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04.11.2019, Jamal Tuschick

„Neue deutsche Medienmacher*innen“ trafen sich vorgestern Abend im Kreuzberger Südblock zu einer Diskussion über Haltung im Journalismus. Auf dem Podium saßen Ferda Ataman, Konstantina Vassiliou-Enz, Samira El-Ouassil und Olivera Stajić. Die Ursachen für die dramatische Ungleichzeitigkeit zwischen den Tatsachen der Einwanderung und ihrer Rezeption vermuten die Journalistinnen im Basislager unserer Gesellschaft. Sie sagen: Wir haben ein Demokratie-, kein Migrationsproblem.

Planetarischer Plural

Nach dem Termin in der Berliner Nacht

Aktivistischer Journalismus im Dienst der Wahrheit

Von links: Konstantina Vassiliou-Enz, Samira El-Ouassil, Olivera Stajić

Ferda vorn

Sehnsucht nach der guten alten Glatze

Warten auf Godot

Konstantina Vassiliou-Enz: „Bei uns trugen Neonazis noch Glatze, da saßen sie in Österreich schon in der Regierung.“

Olivera Stajić: „Bei uns hat das Schieflaufen viel früher angefangen.“

„Wie viel Haltungsneutralität liegt in einem Porträt von Frauke Petry?“

Probleme bereitet(e) Ataman „ein doppelter Standard“.

„Es gab mal eine rote Schwelle, die jetzt nicht mehr da ist.“

Stajić hielt dagegen: „In Österreich hat es nie einen antifaschistischen Konsens gegeben.“

Die Virulenz im Stil

Wohl aber die abgefeimt-spekulative Manier, in der die neuen Rechten ihre wahren Absichten verhehlen. Das löst nicht nur bei Ataman eine Sehnsucht nach der bekennenden Glatze aus, die ihr sinisteres Programm aus lauter Affekt und Bildungsferne nicht poliert postuliert. Die österreichischen Identitären adaptierten zuerst das französische Feinstaub-Original für den deutschsprachigen Raum. Da offenbart(e) sich nicht nur ein Verbergen. Die Virulenz liegt im Stil.

Die neuen deutschen Medienmacherinnen sehnten sich auf der Bühne perspektivisch nach einfach bekämpfbarer solider Schlichtheit. Ataman versuchte sogar etwas mit Patriotismus. Sie sei „stolz“, dass der antifaschistische Limes in Deutschland so lange dem Ansturm widerstanden habe. Man widersprach vehement und nannte den Minimalkonsens“ einen Mythos. 

Ataman gab sich nicht gleich geschlagen. Sie erinnerte daran, wie umfänglich die NPD ausgegrenzt wurde, solange sie noch einer effektiveren Struktur als Steigbügelhalterin diente. 

Die hat man nicht in Talkshows eingeladen.

Verluste der alten Trennschärfen auf der ganzen Linie  

„Migration hat sich zur dominanten Chiffre für die Frage Europas nach seiner demokratischen Verfasstheit entwickelt. Die Migrationsfrage ist … zur neuen sozialen Frage des 21. Jahrhunderts geworden.“ 

In der postmigrantischen Gesellschaft lässt sich „die alte Trennschärfe“ zwischen Eigen und Fremd (zwischen „Etablierten und Außenseitern“ Norbert Elias) nicht mehr herstellen. Das führt einerseits zu einer neuen Normalität im Zuge der Erweiterung hybrid-diverser Konstellationen und andererseits zu einem „Anstieg rassifizierender Denkmuster“. (Naika Foroutan).

Diskriminierungsfolklore

„Ich bin in Deutschland geboren. Mir reicht das, um von hier zu sein“, erklärt Ferda Ataman in einem Aufruf zur Abkehr von jedwedem völkischen Unfug.

Anderen reicht das nicht. Manche hätten am liebsten das Segregationsinstrument eines zeitgenössischen arischen Ahnennachweises, um die Unterscheidung zwischen „echten“ Deutschen und „Passdeutschen“ amtlich erscheinen zu lassen.   

Festgestellt wird allgemein: „Wir waren (gesellschaftspolitisch) schon mal weiter.“

Die Migrationsdebatte im Geist der Seehofer-Restauration zeigt, was wir haben: nämlich ein Wahrnehmungsproblem. Die Mehrheitsgesellschaft wähnt sich in der Kommandozentrale des Tankers Deutschland und glaubt entscheiden zu können, wer an Bord kommt und was weiter geschieht.

Dabei sind Migranten längst Teil des planetarischen Plural. Die Vorstellung von einer weißen Aufnahmegesellschaft mit effektiven Zugangsregelungen, ist eine deutsche Lebenslüge.

Wie viele Deutsche, die ausländisch gelesen werden, wollen die neuen deutschen Medienmacherinnen zurückgebliebene Autochthone nicht ständig aufklären müssen. Merkmale ethnischer Differenz provozieren viel zu oft noch eine Überlegenheitsgewissheit.

Bald mehr.

Meine Besprechung von gestern

Aktivist*innen der Wahrheit

Keine Solidarität unter Kolleg*innen

In Österreich vollziehe sich die gesellschaftliche Selbstvergewisserung gegen die alt- und neurechte Hydra rituell und schematisch zwischen den Polen „Verharmlosung und Erschrecken“. Das erklärte Olivera Stajić vom „Standard“ in der Südblock-Runde der Medienmacherinnen. Der Faschismus wohnt in aller Gemütlichkeit im Haus der zulässigen Meinungen und da gewiss nicht im Souterrain. Er gehört zur Meinungsvielfalt und kann sich deshalb jederzeit so gekränkt zeigen, dass er kritische Journalist*innen ausschließt, wo immer er sich geriert.

Dem Ausschluss antifaschistischer Berichterstatter*innen folge keine Solidarität unter Kolleg*innen.

Das klang niederschmetternd.

Stajić erinnerte daran, dass in Österreich Faschisten zu keiner Zeit geächtet waren. Im Gegenwartskostüm des Rechtspopulismus schützt die Meinungsfreiheit von „demografischer Panik“ (Ivan Krastev, Stephen Holmes) erfasste Ethnopluralisten und Remigrationsbefürworter so sehr, dass man „nach einem scharfen (antifaschistischen) Kommentar“ mit publizistischer Reichweite, vom Pressesprecher einer sich düpiert gebenden, regierungserfahrenen Partei ins Gebet genommen würde. Man müsse super gut vorbereitet sein und stets damit rechnen, hart angegangen zu werden.

Antidemokratische Energien

Samira El-Ouassil sprach von „antidemokratischen Energien“ im öffentlichen Raum. Der Frame Journalismus versus Aktivismus sei ein Popanz; erdacht von Journalisten, die ihre Anti-Merkel-Agenda offensiv-aktivistisch verfolgen, wenn auch im Brustton staatstragender Überzeugungen.

El-Ouassil riet zur Begriffsklärung. Im Feuilleton ist Haltung nach allgemeiner Auffassung weiter nichts als Meinung; während Haltung in der Politik dann als Aktivismus in Verruf zu bringen versucht wird, wenn sich die Haltung gegen eine Ausbreitung des Faschismus wendet. Alte weiße Männer führten aus Angst vor Verlusten an der Deutungshoheitsfront Aktivismus als Feindbild im Schild.

El-Ouassil bezeichnete „Journalisten als Aktivisten der Wahrheit“. Sie genderte nicht, anders als ich im Titel.

Am Rand: „2008/2009 verließen mehr Mittel- und Osteuropäer ihre Heimat Richtung Westeuropa, als (später dann syrische) Kriegsflüchtlinge dorthin kamen.“ Ivan Krastev, Stephen Holmes

Ferda Ataman präsentiert sich so wie sie wahrgenommen wird.

„Ich bin Aktivistin. Bei mir ist alles transparent.“

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