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10.11.2019, Jamal Tuschick

Nie hatte er ein „wirkliches Zuhause“. Auf einem „Kohlehäufchen“ vollzog sich episodisch eine Fortsetzung von Flucht & Vertreibung. Ai Weiwei sagt: „Wir haben ein falsches Konzept, die Welt zu sehen.“

Im Hinterland der Kuhdungfeuer

Ai Weiwei im Palais der Berliner Kulturbrauerei

Kunst ist politisch

Nie hatte er ein „wirkliches Zuhause“. Auf einem „Kohlehäufchen“ vollzog sich episodisch eine Fortsetzung von Flucht & Vertreibung. Ai Weiwei sagt: „Wir haben ein falsches Konzept, die Welt zu sehen.“

De-heimatize Belonging – Die Standortbestimmung des Maxim Gorki Theaters

Heimat ist wieder angesagt: nach dem Ende der großen Erzählungen des 20. Jahrhunderts erscheint die Flucht in die nationale Enklave wie eine rettende Vision. Die Lücke wird wieder gefüllt durch die Mythen von nationaler Einheit, klassischen Geschlechterrollen und natürlichen Hierarchien.“ Im Maxim Gorki Theater setzt man dagegen De-heimatize Belonging und versteht den Einwand als diskursive Intervention … Ai Weiwei repräsentiert diese Linie. Er postuliert:

„Wir haben ein falsches Konzept, die Welt zu sehen.“

Falsch im Sinn von inhuman.

Den Vater jagten Gardisten der Kulturrevolution. Sie verätzten sein Leben und schärften den von keiner Wohlfahrt je erreichten, verlumpten und zerzausten Nachbarn die Ächtung des Dichters Ai Qing ein. Doch widerstand der Mann und bewies eine Haltung, die dem Himmel getrotzt hätte, wäre dies nötig gewesen.

Maos Schergen trieben Ai Weiweis Vater in die Keller der Erniedrigung. Er war der Latrinen-Joe für die ruralen Fatalisten im Hinterland (von Peking aus betrachtet) der Kuhdungfeuer.  

Leben in feindlicher Dingwelt

Man wischte sich den Arsch mit Matsch und Sand und stieß Verwünschungen aus in einem Wahnsinn sinnloser Weite. Die Auguren im Land der Uiguren vermieden jede gnädige Prophetie.

Ai Weiwei strandete in Chinas Wildem Westen. Die Cowboys und Indianer träumten von der Rückkehr des großen Khan. Ihre Armut langweilte sie. Sie waren Krieger, auch die Frauen waren es, ich meine, so männlich. Sie existierten als Ver-rückte. Sie waren abgesprengt von den Verkehrsströmen des zivilen Wohlstandes. 

Es war idiotisch, so zu leben. Aber es passierte in den Stimmungen einer

visionslosen Korruption.

Die Expatriierten waren noch nicht mal Flüchtlinge, sondern schlicht Staatsfeinde.

Verätzende Parodien

1992 zerfiel ein Riese zu Staub. Die Sowjetunion hörte einfach auf zu existieren und gab dabei zwei Positionen kampflos preis: den Sozialismus und einen von Russland beherrschten Staatenbund. Die Nachahmung des Westens vollzog sich im Sog der postkommunistischen Schwäche. Kurz schien es, als sei der Weltgeist liberaler Demokrat mit planetarischem Alleinvertretungsanspruch. Für viele Beobachter der Siegermächte von Neunundachtzig sah es so aus, als würde die Geschichte gut ausgehen. Aus dem erstaunlichen Ende des Kalten Krieges leiteten Amerika und seine Zwerge die hemmungslos naive Vorstellung einer gradlinigen Entwicklung im Sinne einer Verwestlichung der Welt ab.

„Wie schnell geht es, einer Mehrheit einzuimpfen, dass du nicht zu ihr gehörst.“ Ai Weiwei

Russland startete eine Simulation demokratischer Institutionen. In der zweiten Phase spiegelte es die Kehrseiten liberaler Demokratien. Es lieferte verätzende Parodien und kritisierte so effektiv einen universalistischen Suprematie-Anspruch qua moralischer Überlegenheit. Man kann sich die Trump-Marionette militant neoliberaler US-Gamer rund um die Präsidentenmacher David und Charles Koch auch sehr gut als Putins Handpuppe ausmalen, so wie sich Putin als Strippen ziehender Puppenspieler fast so gut macht wie der chinesische Staatschef Xi Jinping.

China ging einen anderen Weg als Russland. Es borgte sich die Instrumente des technischen Fortschritts aus westlicher Produktion, ohne Konzessionen zu machen. Es bewahrte sich seinen Autoritarismus im Zuge einer Modernisierung. Davon berichtet Ai Weiwei in seinem „Manifest ohne Grenzen“. Er schildert den anachronistischen Züchtigungsstil, mit dem sein Vater, der Dichter Ai Qing, dann doch nicht gebrochen wurde; im Gegensatz zu so vielen, die Mao platt machen ließ, während sich westdeutsche Lehrer*innen ihre Stundenpläne in ihre Mao-Kalender eintrugen.

Angriff oder Flucht

Der schlafende Riese erwachte, und als er sich erhob, warf er seinen Schatten über den Erdkreis wie ein Lasso. Er verweigerte die Kontributionen. So viel mächtiger als Russland, schenkte sich China Putins verätzende Parodien auf die Weltformel Demokratie.   

China ist ein Pol, zu dem sich andere verhalten müssen. Gestern sagte der „Spiegel“-Afrikakorrespondent Bartholomäus Grill bei einer Präsentation seines Buches „Wir Herrenmenschen“, die chinesische Präsenz in Afrika habe in zwanzig Jahren mehr bewirkt als sechzig Jahre europäische Entwicklungshilfe zu bewirken vermochten.

Vertrautes Unglück

Man verbannt den Dichter aus Peking, zwingt ihn in das Joch eines Schreibverbots, erlaubt ihm, Latrinen zu putzen in einer westlichen Provinz.

Wenn Sie wissen wollen, woher Ai Weiweis Solidarität mit Geflüchteten kommt: der Grund dient seinem Schicksal als Boden. Man treibt den Verfemten und seine (keiner Erniedrigung entgehenden) Familie in das Land der Uiguren. Eines Tages sagt der Vater zum Sohn:

„Wir müssen weiter.“

Die Zukunft ist ein schwarzes Loch. Die Geächteten haben kein Bett, dass sie abschlagen könnten. Sie ziehen mit „Decken und Kohle“ weiter in noch größere Unwirtlichkeit. Sie erwartet Kälte und noch größeres Ungemach.

Ai Weiwei erzählt vom Verlust vertrauter Schaben … von einem Verlust vertrauten Unglücks.

„Ein wirkliches Zuhause konnte so nie entstehen.“

Bald mehr aus dem „Manifest ohne Grenzen“. Ich will noch einen Satz aus meinem Notizblock übertragen, den Ai Weiwei vorgestern im Palais der Berliner Kulturbrauerei so sagte, dass ich mich persönlich angesprochen fühlte. Der Mentor der Geflüchteten in alle Welt erklärte:

„Ich neige nicht zur Flucht.“

 

The Berlin Tapes                                                                              

Im Palais der Berliner Kulturbrauerei stellte Ai Weiwei sein in der kursbuch.edition erschienenes „Manifest ohne Grenzen“ vor. Das Werk entstand auf der Basis von Tonaufnahmen. Der Künstler besprach Bänder auf seinen Berliner Spaziergängen. Herausgeber Peter Felixberger erzählte in einer Vorrede von der Straßenlärmuntermalung, die Ai Weiweis Worte mit Berlin verbindet.     

 

„Wenn ein Künstler kein Aktivist ist, ist er ein schlechter Künstler. Kunst muss Werte bestimmen und Bedeutung herstellen.“ Ai Weiwei

Zuerst sprach Peter Felixberger. Er überlieferte eine Einschätzung Ai Weiweis. Der Künstler empfände sein „Manifest“ als „sehr deutsch“.

„Das Buch war eine weite Reise“, verkündete Felixberger.

Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich Naumann Stiftung, bezeichnete Ai Weiwei als „Symbolfigur für die Werte seiner Stiftung“. Paqué forderte, den Menschenrechtsverletzungen und Überwachungsstaatsallüren der chinesischen Machthaber nicht mit diplomatischen Ausweichmanövern zu begegnen.

Die rigorose Niederschlagungsbereitschaft von oppositionellem Widerstand hat seit Tian'anmen-Massaker 1989 nicht nachgelassen. Paqué erwähnte Hongkong, bevor er Ai Weiweis Kritik an Deutschland kolportierte. Ai Weiwei rät den Deutschen ab von jeder Nabelschau. Er unterstellt ihnen eine übertriebene Vorstellung von ihrer Freiheit.

Geächtet, verfemt und verbannt

Die Ai Weiwei befragende Journalistin Gisela Mahlmann begann mit Hermann Hesses „Stufen“ und zwar in dieser Stehgreif-Übersetzung: And every beginning, there is a magic in it Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Dem emphatischen Einstieg zum Trotz stieß sie sich an einem freundlichen Klotz. Ai Weiweis Antwort ließ mich an das Verrühren von etwas Zähem denken. Sein Vater, ein Dichter, wurde im Zuge der maoistischen Kulturrevolution als „Rechtsabweichler“ geächtet und in den Wilden Westen Chinas verbannt. Der Verfemte unterlag einem Schreibverbot, das in Jahrzehnten nicht aufgehoben wurde.

Der Poet putzte Latrinen.

Ai Weiwei verarbeitet die Degradierung als Regression in einer wahnsinnig kindlichen Welt, die so falsch eingerichtet ist, dass sich inhumaner Blödsinn zur Staatsräson erheben lässt.

Un-Heimisch

Aus Ai Weiwei spricht keine Bitterkeit, sondern Erstaunen. 1981 ging er in die USA und mischte sich da unter die Extremisten diverser Subkulturen. Er fotografierte jeden nackt, der das zuließ.

Ich bin ein Flüchtling auf der Welt; frei von dem Wunsch nach Sesshaftigkeit.

Fremd bleibt Ai Weiwei auch die „politische Struktur“ seiner ersten Heimat. 

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