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03.11.2019, Jamal Tuschick

„Ich wollte von mir selbst erzählen.“ - Regisseurin Ka-ram Han über ihr Kinodebüt „Our Body“

Imitationsimperativ

Hyun-Joo läuft voran

Leben, lieben, laufen ...

Eingebetteter Medieninhalt

Nach dem Laufen sind sie vielmehr angeregt als erschöpft. Sie baden in einer Flut von Glückshormonen. Hyun-joo (Ahn Ji-hye) bringt das Gespräch in ihrem avant-kargen Apartment auf Phantasien, ohne selbst viel preiszugeben. Die Verlagsangestellte mit dem unerklärten Upper-Class-Portfolio und einer heimlichen literarischen Produktion dominiert das Verhältnis. Werkstudentin Ja-young (Hee-seo Choi) patzt selten in der Rolle der Verehrenden, Anschmachtenden und (in einer ausufernden sinnlichen Prozesshaftigkeit) Nachfolgenden. Sie weiß, was von ihr erwartet wird. - Und sie will auch nichts anderes, als hingebungsvoll bewundern.

Ja-young steht unter der Kuratel eines Imitationsimperativs. Das erscheint ihr ganz natürlich in einer konformistischen Gesellschaft.

„Gesellschaft ist Nachahmung“, erkannte der französische Kriminologe Gabriel Tarde im 19. Jahrhundert. Er sprach von „ansteckender Nachahmung“ und Nachahmungssomnambulismus. Ka-ram Han liefert dieser Anschauung Szenen. Alles ist ein Tanz der Mimikry-Vampire in dem als akademische Abschlussarbeit angefangenen und als Kinodebüt finalisierten Körperstreifen „Our Body“.

Ja-young läuft hinter Hyun-joo her. Sie nimmt die aus einer größeren Anziehungskraft gewonnene Energie ihrer Vorgängerin so absaugend wie mit einem Rüssel auf. Auf Kommando überholt sie die Schönere und Schnellere und mimt einen Ansporn, unter Läufern Hase genannt. Sie gibt die Häsin, während Hyun-joo in allen Positionen bestimmend bleibt. Wenn ich es richtig erinnere, haben die beide nur in Ja-youngs Phantasie Sex, doch existieren beide in einem erotischen Kosmos, in dem auch Männer zum Geschehen beitragen. Tatsächlich besteht die Laufgemeinschaft aus Ja-young/Hyun-joo und zwei Männern. Die Mitläufer verblassen nicht gänzlich, sie drehen ihre Runden aber außerhalb eines magischen Kreises, in dem zweifellos viel mehr geschehen könnte, wäre Ja-young nicht so zurückhaltend.

Hyun-joo trinkt Whisky wie Wasser. Sie animiert die Freundin zum Trinken und zu anderen Formen (in Korea für Frauen) untypischer Entgrenzungen. Sie erfragt die geheimsten Phantasien. Sie fragt ab wie in der Schule, um die Antworten wie eine Schwarzpädagogin sogleich zu verwerfen.

„Das ist keine sexuelle Phantasie.“

Was ist keine …?

Als sich Ja-young die erotische Beichte abnehmen lässt, imaginiert sie eine Luxushotelszene mit einem Bad en Suite, einer Nightliner-Liege und einer besonders kostspieligen, im Zimmer servierten Restaurantmahlzeit. Der Liebhaber taucht in diesem Text bloß am Rand auf. Eine einzige Bemerkung speist ihn ab. Der Witz dabei: am Ende der Geschichte exekutiert Ja-young exakt das umrissene Programm, mit einem Burger de luxe als zweiten Höhepunkt nach der Masturbation. Ja-young erfüllt/erfühlt eine Glücksvorstellung ganz allein mit Leben.

„Our Body“ ist eine autobiografische Abwehr des männlichen Blicks; eine Reaktion auf einen Missstand.

In Korea bestimmen männliche Blicke nach wie vor die Frauenbilder.

Das Debüt verhandelt den Umstand, dass Selbstbestimmung ohne Vorbilder nicht funktioniert. Wo alles männlich determiniert ist, gibt es für alternative Ansichten keine Aussichten. Ja-young geht dagegen vor. Sie definiert den Körper als Arena ihrer Autonomie. Sie macht Liegestütze bis zur totalen Erschöpfung. In einer Einstellung knicken die Arme wie Streichhölzer. Aber schon das nächste Bild zeigt einen Triumpf. Ja-young nähert sich (in einer wiederum adaptiven Rumpfstudie) der Magerstufe ihres Idols. Die vorbildlichen Fotos sind natürlich messerscharf-schwarzweiß und zeigen das Maximum der süchtigen Kontur in Kombination mit idealen Voraussetzungen für die Selbstrepräsentation weiblicher Fragilität. Die Zuschauenden sehen ein Dilemma. Es ergibt sich in dem psychischen Stress, gleichzeitig Original und Kopie zu sein (sein zu wollen).

Meine Besprechung vom 01.11. 

Gestern Abend wurde „Korea Independent“ mit „Our Body“ im Berliner Kino „Babylon“ eröffnet. Der Körperstreifen ist eine akademische Abschlussarbeit. Das Debüt weist die Filmhochschulabsolventin Ka-ram Han als wegweisende Regisseurin aus. Sie erscheint als Tabubrecherin auf leisen Sohlen.

Implosiver Exzess

Traditionelles koreanisches Kino wird in Europa kaum wahrgenommen. Auf den großen Schauen der Festivals sieht man Avantgarde-Filme und cineastische Experimente. Die harte Bildsprache und eine Eastern-Actionbasierte Erzählmanier bilden einen grauen Dämmerungsstreifen am Horizont neuer und aufregender Sichtweisen. Ka-ram Hans Körperstreifen versammelt die Marken der koreanischen Alltagsgegenwart aus der Perspektive einer von höchsten Anforderungen auf einem engen Markt bedrängten Generation. Man wird sie einmal die koreanische Beatgeneration nennen. Vor allem Frauen agieren hier zwischen überkommenen Erfüllungszwängen und autonomen Reaktionen auf eine (bis zum implosiven Exzess) paternalistische Gesellschaftsordnung. Ka-ram Han spielt mit dem Sujet einer im Gefüge eingebetteten Liebedienerei. Drei ihrer vier Hauptprotagonistinnen eröffnen mit ihrem Verhalten Phantasieräume für eine unbeflaggte Dimension der Sexarbeit. Die Studentin Ja-young (Hee-seo Choi) schläft mit einem Vorgesetzten aus Jobgründen. Sie sagt das so in der Beiläufigkeit einer zufälligen Begegnung vor dem Schminkspiegel einer sanitären Anlage. Sie provoziert einen Vorwurf, den sie mit einem Achselzucken quittiert.

Nachgiebige Härte entspricht einer ständigen weiblichen Praxis. Vorderhand äußert man sich kollektivistisch-zurückhaltend im Rahmen unentwegter, wie Wellenszenarien anbrandend-aufrauschender Gruppenbildungen. Konventionelle Sprachfiguren überlagern einen subversiven Subtext, in dem Selbstbewusstsein verhandelt wird. Ja-youngs Unzufriedenheit mit einem Liebhaber bildet sich zwar nur mimisch ab …

Lausige Beziehungsperformance

Ja, Ja-young ist unzufrieden mit einer lausigen Beziehungsperformance, aber auf eine unnachgiebige Weise unzufrieden. Sie findet sich nicht ab. Sie sucht Anschluss an eine schöne Läuferin. Hyun-joo (Ahn Ji-hye) lässt sich lustvoll von ihrer Verehrerin anhimmeln. Die Exzellente ist für jede Menge Überraschungen gut.

Neben Hyun-joo wirkt Ja-young wie ein Tropf. Sie fängt an zu laufen, um sich besser zu gefallen, und sie fängt an zu trinken, um dem Schluckspecht vom Runner’s High ins Delirium folgen zu können.  

Hyun-joo lebt in einer artifiziell leeren Luxuswohnung.

Wie kann sich eine „kleine Verlagsangestellte“ so eine Wohnung leisten?

Mit dieser Frage wurde Regisseurin Ka-ram Han oft konfrontiert. Die Suggestion ist wieder Sexarbeit. Hyun-joo spielt einmal auf das Sugar Daddy-Sujet an. Die einatmend nachahmende Ja-young übernimmt den Passus Ich stehe auf ältere Männer, als sie den Sondierungen ihres Chefs die einweisende Richtung gibt.

Energieschatten

In „Our Body“ spielen Männer kaum eine Rolle. Ka-ram Han will trotzdem keinen Frauenfilm gedreht haben. Stattdessen bezeichnet sie ihr Debüt als autobiografische Arbeit mit einer ursprünglich publikumsfreundlicheren Anlage. Jedoch habe man in der Hochschule das Drehbuch mit dem Streichen von Antworten verrätselt. Viele Fragen stehen im Raum so wacklig wie Blinde auf einem Bein. So ergeben sich jede Menge „leerer Stellen“.

Ka-ram Han kam es darauf an, den „harten Konkurrenzkampf“ dazustellen, den sich junge Koreaner*innen liefern. Man sieht Hyun-joo auch fast nur an der Arbeit, beim Lernen und beim Laufen. Die Freundinnen wechseln sich in der Führungsposition ab, um der anderen eine Erleichterung im Energieschatten der Vorläuferin zu gönnen.

Hyun-joo und Ja-young saugen aneinander. Sie geben sich Kraft und erleben den erotischen Mehrwert dieser Kollaboration. Laufend steigert sich ihre Leidenschaft. Doch dann passiert ein Unglück, wenn es denn kein Verbrechen aus Leidenschaft ist.

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