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04.11.2019, Jamal Tuschick

Beobachtungen an einer Berliner Ecke

Kira çok yüksek

Kreuzberger auf dem Weg zur Arbeit

Eingebetteter Medieninhalt

Jemand fragt nach dem Weg zum „Blauen Affen“. So soll eine Kaschemme ganz in der Nähe heißen. Davon weiß ich nichts. Kneipen, die so hießen, standen oft im Abseits des räumlichen Verrufs sowie auf der Reeperbahn. Man fand sie in Hafenstädten. Heute kennt kaum einer noch den Hintersinn eines in der Invalidität gestrandeten und folglich zur Landvermessung gezwungenen Seemanns, der aus sich den Wirt machte und diesem Geschäft als blauer Affe nachging.

*

Straßenmusik lockt mich an. Ohne Ach der Krach. Punkrock wie im letzten Jahrtausend, entstanden aus Liebe zum Schnörkellosen. Die Szene zerfällt in zig Bildern, in einer Kernschmelze der Eindrücke. Eine Frau singt und begleitet sich dazu auf der Gitarre. Hinter ihr, seitlich versetzt und geradezu vertieft, prüft einer, was sein Zeug hält. Wie in einem Cormac McCarthy Roman so apokalyptisch.

Eine Schildforderung lautet: „Schützen wir Kinder vor Gentrifizierung“. Man entkommt diesem Wort nicht mehr. Was war da vorher? Was war in all den Räumen, die gestern Callcenter heißen? Und heute wie heißen?

„Playing tough music“, singt die Frau. Dünn wie Patti Smith ist sie. Ihr Schick erinnert mich an „Waterworld“. Nennt man das schon Retrofuturismus? Die Musikerin bespielt besetztes Gelände.

„The rent is too high“ steht über allem, auch auf Türkisch: „Kira çok yüksek“.

Die bürgerliche Mitte der Kreuzberger Gesellschaft ergibt sich aus türkischen Familien. Ihre Delegierten, meist gesetzte Frauen, sitzen solidarisch unter Planen und trinken Tee. Ihre Nachbarn, steinalte Punks, alte Verrückte und andere Verarmte sitzen im Freien und trinken Bier. Die wenigen jungen Leute im Publikum der Band sind extra divers. Ich beobachte eine schmucke Antifaschistin mit ethnischer Differenz, die ihre Überzeugung als Aufdruck trägt. In einem anderen Top könnte sie eine ganz andere Rolle spielen. Sie geht mit der Klingelbüchse herum, doch kann man für jede Spende genauso gut ein Bier in etwa kaufen. Vorsichtshalber spart man sich dafür die Spende. Die Augenweide der gerechten Sache hat Verständnis. Sie erklärt: „Schön, dass ihr hier seid, ist Solidarität.“

In der Haarsprache sagt einer sehr deutlich: ich will die längste Filzmatte auf Erden tragen. Ein Schmutzfänger als Personenschützer: vielleicht ist das die Idee. Die weitere Performance bleibt bieder beim Bier. Die Körpersprache sagt: ich fühl mich ausgesetzt und halte deshalb meine Flasche feste warm in meinem Oberschenkelfleischring.

Drei orientalisch-aristokratisch-adoleszente Grazien finden das Ganze ein bisschen zu lächerlich. Sie distanzieren sich mit kleinen Zeichen, doch ohne jedes Signal eines Aufbruchsbegehrens. Erst einmal müssen sie herausfinden, wo an Ort und Stelle los ist.

Jemand will mitsingen, kann aber bloß grölen. Die Sängerin diplomiert augenblicklich zur Diplomatin. Lustlos, klar, Diplomatie passt nicht zu Punk. Eine winzige Eskalation gibt sich zu erkennen. Der Grölmeier, eine abgesoffene und dauerbreite Kotzkötze, kennt nämlich die Sängerin und erkennt darin einen Grund für einen Plausch unter Bekannten. Man muss ich den Irrtum erklären, ihn regelrecht abführen muss man, indes ohne polizeilich oder so autoritär wie ein Blockwart zu erscheinen. Alles nicht so einfach.

Vorbeiziehende Jungen nutzen die Gelegenheit, um kurz am lautesten zu sein, in der Sprache ihrer Eltern.

Die Band pausiert, nun geht Mücke ab als singuläres Rollkommando. Bürgerlich heißt Mücke Achim Lothringer. Achim rät jedem, ihn zu googeln. Er hat sein Leben vertont, das Leben war eine wilde Jagd und Fluchtgeschichte bis jetzt. Achim ist zäh, er altert sehnig. Er apostrophiert sich als Veteran „der größten Schlacht seit dem Zweiten Weltkrieg in Berlin“. Achim bezeichnet so eine Auseinandersetzung zwischen Polizisten und Punks in den 1980er, mit einem toten Schweden am Ende.

Achim hat seine Geschichte aufgeschrieben. „Berlinbarbar – Ein Lebenslauf zwischen Party und Plötze“ (Plötze ist ein Berlinismus für die Justizvollzugsanstalt Plötzensee) - Achim präsentiert den Titel aus dem ständigen Vorrat der Rucksackambulanz. In abgeschlossenen Verhältnissen musste Achim Verpackungskram floral schönen, blumig erzählt er, wie zuwider ihm das war. Er verrät den Kniff seiner Erlösung. Auch als Ausbrecher tauchte Achim nie tief im Untergrund. „Auf Randale geeicht“ und stets scharf darauf aus, „Leuchtkörper, Fenster und Passanten aus ihren Fassungen zu reißen“, konnte er ganz einfach nicht unauffällig vorhanden sein. Es wussten immer alle, wo Achim steckte, (alle außer den Ermittlern,) so wenig mochte er sich verstecken mit seiner „Mittelpunkt-Sucht“. Der Zustand der Flüchtigkeit verschaffte Prestige, es adelte den Ausbrecher. Schließlich galt Achim „als unverhaftbar“. Mit einer geborgten Monatskarte gelangen ihm Husarenritte der Täuschung. Kaum zu glauben, aber bestimmt wahr. Achim genießt die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer*innen. So ein bisschen Köpenicker Hauptmann-Travestie ist im Spiel, das reizt die Leute. Sitzt ja keiner und steht auch keiner im Dunstkreis, der mit einer Obrigkeit unter die Decke zum Kuscheln möchte. Die Stadt soll die Kanalisation nicht verrotten lassen und der Staat mit der Knete nicht so knausern. An dieser Kreuzberger Ecke herrscht kommunale Einigkeit.

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