stattdessen bezeichnet sie ihr Debüt als autobiografische Arbeit mit einer ursprünglich publikumsfreundlicheren Anlage. Jedoch habe man in der Hochschule das Drehbuch mit dem Streichen von Antworten verrätselt. Viele Fragen stehen im Raum so wacklig wie Blinde auf einem Bein. So ergeben sich jede Menge „leerer Stellen“.

Ka-ram Han kam es darauf an, den „harten Konkurrenzkampf“ dazustellen, den sich junge Koreaner*innen liefern. Man sieht Hyun-joo auch fast nur an der Arbeit, beim Lernen und beim Laufen. Die Freundinnen wechseln sich in der Führungsposition ab, um der anderen eine Erleichterung im Energieschatten der Vorläuferin zu gönnen.

Hyun-joo und Ja-young saugen aneinander. Sie geben sich Kraft und erleben den erotischen Mehrwert dieser Kollaboration. Laufend steigert sich ihre Leidenschaft. Doch dann passiert ein Unglück, wenn es denn kein Verbrechen aus Leidenschaft ist.

Aus der Ankündigung

In Berlin läuft koreanisches Independent-Kino, und das bereits im dritten Jahr in Folge. Unter der Leitung des Koreanischen Kulturzentrums hat es sich das 2017 initiierte Filmfestival „Korea Independent“ zur Aufgabe gemacht, in Deutschland das koreanische Independent-Kino vorzustellen. 2019 wird das Festival vom 31. Oktober bis zum 5. November im Kino Babylon in Berlin-Mitte zelebriert. Zu den acht Filmen, welche die Berliner Zuschauer*innen erwarten, gehören sechs Independent- und zwei Dokumentarfilme.

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