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03.12.2019, Jamal Tuschick

It is impressive and sad/beautiful and and I really cannot wait to hold it as a book in hand and for sure it will come out in English. The story is unique untold pain. Lilly Ghidey Ghebre nach der Lektüre der ersten Auszüge aus „Steingebet“

Unique Untold Pain

„Steingebet“ heißt der erste Roman von Elilta Mesmer, der im Mainlabor in Fortsetzungen vorab erscheint. Das Debüt handelt von Flucht und Vertreibung. Es erzählt von Unrecht und Widerstand. Eliltas Mutter spielt eine tragende Rolle im eritreischen Freiheitskampf. Sie ist die Witwe eines Ermordeten. Eliltas Vater stand für die Unabhängigkeit seines Landes ein und zahlte den höchsten Preis.

Von links: Segen und Elilta Mesmer

Die Geschichte eines Fotos

Meine Mutter war gerade da. Als ich ihr ein Bild zeigte, daß mir meine Schwester (Segen lebt in Dallas, Texas) aus ihrem Album abfotografiert hat, erinnerte sie mich an die Entstehungsgeschichte. Das rief so viel in mir wach. Ich bin außer mir.

Genese des Grauens

Die Aufnahme entsteht 1977 in einem bebenden Land. Wir leben in der Hauptstadt Asmara und befinden uns im Epizentrum der Unruhen. Die eritreische Aufstandsbereitschaft erzeugt einen Ausnahmezustand, der sich gesetzlich kaum regeln lässt. Er ist so etwas wie ein kollektiver Durchbruch – ein Zustand zwischen Ekstase und Depression.

Alle haben den Riot Blues.

Eines Tages sind wir (die Übriggebliebenen einer geschlagenen Familie) auf dem Weg zu Tante Hidat. Im Stadtzentrum sehen wir auf Höhe des Cityparks ein gewaltiges feindliches Aufkommen. Eine äthiopische Heerschar kommt im Gleichschritt auf uns zu.

Ich erlebe die Marschkolonne wie einen wahrgewordenen Albtraum. Ich möchte aufwachen, obwohl ich weiß, daß mir das nicht im Schlaf widerfährt. Die Soldaten verkörpern die Mörder meines Vaters. Ich glaube nicht, daß sich jemand vorstellen kann, was sich in einem Kind abspielt, daß solcher Gewalt ohnmächtig ausgesetzt ist.

Segen weint, ich schreie und weine. Wir müssten, um nicht von unserem Weg abzukommen, diese Konzentration allen Übels passieren, doch geht das über unsere Kraft. Meine Mutter, diese furchtlose Frau, Kombattantin im Befreiungskampf der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF), hält es für möglich, daß die Schergen der Usurpation aggressiv auf unsere Angst reagieren. Sie will uns nicht länger dem Asphalt tretenden Fluch preisgeben.

In ihrer Not schaut sie sich um. Sie entdeckt ein Fotogeschäft. Schnell zieht sie uns in das Halbdunkel eines Ateliers. Der Fotograf begreift sofort unsere Lage in einer verschärften Ausgabe. Er wähnt uns auf der Flucht und will in nichts hineingezogen werden. 

„Das ist ein Geschäft und kein Versteck.“

Meine Mutter besteht auf eine geschäftsförmige Kommunikation. Sie zwingt den Feigling dazu, seine Interessen zu wahren.

Der Feigling soll uns fotografieren.

Das ist sein Business, deshalb sind wir in seiner Sphäre.

Er fragt, ob wir das wirklich wollen, so derangiert wie wir aussehen. Er besteht darauf, uns über die Folgen einer Fortsetzung der Geschäftsnormalität umständlich aufzuklären. Wir müssen ihm die Fotos in jedem Fall abnehmen, die er gleich machen wird.

Meine Mutter zieht die Transaktion durch. Verheult werden wir abgelichtet. Der Feind erscheint verdunstet, als wir wieder auf der Straße stehen. Wir gehen weiter zu Tante Hidat.

Kindheit in einem besetzten Land - Elilta Mesmer erinnert sich

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar.  Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert. 

Aus dem im Mainlabor erstmals in Fortsetzungen veröffentlichten Roman von Elilta Mesmer:

An einem heißen Nachmittag im Oktober 1978

Meine vierjährige Schwester und ich sollten uns hinlegen, wie jeden Tag um diese Zeit. Ich war nur ein Jahr älter, fühlte mich jedoch zu alt für den Mittagschlaf und diskutierte täglich auf das Neue. Meine Mutter blieb unbeeindruckt. Sie sagte, ich solle jetzt ruhig sein und schlafen. Dann machte sie unsere Schlafzimmertür, die direkt zum Hof führte, hinter sich zu. Sie machte Feuer und setzte den Tonkrug auf, den sie sich schon für ihren nachmittäglichen Kaffee vorbereitet hatte. Die Aromen frisch gerösteten Kaffees breiteten sich in unserem Zimmer aus. Mit dem Duft in der Nase und dem Frust einer Fünfjährigen, die sich nicht ernstgenommen fühlt, schlief ich ein.

Meine Mutter war Lehrerin an einer evangelischen Schule. Sie hatte einen anstrengenden Tag und genoss die einkehrende Ruhe. Während der Kaffee über dem Feuer sein eigenes Schicksal zu haben schien, band sie ein Mokombia aus Palmblättern. Mokombia bezeichnet einen traditionell-dekorativen Korb. Meine Mutter entschied sich für die Farben des Widerstandskampfes der EPLF (Eritrean Peoples Liberation Front). Blau steht für den Himmel, grün für die Erde, rot für das Blut der im Krieg Gefallenen. Der gelbe fünfkantige Stern steht für die Naturressourcen, seine Kanten symbolisieren Gleichheit, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit, Einheit und Wohlstand.

Aromaorgie

Meine Mutter arbeitete seit mehreren Wochen an der Sache. Sie genoss den Fortschritt und erfreute sich an der allmählichen Formvollendung. Die Arbeit näherte sich dem Ende.

Kraftvoll zog meine Mutter am gelben Faden. Der Kaffee kochte auf. Sie legte das Mokombia auf die Seite, goss Kaffee in eine Tasse und wieder zurück in den Tontopf. Dreimal ließ sie den Kaffee „aufstoßen“, so sagt man in Eritrea, wenn der Kaffee aufkocht und hochkommt. Jedes Mal fing sie den überlaufenden Kaffee mit einem Behälter auf und goss ihn wieder zurück. Dann löschte sie das Feuer aus und überließ es dem Kaffee, sich in einer Aromaorgie zu setzen. In der Zwischenzeit flocht sie weiter. Ich glaube, in dieser Konstellation erfüllte sich, was meine Mutter unter Ruhe und Freizeit verstand.

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