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15.11.2019, Jamal Tuschick

Eine Grunderfahrung der Clubgründerjahre: Wer im Osten Quartiermacher wurde, realisierte, „wie Zwänge ihre Macht verloren“. Auch davon handelt Ulrich Gutmairs Verschwende/Nutze-deine-Jugend-Derivat „Die ersten Tage von Berlin“.

Das Loch in der Mauer

Als Joschka Fischer noch in der Tucholsky Straße wohnte

Das Tacheles avancierte ruckzuck zu einer ersten Adresse im Kulturbetrieb

Eines Tages taucht Rita Süßmuth im Tacheles auf. Man führt die Christdemokratin demokratisch herum, ihre große Zeit ist lange vorbei. Sie lobt das Projekt, begrüßt die Instandbesetzung und genießt das Flair zwischen Jugendzentrum und Anarchie.

Ulrich Gutmair, „Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende“, Tropen/Klett-Cotta, 256 Seiten, 18,-

Berlin riecht nach Bitterfeld. Schwefel und Armut fusionieren furios. Nachts färbt der Dreck den Horizont orange. Die Jugend der Welt tanzt in den Mauerclubs, die ab Neunzig unter Brachen das Repertoire mit Triptycha des Bunkeresken anreichern. Alles erscheint radioaktiv kontaminiert. „Die Decken sind niedrig.“ Zu den sensationellen Nebensachen zählt die Kondensation. Die Partykeller riechen noch nach eingesperrter Dunkelheit, nach Einzelzelle, Verzweiflung, Kopfschuss, und sie riechen schon nach dem Schweiß des Neuen.

Die Jugend der Welt versammelt sich in Berlin, weil man da Sachen machen kann, die in London nicht gehen. Ulrich Gutmair nennt Namen von Schauplätzen, Protagonisten und Impresarios.

„Ich bin im Oktober 1989 nach Westberlin gezogen, um an der Freien Universität zu studieren.“

Das Tacheles ist rasch bald mehr als ein besetztes Haus. Ums Eck wohnt Joschka Fischer in der Tucholsky Straße. Er konferiert mit Bürgermeister Klaus, der neben dem Kiosk von Serdas Yildirim residiert und da eine ständige Vertretung seiner selbst prikär unterhält.

Wie genießt man die Früchte einer ausgebliebenen Revolution?

„Im Interregnum zwischen den Systemen (etabliert) sich ein Zustand“, der Utopisten Morgenluft wittern lässt. Die Anarchie schickt reitende Boten, und in einem Winter so kalt, dass der Alexanderplatz nur noch für Kettenfahrzeuge befahrbar ist, erfolgt eine der folgenreichsten Hausbesetzungen in Mitte.

Berlin ist noch nicht wieder Hauptstadt. Manchmal fühlt sich die Stadt so an, als habe Charlottenburg einen sibirischen Vorgarten geerbt. Man weiß gar nicht, ob man den haben will.

Die Internationale der urbanen Nomaden kriecht durch ein Loch in der Mauer nach Ostberlin und erobert die Räume unter den Falltüren.

„Wer nach drüben geht, erlebt, wie Zwänge ihre Macht verlieren.“

Fischer kauft bei Yildirim und erklärt das Berliner Wasserhäuschen zur Institution.

Der Penner Klaus hat einem Platz in Mitte. Gutmair bemerkt das Besondere an der Lage. Gentrifizierung ist noch kein Thema.

„Wir rissen die Wände ein“ … und diskutierten Türpolitik.

„Warum soll man arbeiten gehen, wenn man Kunst machen kann?“

Bald mehr.

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