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03.11.2019, Jamal Tuschick

Die Rand-Koch-Connection - Glaubt man dem Altmeister der Klimagerechtigkeit Bill McKibben, dann sind zwei amerikanische Brüder die mächtigsten Männer der Welt. Charles und David Koch agieren intern so kriegerisch ...

Plutokratische Exzesse

Charles und David Koch agieren intern so kriegerisch, dass sie ihre Geschwister übelst aus dem Kerngeschäft gemobbt haben, und zwar, so sagt es McKibben: nach den Devisen von Ayn Rand. Rand lässt in ihrem literarischen Universum, dass die Paradiesvorstellungen einer Nerd-Kohorte prägte, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein antikommunistisches und dezidiert unsoziales Weltbild politisch formatierten. Der Einfluss dieser Netzwerker begann unter Aufsicht der Ikone Rand in den 1950er Jahren. Damals entwickelte u.a. der Wirtschaftswissenschaftler James McGill Buchanan „eine operative Strategie, um das Regierungsmodell (der Vereinigten Staaten) … zu überwinden“.

Man etablierte eine Reihe universitärer Forschungseinrichtungen, um eine „neue Stammlinie von Denkern auszubilden“, die dem affirmativen Nachwuchs eines Tages überlegen entgegentreten sollte. Propagiert wurde das Gegenteil von ausgleichender Gerechtigkeit und der Primat der persönlichen Freiheit.

Den schöpferischen Menschen sollte nichts einschränken. Sein Vorrang schrie nach Manifestationen auf alle Lebensfeldern. Sein stärkster Gegner war der Staat. Das machte den Schöpfer zum Staatsfeind überall im Gesellschaftsgetriebe.

„Die Regierung ist eine Krankheit, die vorgibt, ihre eigene Heilung zu sein.“ Robert LeFevre

Heute ist ein Staatsfeind Präsident der Vereinigten Staaten. Er erledigt die Drecksarbeit für die Kochs, als einer von ihnen. Trump gehört zu jenen einsamen Prozent der Bevölkerung, das vollkommen bedenkenlos und frei von Unrechtsbewusstsein systematisch alles an sich reißen will.  

Das behauptet McKibben in seiner Bilanz „Die taumelnde Welt“.

Bill McKibben, „Die taumelnde Welt“, aus dem amerikanischen Englisch von Sigrid Schmid, Karl Blessing Verlag, 396 Seiten, 22,-

Elitäre Randgruppe

Er nennt die Brüder „die wichtigsten Architekten … (und) größten Nutznießer“ der Trump-Regierung. McKibben spricht von plutokratischen Exzessen auch im Zusammenhang mit Umweltauflagen. Solange „fossile Brennstoffe die lukrativste Substanz der Welt“ sind, werden alte weiße Männer mit Macht im wachsenden Schadstoffausstoß ihr Heil suchen. Die globale Erwärmung verlängert die Spannen der Exploitation unter arktischen Bedingungen. Die Kochs denken den Klimawandel vom anderen Ende. In ihrer Regie werden Bohrinseln gebaut und in Stellung gebracht, die sich dem steigenden Meeresspiegel gewachsen zeigen sollen.

Für diese Leute kommt der Neoliberalismus von oben; sein philosophischer Flügel ist der „Objektivismus“. Sie begreifen sich als elitäre Randgruppe und vertreten ihre Positionen nicht nur vereinzelt mit anarchischer Verve. Da ist eine adoleszent anmutende Bereitschaft zur Überschreitung von Normen und eine juvenile Freude an halböffentlichen Geheimgesellschaften, deren Niederlassungen zum Beispiel „Center for Libertarian Studies“ heißen.

Bruno Latour beschreibt den Faschismus der 1920er und -30er Jahre als ein Amalgam von Traum & Technik. Die Protagonisten der faschistischen Keimzeit verbanden „die Rückkehr zu einer erträumten Vergangenheit (Rom, Germania) mit revolutionären Idealen und der industriellen Modernisierung“. Wie in den Prozessen des akuten Jetzt liefen ihnen, von der roten Fahne gehend, Arbeiter in Scharen zu. Die Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht nur im Pendelschlag zwischen Tragödie und Farce (Marx).

Doch nicht die von der Globalisierung im Zeichen des neoliberalen Furors bedrohten Mehrheiten zeigen die Zeit zuerst an. Futuristen stellten Mussolini den Wecker. Ihr müsst auf die Kunst achten.

Die Kochs dieser Welt haben noch keine weltbewegenden Künstler in ihrer Phalanx. Prosaisch streben sie ein politisches Erdbeben an. McKibben beschreibt die Brüder und ihre Gang als Revolutionäre. Den Fluch der sozialen Verwerfungen begreifen sich als Pflug, der das Schwache untergräbt. Es ist alles Absicht in diesem Kampf um so viel Herrschaft wie möglich, solange man von McKibbens Analyse ausgeht. 

Planetarische Wirkung

Wer Donald Trump verstehen will, muss Ayn Rand lesen. Die Hohepriesterin einer einst neuen Rücksichtslosigkeit predigte Härte gegenüber Schwachen.

Der neoliberale Sturm und Drang berief sich auf Ayn Rand. Sie hielt sich selbst für die wichtigste Philosophin ihrer Zeit. In einem historischen Augenblick bestimmte ihr Weltbild den Kurs der Weltmacht USA.

Toxisch und kindisch-rigide findet McKibben Rands (von einem schroff Grenzen ziehenden Schematismus geprägten) Gesellschaftsidee.

„Rand hätte genauso gut mit Wachsmalkreide schreiben können.“

McKibben variiert das Sujet der Einfalt in der Kombination mit eigener und fremder Intelligenz. Rands militante Eindimensionalität verband sich mit der steinbrechenden Intelligenz hardcore-antikommunistischer Harvard-Absolventen.

Auf Rand reagierten Vordenker einer US-imperialistischen Politik, die sich nicht genierte, auf Schwäche mit Stärke zu reagieren. Rands planetarische Wirkung stand im Zenit, als die Leitlinie des Neoliberalismus in reaktionären Thinktanks formuliert wurden.

Wikipedia sagt: „Ayn Rand (1905 geboren in Sankt Petersburg; gestorben 1982 in New York) war eine russisch-amerikanische Bestsellerautorin jüdischer Herkunft. Rand war Atheistin. Sie äußerte sich zu Ökonomie, politischer Philosophie und Ethik. Dabei vertrat sie eine Variante des Libertarismus und u. a. die Ansicht, dass Moralität in rationalem Selbstinteresse gründe, sowie einen uneingeschränkten Kapitalismus. Ihre Bücher erreichten eine Gesamtauflage von 25 Millionen Exemplaren. Rand zählt in den Vereinigten Staaten zu den einflussreichsten politischen Autoren des 20. Jahrhunderts.“

Mission accomplished

Alan Greenspan zählt bis heute zu den potentesten Rand-Verehrern. Als „Hauptarchitekt der Weltwirtschaft“ nach der Entriegelung des Warschauer Pakt in der Folge einer erfolgreichen Demontage der UdSSR garantierte er eine transkontinentale Durchsetzung des Neoliberalismus. Greenspan gehörte zu Rands Jüngern mit Zugang zu dem New Yorker Salon der Schriftstellerin. 

Man traf sich jeden Samstag. Rand las den Erlauchten aus dem Manuskript von „Atlas wirft die Welt ab“. Nach der Veröffentlichung des zweiten Meilensteins in Rands Oeuvre kritisierte Greenspan einen New York Times-Kritiker, weil jener es versäumt hatte, die Hohepriesterin eines kultischen Egoismus in den Himmel zu loben. Mit Gerald Ford zusammen beriet Greenspan den Schauspieler Ronald Reagan in dessen Paraderolle als Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Man erinnere sich. Reagan bezeichnete die Sowjetunion als „Reich des Bösen“. Er wollte keine Gefangenen machen und keinen Ausgleich schaffen, sondern die Weltherrschaft so strahlend wie in einem Kinotriumph erringen. Für ihn und seine Leute gab es keine Zwischentöne und Alternativen.

Die Intellektuellen im Verein der Kompromisslosen nannten sich „Objektivisten“.

„Ich schwöre bei meinem Leben und bei meiner Liebe …: Ich werde nie für andere leben, noch werde ich von anderen erwarten, dass sie es für mich tun.“  Aus „Atlas wirft die Welt ab“

Margaret Thatcher setzte das Programm in Großbritannien um. Es gab eine Thatcher-Reagan-Achse der wirtschaftlichen Brutalität mit einer literarischen Quelle. Ein Coverwort zur Abdeckung finsterer Absichten war/ist Laissez-faire. In diesem Kontext gelten Steuern als Diebstahl. Der einzige Wertmaßstab ergibt sich aus der Arbeit. Wer eine schlecht bezahlte Arbeit gut macht, ist trotzdem wertlos (in der objektivistischen Weltordnung).

Wer Donald Trump verstehen will, muss Ayn Rand lesen.

Angst um den Hamburger

Bill McKibben im Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei – Das Urgestein des Klimagerechtigkeitsaktivismus präsentierte seinen Bestseller „Die taumelnde Welt“ im Gespräch mit der Aktivistin Clara Meyer und dem taz-Redakteur Peter Unfried.

Gegen G.W. Bush lässt sich eine Menge vorbringen. Auf den Mund gefallen ist der vor Trump dümmste US-Präsident aber nicht. Angesprochen auf die globale Erwärmung, konterte er mit dem Klassiker:

„Those who think we‘re powerless to do anything about the greenhouse effect are forgetting about the White House effect.“

Bill McKibben war schon ein Global-Warming-Warner als seine Gegner noch leichtes Spiel hatten und die Aktivist*innen es sich gefallen lassen mussten, zwischen Hysterie und Esoterik verortet zu werden.

Das ist lange vorbei.

Heute sind die neuen sozialen Bewegungen Global Player. Sie haben die Macht, Regierungen einzuschränken. Konzerne zwingen sie zu Desinformationskampagnen und Camouflage-Strategien. Stichwort Greenwashing.

Im Kesselhaus plädierte McKibben für mehr Aktivismus. Er will Regierungen zu Sidekicks der internationalen außerparlamentarischen Opposition machen; die Prozesse umkehren und sie so beschleunigen. Obwohl der Altmeister die Menschheit bereits unter dem Vordach des Zu-spät vermutet.

McKibben begrüßte „den neuen Mix aus Protest und Politik“ im Fridays for Future-Stil. Er berichtete von einer Begegnung mit Greta Thunberg, die er „smart“ findet.

Greta habe begriffen, worum es geht.

Mit hartgesottenen Kongressleuten sei sie leicht fertiggeworden. Sie verweigere sich grundsätzlich der überkommenen Praxis. Stattdessen verfolge sie einen Konfrontationskurs, der ihre Gegner zu Image schädigenden Manövern zwinge; obwohl sich die größere Machtkonzentration zweifellos auf der Gegenseite etabliert hat. McKibben erwähnte die sagenhaft reichen und mit ihrem Vermögen die amerikanische Politik bestimmenden Brüder Koch.

Kann es einen Wandel der Welt ohne eine neue Ordnung und ohne die totale Entmachtung der alten Spieler geben?

Seit der Feststellung des Treibhauseffekts vor dreißig Jahren haben sich die CO2-Emissionen weltweit verdoppelt. Mehr als die Hälfte der Gase werden in den alltäglichsten Abläufen freigesetzt.

Warum sollte sich daran grundsätzlich etwas ändern, fragte McKibben (vielleicht auch mit pädagogischer Skepsis?) – Da doch fossile Brennstoffe das Weltgeschehen in Gang halten. 

Boss Bashing

Kein Bild einer Entladung erreicht den tristen Furor eines Meteoritensturms. Im Verlauf ihrer Geschichte wurde die Erde immer wieder bombardiert und jedes Mal kam es zu einem Massensterben, das den Kleinsten die größten Überlebenschancen bot.

Der Feind ist „extrem solvent, gut organisiert und entschlossen (mit allen Mitteln) den Status quo zu verteidigen“.

Das gab McKibben der Aktivistin Clara Meyer zu bedenken, die sich berührend zu den anti-klimagerechten Ausbrüchen in den sozialen Medien äußerte. Die Abiturientin sieht sich Angriffen ausgesetzt, seit sie als Klimakämpferin sichtbar wurde.

Auch Clara Meyer bietet Repräsentanten der Großindustrie die Stirn und stellt ihnen verheerende Zeugnisse aus. Sie fragte den alten weißen Mann auf der Bühne:

„Was macht die Leute so wütend an der Klimagerechtigkeit?“

McKibben neigte sein Haupt und sprach: „Sie fürchten, dass man ihnen ihre Hamburger wegnehmen könnte.“

*

McKibben erklärte, dass sich Klimagerechtigkeit in konservativen Kategorien gut beschreiben lässt. Radikal seien die anderen. Die Radikalität trotze auf der Gegenspur dem besseren Wissen und der höheren Einsicht. Indirekt pflichtete die Kollegin McKibben bei.

„Wir tragen den Protest in die Wohnzimmer unserer Eltern.“

Das heißt, diese Jugendbewegung transportiert den Protest in den Mittelstand, wo der Bewahrungswille und das Beharrungsvermögen am stärksten sind. Folglich entspricht die Durchsetzung klimagerechter Ziele einer konservativen Revolution.

Aus der Ankündigung

Im Jahr 1989 warnte Bill McKibben mit seinem Buch »Das Ende der Natur« als einer der ersten vor dem Klimawandel und gilt seitdem als einer der weltweit führenden Umweltaktivisten.

Bill McKibben, „Die taumelnde Welt“, aus dem amerikanischen Englisch von Sigrid Schmid, Karl Blessing Verlag, 396 Seiten, 22,-

Im Jahr 2019 ist sein neuer Aufruf, der unmittelbar nach Erscheinen auf die NYT-Bestsellerlist einstieg, umso dringender und weitreichender. Denn die Menschheit ist dabei, nicht weniger als ihr Fortbestehen aufs Spiel zu setzen. Der Klimawandel ist heute, so McKibben, ein Hebel, der unsere Welt von Grund auf verändert. Die konzentrierte wirtschaftliche Macht in den Händen einiger weniger Spieler ist ein weiterer. Genauso die radikalen Konsequenzen der modernen Genetik sowie das Streben der Tech-Mogule nach künstlicher Intelligenz, das nach dem Sinn menschlichen Daseins gar nicht mehr fragt.

In »Die taumelnde Welt« tritt Bill McKibben einen großen Schritt zurück, um dieses gesamte »Spiel der Menschheit« zu betrachten: Welchen Lauf nimmt es, wer macht die Regeln, und wie wollen wir es in Zukunft spielen? In seinem neuen Buch wirft der Autor einen ungeschönten und doch hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft des Menschen.

Bill McKibben, geboren 1960 in Palo Alto, Kalifornien, ist einer der profiliertesten Umweltaktivisten der Vereinigten Staaten und Autor zahlreicher Bücher, einige davon Bestseller. Er ist Gründer der Initiative 350.org, die für die Reduktion von CO2-Emmissionen kämpft, im Sommer 2006 führte er die größte Demonstration in der US-amerikanischen Geschichte gegen die globale Erwärmung an. 2014 wurde er mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt.

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