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06.12.2019, Jamal Tuschick

Im Gegensatz zum Dauerthema Brexit hat sich die Grexit-Diskussion verflüchtigt. Die Situation der Geflüchteten, die auf der Insel Lesbos landen und an diesem Nadelöhr nach Mitteleuropa auf eine bessere Zukunft hoffen, hat sich in diesen Tagen wieder mal verschärft.

SCHON WIEDER AUF DEM HIGHWAY TO HELLAS! - The Grexits mit neuem Album - Von Christos Davidopoulos & Franz Dobler. - I. Teil

Zwei Jahre nach dem Debutalbum The Grexits sitzen wir also wieder im Büro von Optimal Schallplatten in der Kollosseumstraße und betrachten die Landkarte vor uns. Auf ihr kleben viele gelbe Quadrate mit geheimnisvollen Notizen wie Lesbos! oder Sun Ra? und wir fragen uns beim Studium der Karte: Gibt es inzwischen neue Baustellen und Straßensperren auf dem Highway to Hell via Hellas und wo sind die Grexits jetzt?

            Wir hören das neue Album For Sale, das abermals eine Co-Produktion der Münchner Labels Echokammer und Gutfeeling ist, und landen doch zuerst bei politischen Aspekten. Nicht nur, weil wir der altmodischen These anhängen, dass jede Musik von ihren gesellschaftlichen Bedingungen erzählt, sondern auch, weil The Grexits schließlich vor einigen Jahren bei einer Benefizveranstaltung für griechische Flüchtlingsinitiativen unter der Headline Highway to Hellas gegründet wurden, als Singer-Songwriter Nikos Papadopoulos dort mit seiner anderen Band Ta Mourmourakia auftrat.

            Was hat sich denn in der Zeit geändert?

            Im Gegensatz zum Dauerthema Brexit hat sich die Grexit-Diskussion verflüchtigt. Die Situation der Geflüchteten, die auf der Insel Lesbos landen und an diesem Nadelöhr nach Mitteleuropa auf eine bessere Zukunft hoffen, hat sich in diesen Tagen wieder mal verschärft. Und man muss sagen, dass die 300 Milliarden, die die Deutschen den Griechen immer noch als Ausgleich für Kriegsverbrechen schulden, bei dieser und anderen Katastrophen eine Hilfe wären. Auf diesen Reparationszahlungen besteht übrigens auch die neue rechte Regierung, die die mehr als enttäuschende linke inzwischen abgelöst hat.

            Und hier auf der Karte klebt ein gelber Zettel auf Athen: Denn die Grexits haben, very special, in Athen gespielt. Aber ausgerechnet dort hatte der Veranstalter die Plakate ganz vergessen und auch sonst nicht getrommelt. Ob er zu denen gehört, die eine zweite Chance verdient haben, wissen wir nicht – und wir haben auch keine Antwort auf die Frage, ob der neue griechische Wirtschaftsminister Adonis Georgiadis Promotion für For Sale machen wollte, als er am 28.9.2019 in der Süddeutschen Zeitung verkündete: „Wir verkaufen alles!“ Wer genug Kröten hat, kann sich jetzt ein paar Straßen oder den Athener Flughafen kaufen. Europa today: Die Rechten und die Turbokapitalisten ballern sich weiter voran.

            Wer da nicht mitspielen kann oder will, könnte ja an die nächste Straßenkreuzung gehen, um dem Teufel seine Seele zu verkaufen, wie es in den Blueslegenden heißt.

            Aber The Grexits machen keinen Blues – und doch steckt eine Menge Blues drin und natürlich der Soul des alten griechischen Blues alias Rembetiko, der vor über hundert Jahren entstanden ist, der vor allem in den Hafenstädten populäre Soundtrack der kleinen Gauner*innen und Habenichtse, der Drogisten und Abgehängten. „Die einzige Parallele zur Rembetiko-Musik, die ich mir denken kann, ist der städtische Blues von New Orleans, Chicago und Harlem. Dort gibt es das gleiche Gefühl, außerhalb der Gesellschaft zu stehen, die gleiche Geheimsprache“, und die Hauptthemen sind sich „erstaunlich ähnlich: Haschisch, Gefängnis, Polizei und Sex“, schreibt Musikethnologin Gail Holst.

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