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14.11.2019, Jamal Tuschick

Jens van Trichts Wegweiser „Warum Feminismus gut für Männer ist“ analysiert toxische Männlichkeitsbegriffe. Die Flugschrift ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die freie Entfaltung von Talenten und Vorlieben eines jeden Menschen. Auch Männer werden vom Patriarchat beschädigt. Das ist eine Einsicht aus dem Katalog des Feministen. Eine andere Einsicht lautet: Macht teilen ist heilsam.

Voluntative Archaisierung

Links sehen Sie Jens van Tricht auf dem Podium des Gunda Werner Instituts. In einer (den Vortrag ergänzenden) Diskussion erkärte die konfessionelle Multiplikatoren-Trainerin Yvonne Eberhardt, dass geschlechterrechte Teamleitungsbildung inzwischen auch auf der katholischen Jugendarbeitsebene angekommen sei. Für diesen Fortschritt nehme sie in Kauf, die alten weißen Männer an der Pyramidenspitze (noch) nicht erreichen zu können. 

Neue Männer braucht das Land

„Das Patriarchat ist in unserer Gesellschaft die zerstörerischste soziale Krankheit, die den männlichen Körper und Geist angreift.“ Bell hooks, The Will to Change: Men, Masculinity, and Love

Er kommt aus dem Amsterdamer Häuserkampf der Kraker. Den eruptiven Start scheint Jens van Tricht als biografisches Ankerzentrum zu begreifen. Seine feministische Initiation stellte ihn erst einmal in ein alternatives Abseits. Die Frauenfrage erschien den radikalen Freund*innen vielleicht immer noch als Nebenwiderspruch der Klassenfrage. Jedenfalls „de-radikalisierte“ sich Tricht in einem Milieu, das sein Selbstverständnis aus einem Kodex ableitete, der den Offensiv-Feministen zum Renegaten machte.

Tricht deutet im Gunda Werner Institut Friktionen an. Offenbar lebt er immer noch mit einem genossenschaftlichen Vorwurf. Vielleicht kokettiert er aber auch. Er verkörpert den Typus Mann, der sich ständig der Angreifbarkeit seiner Performance bewusst ist und die allergischen Reaktionen antizipiert. Er zuckt auf der Bühne, gestresst von all den Distanzierungen und Vorbehalten, die jeder öffentlich sprechende Mann in einem feministischen Kontext zu bedenken hat. Im Grunde ist es nicht möglich, sich idealtypisch richtig zu verhalten; es sei denn, man hält die Klappe.

„Neue Männer braucht das Land - Es ist alles schon vor dreißig Jahren gesagt worden.“

Tricht begreift sich als „Schrittmacher“ in der Begrenzung des cis-männlichen Weißen. Er rehabilitiert sich als „gefühlt queer“.

Der Gender Justice will er zum gerechten Durchbruch verhelfen.

„Wir Männer dürfen nicht länger still sein.“

Seit wann sind Männer still?

„Das Männlichste, was Männer tun können, ist Feminismus.“
Geht es doch darum, männlich zu sein?

Es sei oft schwierig, Männer ihre weibliche Seite nahezubringen. Schließlich steckt in diesem Prozess Kritik an einer schwer erbrachten Leistung. In der Regie ihrer Eltern mussten Männer als Kinder vergangener Tage erst einmal die Lektionen maskuliner Trutz inkorporieren. Für jeden Schritt der selbstentäußernden Selbstüberwindung gab es Anerkennung. Das heißt, (ältere) Männer erwarten Liebesentzug für unmännliches Verhalten, nicht für das Gegenteil. Wurden im Verlauf der Sozialisation männliche Attribute erst einmal so aufgeblasen, dass eine ausbalancierte Existenz ausgeschlossen ist, beweisen sie eine enorme Resistenz. Die Widerständigkeit ist im Spektrum zwischen „Gewalt und Obdachlosigkeit“ für alle gefährlich, eben auch für die Probanden, die sich mitunter zu einer „Rückkehr in die Prä-Historie“ entschließen und ihren Lebensentwurf voluntativ archaisieren.

Tricht sagt: Alles kommt daher, dass wir (ausgehend von zwei) Geschlechter(n) (diese) als Dichotomie interpretieren, zweifellos auf einer Halde der Ignoranz in Anbetracht der Diversitätsdistribution.

Gestern las ich noch, nur weiß ich nicht mehr wo: Die Geschlechterspannung ist eine evolutionäre Einrichtung.

Tricht bekennt, sich selbst gründlich dekonstruiert zu haben. Im anschließenden Gespräch äußert sich ein Vertreter geschlechterreflektierender Pädagogik. Seinen Standpunkt überliefere ich demnächst.  

Aus der Ankündigung - Mit freundlicher Unterstützung des Königreichs der Niederlande

Viele Männer reagieren geradezu aggressiv auf Feminismus. Warum eigentlich? Leiden doch auch Männer unter den ungerechten Geschlechterverhältnissen, die sie selbst geschaffen haben: Sie bekommen häufiger einen Herzinfarkt als Frauen, begehen öfter Suizid, haben generell eine geringere Lebenserwartung. All das hat ganz wesentlich damit zu tun, dass sie sich immer noch an überkommenen Vorstellungen von Männlichkeit orientieren, möglichst viel arbeiten, Stärke und Durchsetzungsvermögen zeigen wollen. Nicht nur aber gerade auch gegen solche einengenden Rollenerwartungen kämpft Feminismus.

 

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