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28.11.2019, Jamal Tuschick

„Die dunklen Winkel des Herzens“ - Françoise Sagans Roman aus dem Nachlass birgt streckenweise ein kleines Glück hoffentlich nicht bloß für belletristisch tickende Boomer.

Existenzialistischer Schmollmund

Eingebetteter Medieninhalt

Paris kommt nicht mehr in Frage. Ludovic Cresson widerfuhr das Missgeschick, von der eigenen Frau in eine Scheininvalidität chauffiert worden zu sein, die ihn jahrelang um seine Freiheit bringt. Jetzt sitzt man das Leben in der Provinz ab. Als Refugium dient ein zum „Konglomerat des schlechten Geschmacks“ heruntergekommener Familiensitz, der als Landhaus vor zweihundert Jahren einen guten Eindruck gemacht haben könnte. Darüber spekuliert die Erzählerin in dem postum erschienenen, von der Autorin nicht bis zur Publikationsreife ausgeführten Roman.

Françoise Sagan, „Die dunklen Winkel des Herzens“, Roman, aus dem Französischen von Waltraud Schwarze und Amelie Thoma, Ullstein, 187 Seiten, 20,-

Doch auf einigen Seiten trifft jeder Ton die Erwartungen an einen Françoise Sagan. Ich betrachte meine ersten Erzählversuche auch in Abhängigkeit von Sagans „Bonjour Tristesse“. Dem Œuvre wohnt ein Zauber inne, der sich in einem langen Anfang/Anlauf/Ausflug erschöpft. Für das, was nach dem existenzialistischen Schmollmund und der automobilen Leichtfertigkeit kam, war dann Chabrol zuständig. Aber es blieb doch ein Phänomen zwischen Rätsel und Wunder, dass südlich von Kassel ein ganz anderes Leben auf dem alten Kontinent so alltäglich war wie das uns eingebläute. Die Franzosen trugen sogar ihre Badehosen mit Stil. Im flatternden Hawaiihemd, das Baguette unterm Arm, die Fluppe im Mundwinkel begaben sie sich in der Sommerfrische auf schneeweiß-laufstegartigen Kais zu ihren Yachten, wo Brigitte Bardots so blond wie brünett sie rauchend-gelangweilt erwarteten. Yves Klein verblaute das Konzept. Auch Picasso und Giacometti gehörten zur ästhetischen Phalanx.

So was bekamen wir nicht hin. Die Deutschen litten immer weiter unter dem Furor teutonicus. Dolce Vita auf französisch: das war pure Dekadenz. Trotzdem hieß es mitunter, wir würden wie Gott in Frankreich leben. Sagan war meine Gewährsfrau für einen Gott, der sich hemmungslos die Sonne auf den Bauch scheinen ließ.

Marie-Laure begegnet der „architektonischen Kakofonie“ in ihrer Umgebung mit dem Ennui der Doofen. Sie ist eine Erscheinung des 16. Arrondissements, eine Operettengestalt des Pariser Residenzkomments. Die Erzählerin geht hart mit ihr ins Gericht. Sie findet Marie-Laure „blasiert und ungebildet“.

Ein lächerlich überschätztes Plattitüdenprodukt erachtet sich als haltbare Trophäe. Völlig gleichgültig erscheint sie gegenüber den Voraussetzungen des planvoll erheirateten Luxus. Schnell wird klar, dass Marie-Laures abstoßender Materialismus weiter nichts als eine reiche Ernte ist. Das wurde gesät, was nun im Überfluss am Halm zieht.

Sozial lethargisch, körperlich kregel

Ludovic kann nichts. Deswegen firmiert Marie-Laure als „Frau eines Schwachsinnigen“. Den Gatten kratzt das nicht. Er will auch nichts.

Marie-Laures Mutter mischt sich als „reizende Witwe“ ein. Fanny Crawley ist ein Ausbund bodenständiger Gefühlsauthentizität; bereit, die Fackel mütterlicher Erotik in jeden Heuhaufen zu werfen.

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