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05.12.2019, Jamal Tuschick

Susanne Gregor erzählt in ihrem Roman „Das letzte rote Jahr“ von den Singspielen der Freundschaft in einer realsozialistischen Hausgemeinschaft. Steffen Mau liefert in seiner Eribonade „Lütten Klein“ den Diskurs.

Im Kerngehäuse der Freundschaft

Überall bilden sich Gemeinschaften. Gesehen am Strand von Penhors in der Bretagne.

Eingebetteter Medieninhalt

In den Plattenbausiedlungen des Ostblocks fehlte die statusmäßige Segregation im „Schlüsselgut Wohnraum“ (Steffen Mau). In seiner Eribonade „Lütten Klein“ erzählt der Soziologe Mau vom Alltag in den auf Äcker und Wiesen gesetzten Bauklötzen seiner Kindheit. Die Betonmonotonie erteilte auch der feudal-bourgeoisen Vorkriegsarchitektur eine ideologische Abfuhr. Das Halbhochhaus erschien wie ein Leuchtturm im Kleinbürgerparadies. Die Nomenklatura sah in der Platte ein Ideal verwirklicht, ungeachtet des inkorporierten, überall seine Fäden webenden Mangels.

Die Platte prägte

Der Direktor wohnte auf einer Etage mit dem Pförtner same same but different. Der Pförtner nahm die Tram zum VEB, den Direktor holte ein Chauffeur im „dunkelblauen Wolga“ ab.

Aber sonst.

Aber sonst waren alle gleich.

„Unsere Nachbarn im Hochhaus waren Diplomingenieurinnen, Bäcker, Stahlschiffbauer, Lehrerinnen, Straßenbahnschaffner, Opernsänger, Lehrerinnen, Sprachwissenschaftlerinnen, Seemänner, Sparkassenangestellte, Bauzeichnerinnen, NVA-Offiziere.“

Die sozial diversen Hausgemeinschaften wirkten sich „als erweiterte Sozialisationsagenturen“ aus. Es gab Blockwärterinnen, Hausbücher, „in die sich … Gäste eintragen mussten“ und Stuhlkreise in fensterlosen bunkerartigen „Trockenräumen“. Die staatlichen Vorstellungen von Familienleben auf der Grundlage „sozialistischer Tatkraft“ wurden – zumindest in der retrospektiven, stark erzählenden Perspektive – modellhaft exekutiert. Ziel war es, die Macht der „Herkunftskontexte“ zu schwächen. „Von dieser Sozialökologie des Wohnens versprach man sich (nicht weniger als) einen Persönlichkeitswandel.“

*

Diesem ostdeutschen Diskurs liefert Susanne Gregor slowakische Szenen. Ihr Roman „Das letzte rote Jahr“ bietet sich als Anschluss- oder Vorlauflektüre zu Maus Entschlüsselung einer realsozialistischen Gesellschaftslehre an. Gregors Heldinnen können zunächst und lange gar nicht über das Haus ihrer Gemeinschaft hinausdenken. Man ist sich einig: das Band der Freundschaft, dass die Nachbarstöchter Miša, Rita und Slavka zusammenhält, stammt aus der Manufaktur Gottes. Der höchste Wille offenbart sich in einer Keimzelle sozialistischer Solidarität. Im Zentrum der Erhebung steht ein Gebäude im Fin de Siècle der Tschechoslowakei. In einer topografischen Weitung und geografischen Präzisierung liefert die slowakische Stadt Žilina den Schauplatz. Das Mandat der Erzählerin fällt Miša zu. Die Vierzehnjährige bewohnt mit Bruder Alan und den vollzähligen Eltern das Kerngehäuse der Freundschaft. Rita und Slavka leben über und unter ihr.

Susanne Gregor, „Das letzte rote Jahr“, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, Seiten, 22,-

„An ein Leben vor Rita und Slavka kann ich mich nicht erinnern.“

Das ist umso erstaunlicher, als dass die Verbindung nicht von gemeinsamen Interessen zusammengehalten wird. Mišas literarische Neigungen stoßen auf einmütige Ignoranz. In Rita entfaltet sich die geborene Spießerin. Slavkas Welt ist „ein Kaleidoskop aus Glanz und Grazie“; die Elevin lebt fürs Turnen und reagiert verstimmt, wenn das Training ausfällt.

Alle Eltern sind arriviert in einer Umgebung, die im Westen als Refugium für Einkommensschwache gehandelt würde. Mišas Vater ist bei Tesla beschäftigt. Rita schockiert ihre Umgebung mit „Zitaten aus den medizinischen Fachbüchern ihrer Arzteltern“. Slavkas Vater war so überragend im Skilauf, dass sich der Sportler als Reisekader nach Schweden absetzen konnte. Die Zurückgebliebenen diskutieren im Wohnzimmer beim Wein. Die Gemütlichkeit zieht sich hin im Jahr der politischen Großereignisse.

Unsentimentale Slowakinnen

1989 übertreffen die Veränderungen sämtliche Erwartungen. Reizender Weise beginnt der Roman bevor der Geschichtslauf zu glühen beginnt. Noch keckern die Kojoten des Opportunismus an gegen jene Kritiker*innen, die sich allabendlich mit der Vorstellung volllaufen lassen, dass die tragenden Säulen des Warschauer Pakts so hart wie Granit sind. Sie haben Bruce Lee nicht gelesen:

Sei wie das Wasser so formlos.

Slavkas Mutter kopiert den westlichen Kleidungsstil in einer übertreffenden Manier. Mišas Mutter korrigiert ihren Friseur „mit unserer Küchenschere“. Die Frauen vereint Skepsis. Sie lassen sich nicht einfach vereinnahmen. Als Triumvirat ahmen sie ihre Töchter nach und setzen sich von ihren Männern ab, die nur fehlen, wenn sie so abwesend sind wie der Ski-Athlet. Unter sich trinken und lachen sie mehr als in größeren Runden. Ihrer Gehässigkeit erweisen sie die Ehre phantasievoller Einlassungen. Sie kennen den Fehler. Ihr Leben vollzieht sich pluralistisch-monochrom im Schatten der Geschichte im oft besungenen Zusammenbruch ohne Niederlage und ohne historischen Mehrwert. Auf die mehrfach Eingespannten warten die Erfahrungen eines politischen Kollapses, der alles entwerten wird, was im sommerlichen Handlungsjetzt noch Bedeutung hat: so wie die mit Devisen bezahlten Rifle Jeans aus dem Tuzex.

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