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02.11.2019, Jamal Tuschick

Am 27.10. lief im Rahmen von Sundays for Hong Kong* der (kurz vor Hong Kongs Übergabe an China entstandene) Dokumentarfilm „Made in Hongkong“. Regisseur Luc Schaedler fragt darin sechs Bürger*innen nach ihren Erwartungen. Alle fürchten Freiheitsverluste und zeigen Abwehr angesichts der Einverleibung. *Sundays for Hong Kong ist eine von Thomas Oberender im Berliner Gropiusbau kuratierte Kino-Intervention zugunsten der umkämpften Stadt. „Ihr Ziel“, so sagt die Ankündigung aus, „ist es, durch die Präsentation von weniger bekannten, beispielhaften Dokumentar- und Spielfilmen bemerkenswerter Filmemacher*innen aus Hongkong eine Reihe der vielschichtigen Hintergründe von Kultur, Geschichte und Lebenswirklichkeit der früheren britischen Kronkolonie zu beleuchten.“

Permanent Performance

Salz und Perlen

Eingebetteter Medieninhalt

Zu Jesus‘ Lebzeiten erntete man im Schärenverbund an der Mündung des Yuejiang Salz und Perlen. Ein chinesisches Tortuga bot sich Briganten als An- und Auslauffläche an. Dann kamen schon die ersten Flüchtlinge, die ein Leben unter mongolischer Herrschaft vermeiden wollten. In der Neuzeit machten Portugiesen Hongkong zu einem Außenposten ihres Imperiums, bis sie von den Briten verdrängt wurden. Im 19. Jahrhundert stellte sich Hongkong als verträumtes Fischernest dar. Das alles war lange Vergangenheit, als eine Zäsur bevorstand, die alle älteren Wechselfälle in den Schatten stellte.

Hongkong war 157 Jahre britische Kronkolonie

1997 fiel Hongkong zurück an China und im letzten Jahr des britischen Mandats dokumentierte der Schweizer Ethnologe, Regisseur und Produzent Luc Schaedler das Heraufziehen der neuen Zeit. Schaedler nahm Maß an einem unteren Querschnitt in der Sieben-Millionen-Metropole. Die Bevölkerung ballt sich auf einem Bruchteil des Territoriums von Hong Kong. Ihre Homogenität sticht ins Auge. Interessanterweise sagen zwei Interviewte, dass ihr Chinesisch-sein in den Sternen stünde. Sie definieren sich in einem ganz und gar westlichen Sinn.

Heraus ragt der Architekturprofessor und Dekan Eric Lye. So treffend wie brillant analysiert er, wie und warum seine Stadt funktioniert. Nach der Zeitenwechsel wird er sein akademisches Prestige verlieren. Davon weiß er noch nichts, als er das massenhafte Zusammenleben auf engstem Raum einleuchtend erklärt. Individualität sei in Hongkong auf das Geschehen am Küchentisch beschränkt. Die Leute besäßen die innere Freiheit, außerhalb der eigenen vier Wände viel für sich behalten zu können.

Die stärkste Abweichung von einer konventionellen Existenz weist der Musiker Guo auf. Für ihn ist Rock’n’Roll das große Ding; er begreift sich als Mitglied einer Internationale der Rockmusik. Deutlich zum Ausdruck kommt bei ihm, dass er keine positive Idee von dem hat, was ihn erwartet. Der pakistanische Schauspieler Afzal verkörpert das Kuli-Elend der wenigen Migranten, die nicht als Beschleunigte einer globalen Elite den großen Marktplatz beleben, sondern den Bodensatz vergrößern.

Schaedler findet eingängige Motive einer dramatischen Armut, der eine selbstverständliche Segregation die Luft zum Atmen nimmt. Schräg wirkt der Händler Mohan, der philosophisch aufzutreten versucht, aber nur närrisch Binsen zum Besten gibt. In seinem Milieu nennen sich alle Geschäftsleute, obwohl die meisten so aussehen, als würden sie ständig im Freien übernachten.

Schaedler fährt mit der Kamera eine verrottete Infrastruktur ab. Die Megaskyline fokussiert er immer nur von unten. Selbst sein Professor ist nicht ernsthaft ein Repräsentant der oberen Zehntausend. Es gibt dann noch die südafrikanische, weitsichtig-depressiv beobachtende Journalistin Nicole und den englischen Ex-Polizisten Peter, der als junger Mann in Hongkong das Abenteuer suchte und die Liebe fand. Peters scharf geschnittenen Vignetten heben sich wohltuend ab von einem labyrinthisch irrlichtenden Larifari vieler Suq-Szenen. Der Film ist zu lang, hat aber nur eine Gong-fu-Sequenz. Schaedler versäumte es, die Nachkommen Yip Mans aufzusuchen und authentisches Wing Tsun (Wing Chun) zu überliefern.

Schaedlers Pech war, dass die Stadt selbst nicht aussagt. Sie ist einfach nur schnell. Laut und dreckig. Das Veränderungstempo bricht Rekorde. Nichts steht unter Denkmalschutz, alles kann zerhackt und einem Neubau preisgegeben werden.

Man ist als Hongkonger nicht Angehöriger einer Nation, sondern einer Handelsgemeinschaft, in der keiner weiß, was du willst, wenn du was anderes als Geld willst. Es gibt keinen heiligen Gral, keine Hagia Sophia und nicht die hängenden Gärten der Semiramis. Alles ist immer Jetzt. Jetzt ist immer. Ein Freund aus Jugendtagen, der längst tot sein könnte, kam einst aus Hongkong, erinnerte einen gefährlichen Anflug, rühmte die Pilotenkunst und behauptete, nun zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Permanent Performance. Der Titel wurde unser Programm.

Schneller Leerlauf

Die Veränderungen, die Schaedler zeigt, sind Verwerfungen in einer konformistischen Gesellschaft. Nicole sagt: „Es gibt viel Energie, doch ist nichts dahinter.“

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