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17.11.2019, Jamal Tuschick

Maßlos – Eine Geschichte von Elilta Mesmer - 2. Folge

Vorspann

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, den Film zurückspule, all die Stationen durchlaufe, einen Blick auf sämtliche Höhen und Tiefen werfe und mir die jeweiligen Empfindungen ins Gedächtnis rufe, dann gibt es da einen roten Faden. Die Kontinuität lässt sich in einem Wort fassen. Es ist ein Eigenschaftswort, daß mir schon lange allgegenwärtig ist und über das ich ständig stolpere. Es scheint, als klebe es an mir wie Dreck am Schuh. Was auch immer mir widerfuhr, ob in der Konsequenz eigener Entscheidung oder in der Folge fremder Einflüsse.

Es ist maßlos.

Maßlos im Guten und im Schlechten. Die Wut und Zerrissenheit, die mich begleiten, wie auch das Misstrauen, sind maßlos. Die Liebe, die ich zu geben habe, ist ebenso maßlos, wie die, die ich fordere. 

Die Handlung setzt im Oktober 1978 ein.

Die Mutter der Erzählerin arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule. Nach einem anstrengenden Tag widmet sie sich in häuslicher Umgebung einer Handarbeit. Sie flechtet Palmblätter zu einem Mokombia. Mokombia bezeichnet einen traditionell-dekorativen Korb. Die Mutter bastelt in den Farben des Widerstandskampfes der EPLF (Eritrean Peoples Liberation Front). Blau steht für den Himmel, grün für die Erde, rot für das Blut der im Krieg Gefallenen. Der gelbe fünfkantige Stern steht für die Naturressourcen, seine Kanten symbolisieren Gleichheit, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit, Einheit und Wohlstand.

Über einem offenen Hoffeuer braut die Emsige Kaffee. Auch das vollzieht sich in rituellen Prozessen.   

Aromaorgie

Meine Mutter arbeitete seit mehreren Wochen an der Sache. Sie genoss den Fortschritt und erfreute sich an der allmählichen Formvollendung. Die Arbeit näherte sich dem Ende.

Kraftvoll zog meine Mutter am gelben Faden. Der Kaffee kochte auf. Sie legte das Mokombia auf die Seite, goss Kaffee in eine Tasse und wieder zurück in den Tontopf. Dreimal ließ sie den Kaffee „aufstoßen“, so sagt man in Eritrea, wenn der Kaffee aufkocht und hochkommt. Jedes Mal fing sie den überlaufenden Kaffee mit einem Behälter auf und goss ihn wieder zurück. Dann löschte sie das Feuer aus und überließ es dem Kaffee, sich in einer Aromaorgie zu setzen. In der Zwischenzeit flocht sie weiter. Ich glaube, in dieser Konstellation erfüllte sich, was meine Mutter unter Ruhe und Freizeit verstand.

Plötzlich klopfte es am eisernen Tor.

Meine Mutter schnappte sich eine Hand voll Zwiebelschalen, die (vom Mittagessen übrig geblieben neben ihr) auf dem Boden lagen und legte sie in das Mokombia, um die Farben der verbotenen Fahne zu verbergen. Es war so klüger, denn man wusste man kaum, wer Freund und wer Feind war. Meine Mutter öffnete das Tor einen Spalt breit. Eine Unbekannte fragte: „Bist du Mihret?“

In diesem Moment erkannte meine Mutter, die sich damals Ethiopia nannte, in welcher Gefahr sie schwebte und wusste wohl, wer sie verraten hatte. Sie ließ die Frau eintreten, verschloss eilig hinter ihr den Hofzugang und verriegelte das Tor von innen.

„Ich stand an der Bushaltestelle vor der Coca-Cola-Fabrik, als die Afan kamen“, berichtete die Fremde.

Afan! So nannten wir die äthiopischen Soldaten, die in VW-Bussen in der Stadt patrouillierten, auf der Suche nach Widerstandskämpfern oder „Verrätern“. Sie waren bekannt für ihre Grausamkeit. Nur im äußersten Glücksfall töten sie einen sofort.

„Sie fragten uns, ob wir eine Mihret kennen und gaben uns deine Beschreibung. Ich kenne dich vom Sehen und wusste in welcher Straße du wohnst. Den Afans sagte ich, daß ich wüsste, wen sie meinten und behauptete, dich vor einigen Stunden stadtauswärts fahrend in einem Bus gesehen zu haben.  

In der letzten Nacht hatten Widerstandskämpfer der EPLF bei uns übernachtet. Die Decken, die sie benutzt hatten, hingen noch an der Leine. Während sie der Botin des Unheils zuhörte, schnappte sich meine Mutter eine der Decken und rannte überstürzt aus dem Hof. Es blieb keine Zeit zum Packen oder gar für Erklärungen, doch das war auch nicht nötig. Meine Mutter rief der Fremden zu: „Meine Töchter schlafen. Schick sie mir nach“.

Sie musste sich beeilen, die Stadt zu verlassen, bevor der Steckbrief für sie überall und besonders an der Ortsgrenze hängen würde. 

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