MenuMENU

zurück zu Main Labor

29.11.2019, Jamal Tuschick

James Baldwin variiert in seinem Roman „Giovannis Zimmer“ den Topos des Amerikaners in Paris zwischen Sujet und Genre.

Zwischen Sujet und Genre

Eingebetteter Medieninhalt

Ich werde gewesen sein.

Ich werde sein.

Ich werde sitzen in einem Abteil der Holzklasse und selbstverständlich wird im Zug geraucht werden. Denn die Geschichte spielt in den 1950er Jahren. Der Zug wird voller Rekruten sein, die man vor der Abteiltür zu halten sich befleißigt. Eine junge Frau wird nervös auf die bedrohliche Mischung aus jung & männlich reagieren. Gestreift von einem Testosterontsunami wird sie die Aufmerksamkeit des Erzählers suchen und sich darüber wundern, dass auf dem Feuer einer kleinen Offerte, in der sich der Atavismus eines Schutzgesuchs verbirgt, kein Interesse kocht.

James Baldwin, „Giovannis Zimmer“, Roman, ins Deutsche von Miriam Mandelkow, dtv, 208 Seiten, 20,-

David, ein Amerikaner in Paris wie er im Buch steht, wird den Flirt verweigern und am Gespinst einer abdeckenden, Exklusivität in der Menge erzeugenden Vertraulichkeit nicht mitwirken. Der Erzähler haftet an der Reisenden; baut sie aus; setzt dem Charaktergehäuse einen Turm auf und einen Erker vor. Sie könnte Brett heißen, wie die Heldin in Hemingways „Fiesta“. Die Ex-Krankenschwester lässt sich durch das Europa der Beaten Generation (Gertrude Stein) treiben. Sie nimmt die Grafen und die Boxer mit, aber ihre Liebe gehört dem impotenten Jake, der vor Sehnsucht männlich-melancholisch verglüht.

Jakes Tragik ist die Lächerlichkeit eines Unvermögens, dessen Gegenteil im Dutzend billiger zu haben ist. Davids Tragik ist die verborgene Homosexualität. Man kann Jake und David einfach theweleiten. David unterwirft sich den Konventionen zum Nachteil jener, die an ihn glauben. Er erkennt sich zutreffend verhaftet in „selbstgefälliger Masturbation“, egal mit wem. Seine Sicht auf die Verlobte, eine trinkfeste Hella, gleicht einem Akt der Selbstverteidigung und so auch des selbstsüchtigen Zynismus. Davids Urteile hängen von den Urteilen ab, mit denen er rechnet.

Der Kritik aus setzt David die Liebe zu Giovanni. Der Liebhaber stellt einen Limes vor das Märchenland, in dem David mit sich selbst Blindekuh spielt.

James Baldwin beschreibt ein Erwartungsdreieck mit emanzipatorischem Impetus. David nutzt die Gelegenheit eines vermiedenen Geständnisses, Marken seiner erotischen Keimzeit zu erinnern. Er spricht aus dem Fenster, während er sich Giovanni gegenüber ausschweigt.

Das wirkt enorm theatralisch. Coney Island liefert den Schauplatz erster sexueller Erfahrungen.

„Es war Sommer. Wir hatten keine Schule … Ich glaube, es fing beim Duschen an.“

Der verachtete Vater

Man kann sich denken, wie es weitergeht. Die Redundanz und das Leiernde der Evolution erzeugen ihre Kakofonie hinter einer Lärmschutzwand. David steht davor und fühlt sich auf poetische Weise einsam. Übrigens ist er weiß, so wie die Objekte seiner Begierde weiß sind. Ein Schwarzer Schriftsteller erzählt von der Liebe unter weißen Männern. Zum Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung ist das unerhört. Baldwin sieht sich Schwierigkeiten ausgesetzt, die wir uns, glaube ich, nicht mehr ernsthaft ausmalen können.

Davids Vater tritt als milder Trinker auf. Zwei Sätze und schon kennt man das Programm. Es nährt die Verachtung im Sohn. Die Verachtung, die den vermeidenden Vater trifft, verankert sich in David. Die Inkorporation lässt sich nicht lange ignorieren. David entzieht sich dem Verderben. Er strebt eine Hipster-Existenz in der alten Welt an. Boris Vian grüßt von einer Brücke über die Seine.

Paris ist für David eine Offenbarung der Freiheit in konkreter Armut. Er geht da in eine unbestimmte Lehre. Im zweiten Lehrjahr kommt Giovanni ins Spiel. Der Name sagt es an. Auch Giovanni verkehrt als Expatriierter im Milieu. Das Milieu bietet den Schutz verständnisvoller Patrone.

„Hin und wieder führte die Polizei (nach vorwarnender Absprache mit dem Wirt) eine Razzia durch.“

...

Junge Provinzfranzosen finden ein Auskommen als Köche bei Exilamerikanern, während ihre Landsleute in Indochina fallen. Baldwin schildert abweichende Lebensversuche als Pittoresken im Räuber- & Gendarmspielstil.

Bald mehr.

Rechts die Übersetzerin Miriam Mandelkow ... Auf der Suche nach einem Englisch eigener Provenienz, einer vom weißen Herrschaftstext nicht restlos durchdrungenen und verseuchten Sprache, einer emanzipatorischen Sperre vor dem geschundenen Selbst, einem Refugium von Widerständigkeit und Spiritualität, einem Schwarzen Hafen jenseits der Kontinente Henry James, Walt Whitman und William Shakespeare, gelangte James Baldwin (1924-1987) zu den Quellen des Blues in einer Vorhölle des Gospels: den Spirituals. Kurioserweise geschah dies in der Schweiz. Der von Elijah Muhammad (Nation of Islam) umworbene, verhinderte Pfarrer …

Elijah Muhammad sagte: „Alle Weißen sind Teufel.“

… kam in der Verfassung eines Debütanten nach Leukerbad im Wallis. Er hatte wenig mehr dabei, als eine Schreibmaschine und zwei Bessie-Smith-Platten. Aus seinen Beobachtungen vierzehnhundert Meter über dem Meeresspiegel in einem auf Fremde, nicht jedoch auf Schwarze Fremde eingestellten Dorf zog Baldwin weitreichende Schlüsse. In den staunenden Europäern erkannte er den Urgrund der amerikanischen Verachtung. Er begriff, dass es möglich war - dass es im XX. Jahrhundert möglich war - dass es nach dem Schwarzen Blutzoll in zwei Weltkriegen möglich war, Schwarze nicht als Menschen zu begreifen. Irgendwo erwähnt Baldwin, wie Schwarze GI’s nicht umhin kommen zu bemerken, dass ihre selbstverständlich weißen Vorgesetzten deutsche Kriegsgefangene besser behandeln als die Schwarzen Waffenbrüder. Das alles und noch viel mehr veranlasste Baldwin, eine weiße Unschuld anzunehmen. In diesem Kontext sind Weiße außerstande, sich selbst zu reflektieren. Deshalb können sie nicht erwachsen werden.

Bessie Smith, fotografiert von Carl van Vechten - The genius sings the Blues

 

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen