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05.11.2019, Jamal Tuschick

Der Soziologieprofessor Steffen Mau erinnert sich in seiner Eribonade „Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ an soziale Plattenschichtungen. „Die Platte versammelte alle Schichten … und schuf ein schichtenübergreifendes respektables Sozialmilieu“ in einer traditionslosen Zukunftsarchitektur.

Traditionslose Zukunft

Eingebetteter Medieninhalt

Wäre Deutschland ethnisch homogen, würden alle über die DDR reden. Dann gäbe es einen kilometerlangen Ost-Diskurs und eine von Westprofessor*innen dominierte uferlose Post-DDR-Soziologie. Mir ist das klar geworden, als jemand an einem Abend zu Ehren von James Baldwin den Autor mit den Worten zitierte: „Der Schwarze ist die zentrale Figur der Vereinigten Staaten.“ Der gesellschaftlich wirkungsvolle Rassismus, so Baldwin dem Sinn nach, kommt aus der weißen Angst vor einem Identitätsverlust in der Konsequenz von Verschiebungen im Machtgefüge, die sich aus der Einsicht in Unrecht ergeben können.

Ohne Migrant*innen würden Bürger*innen der neuen Bundesländer als Biografie-Partisanen und Akteure einer mit der Gegenseite verzahnten Differenz von den Standards der westdeutschen Kernmannschaften stärker als das wahrgenommen, was ihrer historischen Rolle entspricht. Dann wären Ostler*-Antagonist*innen die Schwarzen in einem diskriminierenden Kontext: im Ganzen zwar unterlegen, im Einzelnen aber störend. Das lässt sich umkehren: im Einzelnen zwar wirkungslos, im Ganzen aber systemverändernd. In dem so oder so deutschen Homogenitätsphantasma steckt eine Abwehr des Eigenen analog zu der Abwehr, mit der amerikanische Rassist*innen die Schwarzen Spiegel ihrer eigenen Geschichte verweigern. Afroamerikaner*innen lassen sich in Amerika nun mal nur phobisch als Fremde begreifen. Sie gehören von jeher in definierender Weise zu den weißen Hausgemeinschaften.

Die Migrant*innen helfen den Deutschen bei der Moderation eines Kernkonflikts. Deshalb gibt es so wenige Analysen in der Art von Steffen Maus „Lütten Klein“.

Steffen Mau, „Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“, Suhrkamp, 286 Seiten, 22,-

Mau nimmt Maß an Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“. Maus Reims ist der Rostocker Stadtteil Lütten Klein: in einem optimistischen Damals gestaltet nach Vorgaben eines sozialistischen Ideals; gesetzt auf Äcker und Wiesen. Von der Grundbeschaffenheit übrig blieb nichts. Rasenrechtecke spielen auf die Natur an. Die Natur spielte im realexistierenden DDR-Sozialismus keine Rolle. Die Ostsee strandet eine Fahrradviertelstunde vor den Haustüren ursprünglich Privilegierter in einer Gleichheitsgesellschaft. Die Bewohner*innen der Trabantenstadt lebten auf einem höheren Niveau gleich als die in planmäßig vernachlässigter Backsteingotik Zurückgebliebenen.

„Die Platte versammelte alle Schichten, alle Berufsgruppen und stellte durch die standardisierten Lebenslagen und die geringe Varianz der Lebensformen Kohäsion zwischen unterschiedlichen sozialen Fraktionen her.“

Die DDR, so führt Mau aus, setzte nicht auf den Erhalt von Bestand. Ihre Architekturpolitik besann sich nicht. Es kam keine Epochenrekurse. Vielmehr strebten die Planer*innen eine „traditionslosen Zukunft“ an. Sie träumten einen Ameisentraum. Ihre Konformismuserwartungen erfüllten sich. Die ging so weit, dass die Generationskohorten im Gleichschritt den Alltag absolvierten. Die Erwachsenen gingen tagsüber ihren Erwerbstätigkeiten außerhalb der Siedlung nach, es kam zu einer gleichmäßen Entvölkerung - zu einer sozialen Ebbe. Nachmittags strömten alle zurück und fluteten die Kaufhalle, bevor sie die Familieneinheiten wiederherstellten.

Mau schildert seinen Kindheitsalltag. Stets bewegte er sich in einem Verband. Besonderer Verabredungen bedurfte es nicht. Die Flexibilität war so gering, dass Strandtouren nur zu einer bestimmten Jahreszeit als Fortsetzung der Schule mit den Mitteln der Freizeit stattfanden. Der Selbstbestimmung wurde kein großer Wert beigemessen. Das Programm kollabierte in den Verwerfungen der 1990er Jahre. Die Ex-DDR-Bürgerinnen erlebten, wie die Modalitäten ihrer Aushandlungs- und Teilhabeprozesse außer Kraft gesetzt wurden; die soziale Mechanik versagte auf der Folie eines Triumphs. Sie hatten eine totalitäre Regierung abgesetzt und Gewaltige gewaltlos von der Macht getrennt. (Mit allem hatten die Entmachteten gerechnet, nur nicht mit Gebeten und Kerzen.) Nun sollte das alles bedeutungslos sein.

Entwertungen führen zu Verfestigungen

„Die Erfahrung der soziokulturellen Entwertung führte zu einer Verfestigung alter Prägungen“, schreibt Mau. Mentalitätsgeschichtlich folgten den in der Rostocker Backsteingotik Zurückgebliebenen die in den neuen Ländern Zurückgebliebenen. Sie beobachteten „die Abwanderung der Mobilen und Qualifizierten“.

Die Formulierung verweist auf eine degradierende Perspektive.

Erzählende Soziologie

In der DDR fehlte die statusmäßige Segregation. „Man wohnte zusammen und man wohnte gleich.“ Das erzählt Steffen Mau in seiner Eribonade „Lütten Klein“.  

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Wohnraum als Schlüsselgut

Steffen Mau erzählt vom Alltag in der vor Rostock auf Äcker und Wiesen gesetzten Plattenbausiedlung seiner Kindheit. Er beschreibt den begehrten Wohnraum in der Nachbarschaft als „ein Schlüsselgut, über das der Staat Verhalten prämierte“. Die Bewirtschaftung unterlag keiner ökonomischen Regulierung. Das war eine politische Angelegenheit. Das heißt, es wurden buchstäblich politische Preise aufgerufen. Dabei rief sich der Staat zweimal zur Kasse, so wenn er Energie zu Preisen unter den Stromentstehungskosten abgab. Er investierte in sein Image wie ein aufgehender Stern am Schlagerhimmel. Niedrige, vierzig Jahre stabil gehaltene Mieten firmierten als „Markenzeichen sozialistischer Wohnungspolitik“. Die Stagnation im Jubiläum las man am besten nicht mit. 

Der Staatsrat war stolz wie Bolle auf seinen Wohnungsbau im Plattenstil. Etwas Revanchistisches verschaffte sich da Genugtuung. Die Platte erteilte auch der feudal-bourgeoisen Vorkriegsarchitektur eine ideologische Abfuhr. Das Hochhaus erschien wie ein Leuchtturm im Kleinbürgerparadies. Die Nomenklatura sah in der Platte ein Ideal verwirklicht, ungeachtet des inkorporierten, überall seine Fäden webenden Mangels. Ich will nicht so weit gehen, zu sagen, dass die Platte eine pädagogische Funktion hatte und der Volkserziehung zur Gemeinschaft diente. Aber es geht doch in diese Richtung. Ein auf Arbeit fokussiertes, anti-bürgerliches, von den Ressentiments der kleinen Frau gesteuertes Gemeinwesen fand sich in der Plattenbausiedlung perfekt verkörpert.

Mau findet jede Menge Beispiele dafür, wie egalitär die realsozialistische Gesellschaft war. Aus diesem Vorsatz ergab sich eine schichtenübergreifende Respektabilität – ein Milieukonglomerat, dass 1990 seine Fasson verlor und nie wiederfand.

Sozialökologie des Wohnens

Der Soziologie Mau beteiligt den Leser an seinen nachdenklichen Suchbewegungen und den Prozessen einer archäologischen Spurensuche, die noch jede Menge ethnologisches Potential hat.

Schließlich gibt es den Ostdeutschen noch.

Er prägt sich seinen Nachkommen ein und produziert immer neue Kohorten von Agent*innen eines verschwiegenen kulturellen Dissenses. Ich reagiere auf Gleichheitsbeschwörungen im Text. Der Direktor wohnte auf einer Etage mit dem Pförtner same same but different. Der Pförtner nahm die Tram zum VEB, den Direktor holte ein Chauffeur im „dunkelblauen Wolga“ ab.

Aber sonst.

Aber sonst waren alle gleich.

„Unsere Nachbarn im Hochhaus waren Diplomingenieurinnen, Bäcker, Stahlschiffbauer, Lehrerinnen, Straßenbahnschaffner, Opernsänger, Lehrerinnen, Sprachwissenschaftlerinnen, Seemänner, Sparkassenangestellte, Bauzeichnerinnen, NVA-Offiziere.“

Die sozial diversen Hausgemeinschaften wirkten sich „als erweiterte Sozialisationsagenturen“ aus. Es gab Blockwärterinnen, Hausbücher, „in die sich … Gäste eintragen mussten“ und Stuhlkreise in fensterlosen bunkerartigen „Trockenräumen“. Die staatlichen Vorstellungen von Familienleben auf der Grundlage „sozialistischer Tatkraft“ wurden – zumindest in der retrospektiven, stark erzählenden Perspektive – modellhaft exekutiert. Ziel war es, die Macht der „Herkunftskontexte“ zu schwächen. „Von dieser Sozialökologie des Wohnens versprach man sich (nicht weniger als) einen Persönlichkeitswandel.“ 

Als Nebenertrag der Beschäftigung mit Steffen Maus Plattenbau-Eribonade „Lütten Klein“

Freiwillige Bauleistungen

Hausbesetzungen ohne revolutionären Aplomb - „Schwarzwohnen in der DDR“

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„Niemand hat normal eine Wohnung gekriegt“, lautet die zentrale Feststellung. Sie bezieht sich zumal auf Unverheiratete und Kinderlose. Das Kinderzimmer im Elternhaus galt als zumutbarer Wohnraum. Zu Besetzungen kam es bereits in den 1970er Jahren, als das offizielle Wohnungsbauprogramm der DDR seine Betonoffensive startete. Die staatliche Wohnraumlenkung versprach Fernwärme für alle. Doch war das Versprechen nicht zu halten. Junge Erwachsene entwichen allzu beengten Situationen in Altbauten. So wurden in Berlin-Friedrichshain 534 „unberechtigte Schwarzbezüge“ im Jahr 1979 registriert. Die regelmäßig baufälligen Häuser gehörten der „Kommunalen Wohnungsverwaltung“. Die Behörde ließ sie leer stehen. Eine Sanierung war gar nicht vorgesehen. Stattdessen stand Abriss an.

Udo Grashoff, „Schwarzwohnen. Die Unterwanderung der staatlichen Wohnraumlenkung in der DDR“, V&R unipress, 19.90 Euro

Grashoff: „Schwarzwohnen war keine Randerscheinung“ - und selten eine ideologische Angelegenheit. Die illegalen Einzüge erforderten allerdings „Zivilcourage“. Sie ergaben sich aus Trotz und Notwendigkeit und boten gleichzeitig „einer Kulturopposition“ und so auch einer Partykultur mit Hotspotcharakter Refugien.

Solche - in mehrfacher Hinsicht - „Freiräume“ unterlaufen Vorstellungen von der Omnipotenz eines strikten Regimes. In der DDR-Aufarbeitungsliteratur wird das Schwarzwohnen vernachlässigt. Man fräst sich mit diesem Thema in einen Nebenstollen der DDR-Alltagsgeschichte.

Wenn die historische Westperspektive den politischen Mehrwert von Hausbesetzungen zu bestimmen sucht, verfehlt sie eher unspektakuläre Freiheitsgewinne vor neunundachtzig. „Die Unterwanderung der staatlichen Wohnraumlenkung“ führte 1987 zu dem Ergebnis, dass von knapp achttausend zu Leerstellen erklärten Wohnungen 1270 nur vorgeblich der Behauptung entsprachen. Amtlich sprach man von „ungeklärten Mietverhältnissen“.

Schwarzwohnen konnte ein Ordnungsstrafverfahren nach sich ziehen, indes gab es „Strategien der Legalisierung.“, Ja, auch Heidi Bohley war eine Schwarzwohnerin, und Angela Merkel sowieso. Eine Pastorentochter in der FDJ, das gab es auch nicht oft. Ich stelle mir vor, wie die Bundesmutti in ihrer Mädchenblüte eine Wohnungstür in der Fehrbelliner Straße aufstemmt, wo „ein hauptstädtischer Unruheherd“ war.

Zu den Strategien zählten „freiwillige Bauleistungen“. Sie konnten zu nachträglichen Legalisierungen führen.

Traditionslose Zukunft

Der Soziologieprofessor Steffen Mau erinnert sich in seiner Eribonade „Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ an soziale Plattenschichtungen. „Die Platte versammelte alle Schichten … und schuf ein schichtenübergreifendes respektables Sozialmilieu“ in einer traditionslosen Zukunftsarchitektur.  

Eingebetteter Medieninhalt

Wäre Deutschland ethnisch homogen, würden alle über die DDR reden. Dann gäbe es einen kilometerlangen Ost-Diskurs und eine von Westprofessor*innen dominierte uferlose Post-DDR-Soziologie. Mir ist das klar geworden, als jemand an einem Abend zu Ehren von James Baldwin den Autor mit den Worten zitierte: „Der Schwarze ist die zentrale Figur der Vereinigten Staaten.“ Der gesellschaftlich wirkungsvolle Rassismus, so Baldwin dem Sinn nach, kommt aus der weißen Angst vor einem Identitätsverlust in der Konsequenz von Verschiebungen im Machtgefüge, die sich aus der Einsicht in Unrecht ergeben können.

Ohne Migrant*innen würden Bürger*innen der neuen Bundesländer als Biografie-Partisanen und Akteure einer mit der Gegenseite verzahnten Differenz von den Standards der westdeutschen Kernmannschaften stärker als das wahrgenommen, was ihrer historischen Rolle entspricht. Dann wären Ostler*-Antagonist*innen die Schwarzen in einem diskriminierenden Kontext: im Ganzen zwar unterlegen, im Einzelnen aber störend. Das lässt sich umkehren: im Einzelnen zwar wirkungslos, im Ganzen aber systemverändernd. In dem so oder so deutschen Homogenitätsphantasma steckt eine Abwehr des Eigenen analog zu der Abwehr, mit der amerikanische Rassist*innen die Schwarzen Spiegel ihrer eigenen Geschichte verweigern. Afroamerikaner*innen lassen sich in Amerika nun mal nur phobisch als Fremde begreifen. Sie gehören von jeher in definierender Weise zu den weißen Hausgemeinschaften.

Die Migrant*innen helfen den Deutschen bei der Moderation eines Kernkonflikts. Deshalb gibt es so wenige Analysen in der Art von Steffen Maus „Lütten Klein“.

Mau nimmt Maß an Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“. Maus Reims ist der Rostocker Stadtteil Lütten Klein: in einem optimistischen Damals gestaltet nach Vorgaben eines sozialistischen Ideals; gesetzt auf Äcker und Wiesen. Von der Grundbeschaffenheit übrig blieb nichts. Rasenrechtecke spielen auf die Natur an. Die Natur spielte im realexistierenden DDR-Sozialismus keine Rolle. Die Ostsee strandet eine Fahrradviertelstunde vor den Haustüren ursprünglich Privilegierter in einer Gleichheitsgesellschaft. Die Bewohner*innen der Trabantenstadt lebten auf einem höheren Niveau gleich als die in planmäßig vernachlässigter Backsteingotik Zurückgebliebenen.

„Die Platte versammelte alle Schichten, alle Berufsgruppen und stellte durch die standardisierten Lebenslagen und die geringe Varianz der Lebensformen Kohäsion zwischen unterschiedlichen sozialen Fraktionen her.“

Die DDR, so führt Mau aus, setzte nicht auf den Erhalt von Bestand. Ihre Architekturpolitik besann sich nicht. Es kam keine Epochenrekurse. Vielmehr strebten die Planer*innen eine „traditionslosen Zukunft“ an. Sie träumten einen Ameisentraum. Ihre Konformismuserwartungen erfüllten sich. Die ging so weit, dass die Generationskohorten im Gleichschritt den Alltag absolvierten. Die Erwachsenen gingen tagsüber ihren Erwerbstätigkeiten außerhalb der Siedlung nach, es kam zu einer gleichmäßen Entvölkerung - zu einer sozialen Ebbe. Nachmittags strömten alle zurück und fluteten die Kaufhalle, bevor sie die Familieneinheiten wiederherstellten.

Mau schildert seinen Kindheitsalltag. Stets bewegte er sich in einem Verband. Besonderer Verabredungen bedurfte es nicht. Die Flexibilität war so gering, dass Strandtouren nur zu einer bestimmten Jahreszeit als Fortsetzung der Schule mit den Mitteln der Freizeit stattfanden. Der Selbstbestimmung wurde kein großer Wert beigemessen. Das Programm kollabierte in den Verwerfungen der 1990er Jahre. Die Ex-DDR-Bürgerinnen erlebten, wie die Modalitäten ihrer Aushandlungs- und Teilhabeprozesse außer Kraft gesetzt wurden; die soziale Mechanik versagte auf der Folie eines Triumphs. Sie hatten eine totalitäre Regierung abgesetzt und Gewaltige gewaltlos von der Macht getrennt. (Mit allem hatten die Entmachteten gerechnet, nur nicht mit Gebeten und Kerzen.) Nun sollte das alles bedeutungslos sein.  

Entwertungen führen zu Verfestigungen

„Die Erfahrung der soziokulturellen Entwertung führte zu einer Verfestigung alter Prägungen“, schreibt Mau. Mentalitätsgeschichtlich folgten den in der Rostocker Backsteingotik Zurückgebliebenen die in den neuen Ländern Zurückgebliebenen. Sie beobachteten „die Abwanderung der Mobilen und Qualifizierten“.

Die Formulierung verweist auf eine degradierende Perspektive.

 

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