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05.12.2019, Jamal Tuschick

Monotheistische Anfälligkeiten - Ein kollaborativer Reflex auf den Zufall

Bespoke tailoring/Mündel der Macht - Mein Großcousin Eckart und ich sitzen in der Parisbar und reden über das Verhältnis von Malern und Schneidern. Maler sind die letzten Zeitgenossen, die Schneider wirklich zu schätzen wissen, weil sie als Mündel der Macht ewig am Tropf der Distinktion hingen. Vor ihnen ließen sich die Fürsten gehen. Deshalb gehen sie heute noch zum Schneider. Also erzählt mir Eckart, wo es lang geht, während ich unter diesen Statues colon sitze. Eckart und ich finden, wir schulden dem Zufall eine Geschichte. Sie folgt dem vorstehenden Text.

In der Gegenwart von vor ein paar Tagen

Beim Nachtisch, einer Mousse Superb, fängt Eckart von seiner Jacke an, die ihm ein Maler zukommen ließ: als Anerkennung für einen Essay, den allein der Maler als Meta-Text seiner Kunst gelten lässt.

Es gibt einen Kampf der Kunst gegen die Kultur und einen Affekt gegen eine allzu rasche (penetrierend-penetrante) Auffassungsgabe oft forciert eskapistischer Überflieger*innen. Zugleich gibt es die Notwendigkeit Kunst in Begriffe zu fassen und unfassbar schnell und mutwillig einerseits und so luzide wie der Statiker auf einen Staudamm andererseits auf Kunst zu reagieren. Dieser Widerspruch schafft einen kleinen Markt für charismatische Diagnostiker*innen à la Bazon Brock: für Spezialist*innen, die sich selbst ad hoc zu widersprechen geneigt sind. Von ihnen lernt man eine Differenz, deren Schlagwort als Parole funktioniert. In diesem Kontext ist die Savile Row in Mayfair schön und gut, aber Eckarts Schneider residiert in der St George Street nahe der Oxford Circus Tube Station und heißt Dennis Wilkinson. Den Maßschneider können Sie nicht einfach aufsuchen, auch nicht nach Vorabsprache. Sie müssen empfohlen werden, und Wilkinson muss es gefallen, mit Ihnen Tee zu trinken. Eckart verdankte seine Empfehlung, wie man sich denken kann, dem Maler. Jedes Jahr reist er nach London, um sich eine Jacke machen zu lassen. Ein Band sorgt für den besonders guten Sitz des Knopflochinventars.

Links der Meister persönlich. Rechts einer seiner Schneider - Mr. Bigg - Meister des Stiff Upper Lip. Ein zauberhafter Gentleman.
Fofi und ihr Mann Aris Anfang der Siebzigerjahre. Es war die Zeit der Militärdiktatur in Griechenland - das Regime der Obristen, die die griechische Intelligenz ins Exil nach Paris und West-Berlin zwang. Das Paar absolvierte eine Tellerwäscherkarriere à l'américaine. Von ganz unten nach ganz oben.
Zweimal im Jahr nimmt Dennis Kontakt mit dem Festland auf.  

Die Firma wird nach dem I. Weltkrieg 1919 als L.G. Wilkinson gegründet und besteht in der fünften Generation als Eckart zum ersten Mal dort hinkommt. Set 1954 fährt Dennis nach Deutschland. Zu den besten Kunden in Berlin zählen Michel Würhtle aus der Paris Bar, der Maler Prof. Bernd Koberling, Constantin Cassambalis, Maître des griechischen Lokas Fofi´s Estiatorion in der Fasanenstraße, die als einzige Berliner Straße in den Siebziger- und Achtzigerjahren Marais-Empfindungen wachruft. Heute gehört Cassambalis das Cassambalis in der Grolmannstrasse. Fofi Akrithakis ist die West-Berliner Gastwirtin. Im Fofi´s Estiatorion macht sie die Boheme betrunken.

„Eine wunderbare Frau, mit der Heiner Müller und ich Paris besuchten.“

John Le Carré verewigt beide - Fofi in The Little Drummer Girl und Dennis in Der Schneider von Panama.  

Begegnen sich die Künstler und ihr solventes Publikum, erkennen sich Herrschaften am Tweed. Sie brauchen keinen performativen Identitätsbegriff. Sie sagen: Wenn du zu blöd für die Marie (Geld) bist, kannst du auch keinen Aufsatz schreiben, der mich weiterbringt. So einfach geht die Ableitung. Kommt dann aber der Journalist aus der Kälte einer prekären Existenz, sagt der Künstler: Ich bin Sozialist und mein Galerist ist das auch. Kaum ist der Journalist weg, geht es wieder um den guten Stoff, so richtig knistig, kleinteilig und engmaschig. Nicht selten verkörpert der größte Schattenwerfer eine Mischung aus Chefringer und Romabaron, und sollte seine Geliebte vierzig Jahre jünger sein, bestünde zur Verwunderung kein Anlass.

Monotheistische Anfälligkeiten

Die Figuren sind Statues colon. Sie stammen aus der totemistischen Spiritualität der Baoulé. Diese Bürger*innen der Elfenbeinküste waren lange gefeit vor monotheistischen Anfälligkeiten. Sie machten ihr eigenes Ding, am liebsten schnitten sie es in Holz oder buken es mit Ton. Ihre Akan-Religion mischt transmortale Seelen- und Ahnenmigration in der Größenordnung endloser Zeitreisen. Ohne Einsichten in den weltweit einzigartigen Individual-Totemismus versteht man die Statues colon nicht. Ihr Personal stammt aus der Kolonialzeit: Verwaltungsbeamte, Soldaten, Ärzte, Ingenieure und die afrikanischen Nachahmer des europäischen Lebensstils. Tropenhelme, Anzüge, Uniformen und Tabakpfeifen gehören zum Repertoire wie die Zipfelmütze zum Gartenzwerg, der seinen Ursprung unter den sieben Bergen hat. Dazu ein anderes Mal. Statues colon sind Figuren eines Gegenzauberkabinetts. Sie dienen der Be- und Verschwörung. Jedenfalls haben sie keinen Sitz im Parlament der Schwarzen Inferiorität. Vielmehr sind sie Masken einer pantheistischen Schwarzen Suprematie. Der Tourismus schwächte sie zu religiösem Nippes ab. Doch weder die Christianisierung noch der Import des sunnitischen Islams konnten den Kult zerstören. Gern kolportieren Westafrikaner, dass zwar mehr als die Hälfte ihrer Landsleute Moslems und Christen sein mögen, jedoch alle gemeinsam ganz gewiss zu hundert Prozent Animisten sind.

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