MenuMENU

zurück zu Main Labor

13.11.2019, Jamal Tuschick

Es geschah an einem heißen Nachmittag im Oktober 1978. Meine vierjährige Schwester und ich sollten uns hinlegen, wie jeden Tag um diese Zeit. Ich war nur ein Jahr älter, fühlte mich jedoch zu alt für den Mittagschlaf und diskutierte täglich auf das Neue. Meine Mutter blieb unbeeindruckt. Sie sagte, ich solle jetzt ruhig sein und schlafen. Dann machte sie unsere Schlafzimmertür, die direkt zum Hof führte, hinter sich zu. Sie machte Feuer und setzte den Tonkrug auf, den sie sich schon für ihren nachmittäglichen Kaffee vorbereitet hatte. Die Aromen frisch gerösteten Kaffees breiteten sich in unserem Zimmer aus. Mit dem Duft in der Nase und dem Frust einer Fünfjährigen, die sich nicht ernstgenommen fühlt, schlief ich ein.

Maßlos – Eine Geschichte von Elilta Mesmer

Meine Mutter entschied sich für die Farben des Widerstandskampfes der EPLF (Eritrean Peoples Liberation Front).

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, den Film zurückspule, all die Stationen durchlaufe, einen Blick auf sämtliche Höhen und Tiefen werfe und mir die jeweiligen Empfindungen ins Gedächtnis rufe, dann gibt es da einen roten Faden. Die Kontinuität lässt sich in einem Wort fassen. Es ist ein Eigenschaftswort, daß mir schon lange allgegenwärtig ist und über das ich ständig stolpere. Es scheint, als klebe es an mir wie Dreck am Schuh. Was auch immer mir widerfuhr, ob in der Konsequenz eigener Entscheidung oder in der Folge fremder Einflüsse.

Es war maßlos.

Maßlos im Guten und im Schlechten. Die Wut und Zerrissenheit, die mich begleitet, wie auch das Misstrauen, sind maßlos. Die Liebe, die ich zu geben habe ist ebenso maßlos, wie die, die ich fordere.

An einem heißen Nachmittag im Oktober 1978

Meine Mutter war Lehrerin an einer evangelischen Schule. Sie hatte einen anstrengenden Tag und genoss die einkehrende Ruhe. Während der Kaffee über dem Feuer sein eigenes Schicksal zu haben schien, band sie ein Mokombia aus Palmblättern. Mokombia bezeichnet einen traditionell-dekorativen Korb. Meine Mutter entschied sich für die Farben des Widerstandskampfes der EPLF (Eritrean Peoples Liberation Front). Blau steht für den Himmel, grün für die Erde, rot für das Blut der im Krieg Gefallenen. Der gelbe fünfkantige Stern steht für die Naturressourcen, seine Kanten symbolisieren Gleichheit, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit, Einheit und Wohlstand.

Meine Mutter arbeitete seit mehreren Wochen an dem Gefäß. Sie freute sich, daß es immer mehr Form annahm und sich die Arbeit dem Ende näherte.

Bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen