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05.11.2019, Jamal Tuschick

Der Dokumentarfilm „Ballad on the Shore“ lief vorgestern im Berliner Gropiusbau als dritter #SundaysforHongkong-Beitrag.

Caprifischer auf Chinesisch

Eingebetteter Medieninhalt

Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt/ Und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt/ Ziehen die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus/ Und sie legen im weiten Bogen die Netze aus/ Nur die Sterne, sie zeigen ihnen am Firmament/ Ihren Weg mit den Bildern, die jeder Fischer kennt/ Und von Boot zu Boot das alte Lied erklingt/ Hör von fern, wie es singt/ Bella, bella, bella, bella Marie, bleib‘ mir treu/ Ich komm‘ zurück morgen früh … Caprifischer

Riesenrad der Differenz

Es ist das alte Lied von einem mythischen Ursprung. Auf der Suche nach authentischem Seemannsgarn, Sirenensonetten, meerjungfräulichen Offenbarungen sowie einer gesungenen Wahrheit von Damals tappt ein chinesischer Professor Higgins durch Labyrinthe der Armut. Darin erschöpft sich die Erzählidee von Ma Chi-Hangs 2017 gedrehter Dokumentation „Ballad on the Shore“. Der Film lief gestern im #gropiusbau als dritter #SundaysforHongkong-Beitrag. Sein Hauptschauplatz ist eine Insel vor Hongkong. Auf Tap Mun werden Fischernetze noch von Hand hergestellt. Eine allezeit singende Handwerkerin beklagt den Flexibilitätsverlust in ihren Händen.

Das Meer vor der Haustür

hält sie so sauber wie jede schwäbische Kehrwöchnerin. In einer elegischen Szenenfolge zieht sie mit allerlei Gerät den Unrat an Bord eines Kutters, den der Gatte unendlich entspannt steuert.

Die Insel ist Heimat der Bootmenschen: Tanka genannt. Sie haben ihre ozeanische Lebensweise aufgegeben, sind aber immer noch in einem Rahmen eigentümlich und verbunden, der die Grenzen des bloß Folkloristischen offensichtlich sprengt. Sie existieren nach einem (in einem Rechtsstreit des 18. Jahrhunderts bestätigten) Gewohnheitsrecht und gehören historisch zu dem Reservoir der Geächteten. Ihre Minoritätskarriere begannen sie im Filter einer Fremdwahrnehmung, die sie nachweislich ab dem 11. Jahrhundert als tierische Barbaren vor Ort denunzierte. Man unterschied zwischen Fisch-, Austern- und Wald-Tanka.

Um als Tier und Barbar diskriminiert zu werden, brauchte es in China lange wenig mehr als die Annahme, nicht chinesisch zu sein.

Die Nachkommen der Parias stecken zweifellos noch in einer Stigmatisierungsschlinge. Unter sich beanspruchen Tanka auch eine ethnische Sonderrolle. Sie wird ihnen ferner zugeschrieben.

Für die Tanka vergangener Jahrhunderte war das Meer ein Zufluchtsort. Sie flohen vor ihren Verächtern auf die offene See.

Sie bewahren von der Han-Kultur abweichende Überlieferungsformen. Dazu gehören Lieder mit tonalen Spezialitäten. Die lässt sich Ma Chi-Hang vorsingen. Am eifrigsten singt eine Austernfarmerin, die als Aktivistin des in China inferioren Christentums auftritt. Als hochvitale und völlig entriegelte Repräsentantin von vermutlich einem halben Dutzend gravierender Abweichungen vom Hongkonger Normalverlauf, dreht sie ihr Riesenrad der Differenz mit närrischem Frohsinn.  

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