MenuMENU

zurück zu Main Labor

25.11.2019, Jamal Tuschick

Die Großfamilie unter einem Dach ist Vergangenheit. Jeder stirbt für sich. Ich betrachte die schon halb Mumifizierten mit Empfindungen, die am Ekel grenzen. Ich genüge der Form, entgehe einer Verpflichtung in ihrer Erfüllung und verweigere den Bestandsaufnahmen im grottigen Wohnzimmer, wo der Fernseher läuft. Für mich sind die Besuche nicht anschlussfähige Erlebnisse. Das hat mit mir nichts zu tun, was sich da vor meinen Augen abspielt – die Rückkehr von Geduld und Aberglaube. Die skeptischen, schnell schaltenden Akademiker von einst gleiten in die Kindlichkeit ab. „Meine Mutter, die Professorin für Mathematik.“ Muss ich weiterreden?

Zweimal im Monat - Ein Lagebericht von Beretta Akintola

Meine Eltern erwarten nicht viel von mir. Zumal gemessen an dem, was ich erben werde. Trotzdem fällt es mir jedes Mal schwer, keine Ausreden zu gebrauchen und meinen wenigen Verpflichtungen ihnen gegenüber nachzukommen. Früher war mir kein Vorwand zu durchsichtig: ich fürchtete die Blößen nicht. Doch jetzt erscheint jede Lüge wie ein Frevel. 

Der Akintol-Klan bildete Jahrhunderte als Großfamilie eine geschlossene Gesellschaft, in einem Kreis von Wohlsituierten, die Wert auf ein gutes Verhältnis zum Patriarchen legten. Erst in der Generation meines Vaters endete der große Bahnhof in Permanenz. 

Die Großfamilie unter einem Dach ist Vergangenheit. Jeder stirbt für sich. Ich betrachte die schon halb Mumifizierten mit Empfindungen, die am Ekel grenzen. Ich genüge der Form, entgehe einer Verpflichtung in ihrer Erfüllung und verweigere den Bestandsaufnahmen im grottigen Wohnzimmer, wo der Fernseher läuft. Für mich sind die Besuche nicht anschlussfähige Erlebnisse.

Das hat mit mir nichts zu tun, was sich da vor meinen Augen abspielt – die Rückkehr von Geduld und Aberglaube. Die skeptischen, schnell schaltenden Akademiker von einst gleiten in die Kindlichkeit ab.

„Meine Mutter, die Professorin für Mathematik.“

Muss ich weiterreden?

Ich behaupte, jeder kennt jene Angst, die sich einstellt, wenn Eltern Gaga werden. Die Erschütterung des Glaubens an den unveränderlichen Persönlichkeitskern eines harten, doch vorbildlichen Vaters wird umgruppiert und weggedrückt. Der Niedergang des einen greift die Identität des anderen an.

Jetzt gibt mein Vater mit einem lächerlichen Frohsinn Anekdoten von zweifelhafter Evidenz zum Besten.   

An der Haustür steckt mir meine Mutter zehntausend Escudo zu, mit der Idee, ich bekäme dafür so viele Dinge wie vor dreißig Jahren. Die laufenden Kosten ihres Haushalts laufen am Begreifen der Mathematikerin vorbei.

Mein Vater kommt nie mit zur Tür. Ein Geruch meiner Kindheit hängt in den schweren Vorhängen des Vestibüls. Ich klassifiziere sie als Emissionen der Verrottung.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen