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24.11.2019, Jamal Tuschick

Als Heiner Müller im Bett entdeckte, dass der Ruhm da war. Lauter Ostdeutsche Dichter im Berliner Haus für Poesie beschworen den qualmenden Chefgeist der Sächsischen Dichterschule an einem Abend ohne Rosenlöcher.

Sich das Leben erschreiben

Daniela Danz, André Schinkel

Beinah hätte Heiner Müller seinen Ruhm verschlafen

André Schinkel ist „gelernter Rinderzüchter“ und Archäologe. Gastgeberin Daniela Danz streicht den gelernten Rinderzüchter in ihrer Vorrede so illustrativ heraus, dass sich das hochtrabende Attribut baronesk ins Bild drängt. So sieht er auch aus. Schinkel käme für die Rolle des angeschlagenen, mitunter eigenhändig die Forke ergreifenden Barons, befangen in einem tiefgreifenden Zwiespalt zwischen heiteren und gedrungenen Motiven … leichter Muse und harten Destillaten … Melancholie und Irrsinn … Magd und hochgeborener Großerbin sehr wohl in Frage. Einmal zwinkert er zu seinem Vergnügen irritiert ins Publikum. Ich fühle mich angesprochen, als einer, der vielleicht ein paar Fotos zu viel macht.

Warum machst du das, du Schrat in der Allwetterkluft des Winterradfahrers? Es sieht doch jeder, der zu sehen verdammt ist, dass in dir der graue Wille eines alleinlaufenden Wolfs haust.

Schließlich sitzen keine Filmstars auf der Bühne im Berliner Haus für Poesie. Gern würde ich Schinkel meinen Mainlabor-Wochenplan erklären. Sechs Fotos und drei Texte, das heißt, drei Beiträge ziehe ich aus diesem Abend, an dem außer Schinkel Heiko Strunk, Ralf Meyer, Daniela Danz, Steffen Mensching, Heiner Müller, Peter Hacks und Thomas Rosenlöcher Rollen spielen. Müller schwebt als Chefgeist der Sächsischen Dichterschule über allen und qualmt den Himmel zu.

Er qualmt und qualmt. Ich erinnere wie im Überflug eine Erdenfeindschaft als Verbindung. Müller und Hacks verabscheuten sich mit Respekt. Ich habe erlebt, wie Tragelehn den analytischen Mehrwert im produktiven Gegensatz der Dramatiker bestimmte. Der Brecht-Schüler, letzte Präsident des Ostdeutschen PEN und langatmige Vorsitzende der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft skizzierte einst eine Mathematik des Sozialen in sozialistischer Koordination im Berliner Brechthaus.

Damals im Brechthaus

Für die Jüngeren war alles Geschichte und gesellschaftliche Bühne. Gegeben wurden Beispiele für politische Zurechtweisung, künstlerischen Eigensinn, die Maßnahmen der Selbsterhaltung und die Lichteinfälle der DDR-Intelligenz. Am schönsten überliefern sich Freundlichkeiten, mit denen die Herrschaften einander ihren Gram zeigten.

„Seine Art zu wohnen hat keine Eigenschaften“, schrieb Hacks über den „asozialen Müller“. Dem Sinn nach: Auf seinen Regalen dürfen sich die Einmachgläser aus dem Keller wohler fühlen als die armen Bücher, die da – nur mit ihrem Gebrauchswert dotiert – stehen müssen. Der zunächst weit berühmtere Hacks, meistgespielter zeitgenössischer Dramatiker der 70er Jahre in beiden deutschen Staaten, unterstellte Müller,

„Fragmente (schlicht) nach einer Ablagerungsfrist für vollendet zu halten“.

Hacks stellte fest:

„Müller schläft, wenn er müde ist, isst, wenn er Hunger hat.“

Hacks variierte nicht nur einmal den „Mann ohne Eigenschaften“, auch Byrons I awoke one morning and found myself famous gefiel ihm für eine Paraphrase:

„Müller entdeckte im Bett, dass der Ruhm da war.“

Müller erschien Hacks „als Mann von Laune“, der

„auf den Kommunismus so wettet, wie Pascal seinerzeit auf Gott gewettet“ habe. Im Übrigen „kannte Müller alle Schliche der Lustgewinnung aus Gräuel“, eine Einschätzung nach Hegel. Folglich käme „die Utopie bei ihm nur ex negativo vor“.

Im Gegenzug warf Müller Hacks vor, ein „Monarchist“ und „klassizistischer Kabarettist“ zu sein, der „die DDR als Märchen“ falsch verstünde.

Bald mehr.

P.S. Schinkel sei auch ein „begnadeter Briefeschreiber“. Er ist einer, der sich von Rosenlöcher poetische Zärtlichkeiten gefallen lässt. Ich führe das morgen aus. Nur noch so viel. An dem Brechthausabend sagte Tragelehn: „Die Kulturpolitik der SED war immer sehr sozialdemokratisch, das hieß, man hielt auf bürgerliche Reputation.“

Das Politbüro verkannte seine Dichter*innen, weil es zu klein geraten war, um Größe entspannt anerkennen zu können. Trotzdem/Deswegen entstand jede Menge belastbare Kunst in der DDR.

Nachrichten aus den Bergwerken des Postsozialismus

Es gibt nicht nur Berlin

Wenn man, wie Heiner Müller, die Flasche schon vor zwölf ...

„Ich liebe Klassizisten.“

Mit dieser Erklärung warf Ralf Meyer seinen Handschuh in den Ring der Lyrik im Haus für Poesie.

„Eine gebrochene Zeile“ ist mir zu wenig Gedicht, verkündete er im Gespräch mit der großartig gastgebenden Daniela Danz. An ihr war es, ihre Lieblingsdichter zu präsentieren; einige Auflagen vorausgesetzt, um die wir uns nicht weiter scheren, da doch alle Bedingungen erfüllt wurden. Im vorgegebenen Rahmen war es der Eisenacherin erlaubt, lauter ostdeutsche Männer um sich zu scharen. Meyer rühmte sie für das hohe Lied der Liebe als einem markanten Aspekt seiner Arbeit. Er ist ein Erneuerer des Hallescher Dichterkreises, dessen historischer Kern in einer pietistischen Gründung von 1733 steckt.

Um Halle dreht sich viel im Leben des Mansfelders Meyer. Danz stellte die regionalen Bezüge heraus. So sagte sie: „Gehen Sie nach Halle, wenn sie, wie Heiner Müller, die Flasche vor zwölf aufmachen wollen.“

Sie sagte Meyer „eine große Verbundenheit“ mit dessen Mansfelder Herkunft nach. Den Mansfelder an sich beschrieb Danz als „stur und ungnädig“. Gleichwohl mache er sich „nackt wie sonst kaum einer“ in seiner sturen Gradlinigkeit, die kein Versteckspiel mit der Wahrheit erlaube. Von nackt kam sie auf die „körperliche Liebe“ mit einem Seitenblick voller Wohlwollen.

Danz sprach von der „unverrückbaren Nadel“ des Meyer’schen Poesiekompasses.

„Der lange Weg der Schreibhand führt durch Herz und Hirn.“

Meyer wisse, wie sich „aus Form und Tradition Funken schlagen lassen“.

Ich finde in meinen Notizen die Zeilen:

„Arno erinnert sich: Mit neun entdeckte ich ein Mittel gegen den Tod“.

„Wie eine Sonne, die einen bösen Traum verbrennt.“

„Wenn mir nur ein Vers gelänge, der nicht vergeht.“

Ein Gedicht erzählt von einer Koinzidenz zwischen Frauenduft und Himmelsblau; so wie von einer Frau, „die eine ganze Nacht nichts fragte“. Sie war mit einer Traurigkeit ausgestattet, die der Dichter noch nicht kannte. Von der er sich vertiefte Kenntnisse auch nicht erwarb. Die Traurigkeit blieb mit der Frau zurück wie auf einem Bahnsteig.

„Wie ein Fisch an Land, schnappt meine Lust ins Leere.“

Meyer verwies darauf, dass wir sogar einem Giganten wie Balzac voraushaben, noch zu atmen. Das kam Meyer auf dem Pere Lachaise in den Sinn.

Er begründete seine Liebe zur formalen Strenge.

Jede Form hat eine Geschichte und sich bewährt in Jahrhunderten.

In jeder Form „liegt ein großes Geheimnis“. 

„Das Sonett ist von den lyrischen Großformen die kleinste.“

„Die Form tut etwas für das Gedicht.“

Die Form tut etwas für das Gedicht

Sich das Entlegenste aneignen

Herzerwärmendes Sächsisch

#20jahrelyrikline - Die Lyrikline feiert 2019 ihren zwanzigsten Geburtstag. Drei von Daniela Danz benannte Dichter, die auf der Online-Plattform mit ihren Stimmen und Texten noch nicht vertreten sind, kamen gestern Abend im Berliner Haus der Poesie zu Wort.

Erst nachdem sie sich entschieden hatte, fiel Daniela Danz auf, dass sie sich für lauter Männer entschieden hatte. Kurz bedachte sie den Umstand, um ihn sich dann endgültig zu genehmigen. Schließlich habe sie keine politische Wahl treffen müssen, sondern ausschließlich künstlerische Kriterien beachten dürfen. Das erklärte Daniela Danz gestern Abend im Haus der Poesie. Die aus Eisenach gebürtige Kunsthistorikerin leitet das Schillerhaus in Rudolstadt. Ihre Gegenwart stellt klar: es gibt nicht nur Berlin.

Nicht nur nur Männer saßen in der von ihr einberufenen Versammlung. Die Männer waren zudem Ostdeutsche. Auch das wurde hervorgehoben, wenn auch nicht diskutiert. In der Schwerkraft von Ostberlin, das Haus der Poesie steht auf dem Prenzlauer Berg, entspricht ostdeutsche Dominanz in einer Kombination mit Kunst dem Normalfall.   

Den Abend eröffnete Heiko Strunk von der Projektleitung Lyrikline mit einer perspektivischen Leistungsschau. Alle vier bis fünf Tage präsentiert „Lyrikline“ eine neue Dichterin. In den vergangenen zwanzig Jahren erhielten 1404 Dichter*innen in 85 Sprachen eine Gelegenheit, sich zu Gehör zu bringen. Gezählt wurden 18.887 Übersetzungen.

Im zweiten Akt gab es ein Hörspiel aus Neben- und Randerscheinungen der akustischen Konservierung. Zu vernehmen war die feste Überzeugung eines Dichters, Hölderlin stünde unheiter hinter ihm. Selbstkritik und der Wunsch nach Wiederholung bestimmen den Tenor der Schnipsel. Ich dachte an „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“.

Ich notierte:

„Erstmal Nase putzen.“

„Ich bin kein Vormittagsmensch.“

„Ich will eine klassische Form geschmeidig machen.“

„Kann ich noch mal.“

„Es ist heiß.“

Danz pries die Lyrikline als einen Hort, in dem Wolfgang Hilbigs Gedichte in „herzerwärmendem Sächsisch“ des Autors zu hören seien. Sie stellte Steffen Mensching vor, der auch bei der großen Sause auf dem Alexanderplatz* mit Heiner Müller und Ulrich Mühe dabei war. Allerdings habe Mensching seinen Auftritt gehabt, „bevor die Kameras aufgebaut waren“.

Am 4. November 1989 fand die erste genehmigte nichtstaatliche, von Kunstschaffenden organisierte Kundgebung in der DDR mit rund einer Million Protestanten auf dem Alexanderplatz statt.  

Mensching las zuerst ein Gedicht aus der Gründerzeit von Lyrikline. „Das gewisse Etwas“ betitelt eine Sammlung und ein Einzelstück. „Etwas mit einer Nummer am großen Zeh schon …“. Man ahnt die Stoßrichtung. Auf halber Strecke ist keine Hoffnung mehr: „Etwas ohne Identität, ohne Wohnsitz … Etwas für das jede Hilfe zu spät kommt“. Als lyrischer Held dient ein Schäferhund. Er ist „etwas zottelig“.   

Es folgte eine Hymne auf den Erfinder des Klettverschlusses. Georges de Mestral wagte es gegen die Methode Reißverschluss den Kampf um die einfachste Lösung aufzunehmen. Kinder und Astronauten danken es ihm. Mensching gelingt eine makaber genaue Übersetzung des Verklettungsgeräuschs in Worte.

Schließlich erzählte er mit den Mitteln des Dichters von einem Vormittag im Leben des Plattenbaubewohners Heiner Müller. Einmal habe sich der Dramatiker veranlasst gesehen, an seiner Sehkraft zu zweifeln. Im Furor eines unbegründeten Optimismus schob er die Schwäche auf den Dreck, der den Fenstern seiner Wohnung anhaftete. Eine alte Unterhose ersetzte den Lappen. Putzend bemerkte er in Vierzigmetertiefe unter sich den Kollegen Peter Brasch, der wiederum den auf einem Sims balancierenden Müller sah. In Erwartung eines Selbstmords ergab sich Brasch dem Pathos:

„Heiner, die Welt braucht dich.“

Im Gespräch mit Danz erklärte Mensching, von „der Wende“* literarisch nicht berührt worden zu sein.

„Es gibt keinen Bruch.“

*Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse bekennt einen Hass auf das Wort „Wende“. Es ist ein Krenz-Wort, also grenzwertig. Egon Krenz, genannt das Gebiss, kurz Staatsratsvorsitzender eines sterbenden Staates, formulierte unter dem Druck der Straße:

„Die Wende ist eingeleitet.“

Wer erst Zwang ausübt und dann aus Schwäche überzeugend wirken will, verdient sich das Schicksal lebenslanger Lächerlichkeit.

Das Wende-Gerede impliziert, so Thierse, „eine Herabwürdigung“ der friedlichen Revolution, an der inzwischen auch Westpolitiker angeblich beteiligt waren.  

Die Liebe zum eingreifenden Wort

Danz fahndete nach Aufriss und Gegensatz in der Benn-Becher-Dimension. G. Benn musste sich von J.R. Becher als Chlorophyll-Poeten beschimpfen lassen. Mit Mensching war da nichts zu machen. Er führt kein Schriftstellerleben, nach eigener Angabe.

„Meine Texte sind sozial gespeist.“ Mit einer Liebe „zum eingreifenden Wort“ findet er sich richtig im Theater aufgehoben. Für Exzess und Verzweiflung fehlt ihm vielleicht die Zuversicht.

 

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