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13.11.2019, Jamal Tuschick

„Alle alten Menschen fühlen sich vernachlässigt“, sagt der Vater. Der pensionierte Lehrer und still leidende Witwer gibt gerade ohne Not seine Selbstständigkeit zugunsten organisierter Entmündigung in einem Seniorenstift auf. Seine Entscheidung stößt auf die Kritik der einzigen Tochter, die sich kümmert. „Früher hattest du für uns Kinder keine Zeit“, hält sie dem Greisenlamento entgegen. Sie reagiert gereizt auf die onkelhafte Milde des Vaters, der sein Leben lang durchregiert hat. Es kommt ihr so vor, als wolle er sich davonstehlen.

Ying Liangs Kurzelegie „A Sunny Day“ spielt mit den Prozessen einer soften Radikalisierung in der Konsequenz staatlicher Repression

Vater und Tochter privat zwischen Zuneigung und Abwehr - und gesellschaftlich zwischen Resignation und Widerstand.

Eingebetteter Medieninhalt

In den ersten Morgenstunden des 28. September 2014 begann Occupy ein Sonntags-Sit-in im Hongkonger Regierungsviertel. Im Verlauf des Tages ging die Polizei dazu über, mit Tränengas auf die Demonstrant*innen einzuwirken. Die Traktierten schützten sich Regenschirmen. Das war der Anfang des Umbrella Movement.  

 „A Sunny Day“, Netherlands/Hong Kong, 2016, Regisseur: Ying Liang. Mit Cheung Tong Joe, Pang Pui Lam

Während auf der Straße Geschichte geschrieben wird, verabschiedet sich ein Mann von seinem Leben. Er hat mit allem abgeschlossen. Bald wird er zum letzten Mal seine Wohnungstür ins Schloss fallen lassen. Sein Blick sucht nichts mehr. Die innere Registratur ist zwar noch nicht geschlossen, doch löst der Anblick vertrauter Dinge keinen sentimentalen Impuls mehr aus.

Der Mann hat fertig.

Trotzdem hält er sich gerade. Er macht Gymnastik auf der Terrasse. Die Bewegungen sind kompliziert und kommen aus einer mir unbekannten Schule.

In dieser Abgeklärtheit begegnet er seiner aktivistischen Tochter. Ihre Geschwister haben gute Gründe, den Vater nicht zu besuchen; ein Bruder lebt in Kanada und hat die beste Ausrede. Klar ist, dass unausgesprochene Zerwürfnisse ihre Rollen spielen.

Anders gesagt. Die fürsorgliche Tochter vermisst eine väterliche Würdigung ihres Engagements. Ihre kleinen Feststellungen implizieren große Vorwürfe. Das Indirekte triumphiert.

Dem Vater scheint das ziemlich egal zu sein. Er wirkt wie ein Außenstehender, obwohl sich alles um ihn dreht.

Die Tochter eskaliert schweigend.  

In einem Verschlag findet sie verranztes Kinderzeug. In der Lagerung spricht sich Lieblosigkeit aus.

Sie bemerkt die Abwesenheit der Blumenkübel. Die Pflanzen wurden bei den Nachbarn abgegeben.

Es gibt drei Durchbrechungen der leichtfüßigen Schwermut. In einer Szene betrachten Vater und Tochter die Unruhen vor den Türmen der Macht im Fernseher. Es ergibt sich eine unerwartete Solidarisierung mit dem aktivistischen Standpunkt. Der Alte lässt einen Schein über den Tisch wachsen. Der soll sein Revolutionsobolus sein.

In der lebhaftesten Einstellung rezensiert er das Bild der Tochter am Herd. Sie wärmt eine Campbell Suppe auf … „muss man nur aufwärmen“: ein Klassiker meiner Kindheit … und hört dabei leicht verträumt klassische Musik. Die Konstellation (das Arrangement mit Campbell Büchse/ein Popartzitat) erinnert den Witwer im Vater an seine Frau, die er, so sagt er es, oft genauso wahrgenommen hat wie nun seine Tochter.

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