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10.11.2019, Jamal Tuschick

Heute ist es einfacher, sich über Staatsgrenzen hinweg mit der eigenen Kohorte zu verständigen als über Generationen hinweg mit den eigenen Eltern. Die Grunderfahrung der Quartiermacher ist ein Verlust an Prägungskraft. Das erkennen Ivan Krastev und Stephen Holmes in ihrer wegweisenden, explizit als „Abrechnung“ deklarierten Analyse „Das Licht, das erlosch“. Was manche osteuropäischen Regierungen so treiben, nennen die Soziologen „Hütchenspiele mit der Verfassung“. Eine Variante ist die Übernahme westlicher Standards auf einer homophob-sexistischen Folie. Hätte so was auch in einer nach Neunundachtzig souveränen DDR passieren können? Tagesspiegel-Redakteur Robert Ide versäumte es, Wolfgang Thierse im Sonderzug nach Pankow zu fragen, ob die Übernahme der DDR die neuen Bundesländer nicht vor dem Schicksal Polens bewahrt hat. Gäbe man dieser Möglichkeit Raum, müsste man auch noch mal anders über den Wiedervereinigungshochgeschwindigkeitszugführer Helmut Kohl nachdenken.

Positive Selbstwahrnehmung

Tagesspiegel-Redakteur Robert Ide mit Kollegin in der U2

Robert Ide war vierzehn ...

Als der Osten im Wedding begann

Heute gibt es mehr Grenzen als zu den Zeiten der Berliner Mauer. Der Optimismus des Westens lahmt. Das Vertrauen in Demokratie sinkt. Der Liberalismus erscheint als kranker Mann am Hudson. Mit diesen Feststellungen beginnen Ivan Krastev und Stephen Holmesihre Abrechnung. Der dramatische Titel überschreibt ein effektives Stück narrativer Soziologie.

Ivan Krastev, Stephen Holmes, „Das Licht, das erlosch“, Eine Abrechnung, aus dem Englischen von Karin Schuler, Ullstein, 366 Seiten 26,-

Im Sonderzug nach Pankow sprach Wolfgang Thierse von einer „gespaltenen Stimmung“, die Deutschland teilt. Er riet zur Substitution des Stolzes. Der Sprachhygieniker mit einer Vergangenheit an runden Tischen und in höchsten Ämtern schlug als Ersatz eine „positive Selbstwahrnehmung“ vor.

Zu Wort kam auch eine Schülerin, die den Mauerfall in Belgrad erlebt hatte. Es gab da zwei deutsche Schulen. Sie unterschieden sich in ihrer Staatszugehörigkeit. Das Ende vom Lied war, dass in der Schule die DDR-Fahne vom Mast gezogen wurde. Für den linientreuen Auslandskader war das gewiss ein Kotzmoment …

der Klassenfeind im Klassenzimmer/die Widerlegung des Historischen Materialismus

… und weiter ging es. Jemand stemmte ein Mauerstück in die Luft, dass er persönlich am Potsdamer Platz aus der Wand zu schlagen das Vergnügen gehabt hatte. Für ihn war es ein Osterlebnis im Zuge der Entmachtung bis eben Allgewaltiger. Nichts wirkt lächerlicher als die abgehalfterte Machthaber*innen.

Eine Süddeutsche legitimierte sich mit einer Leipziger Großmutter. Einer wies einen Passeintrag vor, der ihn am 9. November 1989 zur Ausreise berechtigte.

„Den brauchte ich dann nicht mehr.“

Einer hatte hinter der Mauer seine Liebste aus den Augen verloren und sie am 9. Knall auf Fall wiedergefunden. Wer das glaubte, wurde selig.

Eine Schöneberger Grundschullehrerin im Ruhestand erinnerte sich an sich selbst als entschlusskräftige Person. Sie meldete sich wie eine Schülerin zu Wort. Wegen der Weltgeschichte habe sie den Unterricht ausfallen lassen und ihre Schutzbefohlenen zur Bornholmer geführt, um ihnen die Gegenwärtigkeit der deutschen Vergangenheit anschaulich zu machen.

Eine bekannte stolz, die letzte oder vorletzte Pionierin gewesen zu sein. Gerade als sie davon sprach, schluckte der zufälligste Lärm im Verein mit den notorischen Verkehrsgeräuschen die semi-klandestin-widerständige Rede.

Ide selbst erklärte, vierzehnjährig mit seinen Eltern über die Grenze gegangen zu sein.

„Wir kamen aus Pankow und wunderten uns, dass es im Wedding so aussah wie im Osten.“

Das Gefühl von 89 oder Der Sonderzug nach Pankow als rollende Redaktion - Gemeinsam mit der Berliner Zeitung und der BVG lud der „Tagesspiegel“ seine Leser*innen zu einer Ost-West-Spritztour ein. Zeitzeugen erzählten in der U2 ihre ganz persönlichen Mauerfall-Geschichten.

Eingebetteter Medien

In der Bahn „ist es so voll wie damals auf dem Kurfürstendamm“.

Mit einer Durchhalteparole wie aus der Kohlrübenära animierte uns Tagesspiegel-Redakteur Robert Ide die drangvolle Enge in der Tram mit Humor zu ertragen. Die meisten Passagiere hatten wohl die Idee, in einem Geschichtszug gut versorgt mit Organisationsleistungen in ein kathedralisches Erlebnis hinein zu rauschen. Doch gab es für innere Einkehr keinen Raum.

Ide befragte Sören Benn. Pankows Bezirksbürgermeister saß fest in einer Kaserne, als das Gerücht von der offenen Grenze ihn erreichte.

Mein Papa war zehn

Es herrschte gesamtdeutsche Einmütigkeit im Sonderzug nach Pankow, der als rollende Redaktion über die ehemalige innerdeutsche Grenze fuhr; obwohl nicht wenigen Zusteiger*innen das Besondere der Ostwest-Passage verborgen blieb. Touristen und Sportfreunde nutzten einfach nur ein Verkehrsmittel. Jüngere begriffen nicht, was Ältere ergreifend fanden. Eine Schülerin las vor, wie ihr Vater (dem Vernehmen nach) dem Fall der Mauer erlebt hat. Sie begann:

„Mein Papa war zehn, als die Grenze aufging.“

Der Einstieg erntete Heiterkeit, bei jenen, die mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten eine biografische Genugtuung verbindet.

Auch Benn glaubte als Wehrpflichtiger, „im Westen (sei) das Gras grüner“. Kein Zweifel bedrängte ihn, dass vor seinem nächsten Urlaub alles wieder beim Alten sein würde. Sein persönlichstes gesamtdeutsches Fazit zog Benn aus dem Glück der Liebe, die sich, so sagte er es, dem Mauerfall verdankt. Seine Frau kommt vom Bodensee. Ein gemeinsamer Hausstand bedurfte der Abdankung des Politbüros.

Die Rede war auch von Problemen, mit denen keiner gerechnet hat. Doch war dies nicht die Stunde der Problembären. Wir waren uns einig. Auch wenn wir uns nicht alle leiden können, wollen wir doch vereint sein, jeder auf eine andere Weise von den Emissionen der Einheit betroffen. In diesem Sinn äußerte sich auch Wolfgang Thierse.

„Ich bin beruhigt, dass gefeiert wird.“

Der frühere Bundestagspräsident bekannte seinen Hass auf das Wort „Wende“. Auch in meiner Zusammenfassung findet es keine Verwendung. Es ist ein Krenz-Wort, also grenzwertig. Egon Krenz, genannt das Gebiss, kurz Staatsratsvorsitzender eines sterbenden Staates, formulierte unter dem Druck der Straße:

„Die Wende ist eingeleitet.“

Wer erst Zwang ausübt und dann aus Schwäche überzeugend wirken will, verdient sich das Schicksal lebenslanger Lächerlichkeit.

Das Wende-Gerede impliziere „eine Herabwürdigung“ der friedlichen Revolution, an der inzwischen auch Westpolitiker angeblich beteiligt waren. So sprach Thierse immer noch feurig. Er genoss den Plural, der jene vereint, die ihre Angst vor der Macht zu überwinden die Kraft besaßen und mit dieser Kraft viele mitrissen.

Es sind immer nur Wenige, die vorpreschen und oft werden ihre Ideale von vorsichtig netzwerkenden Nachfolger*innen in die Tonne getreten. Thierse kasperte um Totem und Tabu, soweit es den Stolz der friedlichen Revolutionäre betraf. Er konzedierte sich im Verein mit jenen, die das Glück und die Traute hatten, ein Regime von der Macht zu trennen, das Recht auf „ein bisschen Stolz“.

Was soll das ein?

Thierse vernahm am Mauerfallabend Schabowski und zog trotzdem nicht los. Für eine Lüge hielt er alles, was ein SED-Funktionär zum Besten gab.

„Wir sind nicht losgerannt.“

Dem Sinn nach: Die Kinder waren noch klein und schliefen schon, und sollte es denn wahr sein, was wir noch für Lüge hielten, wollten wir es als Familie gemeinsam erleben.

Er kann so einnehmend bei sich bleiben … „so schön war Westberlin nie mehr“ wie damals als Thierse mit seinen Lieben sich der historischen Dimension des Augenblicks im Licht der eigenen Anschauung vergewisserte. Berliner umarmten sich. Es kam zur Verbrüderung.

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