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09.12.2019, Jamal Tuschick

Europäischen Koryphäen voran gingen US-Amerikaner. Sie entdeckten Pont-Aven als Idylle und vielleicht waren sie es auch, die ein Interesse an japanischer Malerei in die Bretagne pflanzten. Im städtischen Museum hängen Bilder im japanischen Stil neben japanischen Kunstwerken.

Sommerfrische der Moderne

Bushi in der Bretagne. Ab 1860 gab es einen japanischen Trend, ausgelöst womöglich von amerikanischen Freilicht-Malern.

Von links: Paul Gauguin, Deux têtes de bretonnes. Maurice Denis, Baigneuses au Port-Blanc. Ferdinand Loyen du Puigaudeau ... André Jolly, Les Goémoniers. 

Eingebetteter Medieninhalt

Eine Ausstellung überseeischer Kunst veranlasst den prekär lebenden, als Kritiker notdürftig dazuverdienenden Dichter Charles Baudelaire in den 1850er Jahren Kosmopolitismus als „göttliches Geschenk“ zu feiern. Er rezensiert Stücke, „deren Formen dem akademisch geschulten Auge zuwiderlaufen“, Darstellungen von Personen, „deren Muskeln nicht gemäß dem klassischen Stil vibrieren“ und deren „Gang nicht den Kadenzen gewohnter Rhythmen folgt“.

Europa öffnet sich der „universellen Schönheit“. Das erzählt Walburga Hülk in ihrem bei Hoffmann und Campe erschienenen, flamboyanten Geschichtsbuch „Der Rausch der Jahre. Als Paris die Moderne erfand“. Ich denke daran in einer Sommerfrische der Moderne: Pont-Aven. Die Gemeinde an einem atlantischen Trichter im Département Finistère wuchs über eine Mühle und einen Hafen hinaus. Mitte des 19. Jahrhunderts stellten sich die ersten Freilichtmaler ein. Sie reagierten auf die ländliche Ursprünglichkeit ihrer Gastgeber*innen, eine malerisch schroffe Küstenlinie und les lumières bigoudènes. Es entstand eine Künstlerkolonie. Die berühmtesten Avenisten sind Paul Gauguin, Émile Bernard und Camille Pissarro.

Offensichtlich wird das Interesse der Städter an den Töchtern von Fischern und Bauern auf Fotografien, Zeichnungen und Gemälden. Zweifellos begegneten sich auf beiden Seiten des Geschehens Affizierte in einem besonderen Fluidum. Die Einheimischen lebten mit ihrem Vieh unter einem Dach. Das bezeugen Bilder. Auf den Ansichten scheinen Fischer und Bauern kein Mistrauen zu hegen gegenüber den Malern, die sich in Pittoresken so breit einfügen, als sei ihnen ihre historische Bedeutung bereits geläufig. Keine Aufnahme kommt ohne lokale Schönheiten aus. Die Szenen bewahren unbekümmerte Lebensfreude. Zu den Andachten in der Natur gesellt sich wenig Frommes. Gauguin scheint im südlichen Finistère seiner Südsee schon einmal nahegekommen zu sein.

Eine Reihe von Kollaborationen belegt gutes Einvernehmen. Den frisch Angereisten bereitete man einen großen Bahnhof.

Zwei Farben dominieren die Palette der Impressionisten von Pont-Aven: (das) Orange* (der Kürbisse) und Blau.

Den europäischen Koryphäen voran gingen US-Amerikaner. Sie entdeckten Pont-Aven und vielleicht waren sie es auch, die ein Interesse an japanischer Malerei in die Bretagne pflanzten. Im städtischen Museum hängen Bilder im japanischen Stil neben japanischen Kunstwerken. 

*An der Schwelle zur Ewigkeit - von Eckart Britsch

*Orange verbindet sich mit den französischen Wörtern orage (Gewitter) und orante, der Figur des Betenden in der Kunst, und spannt so zwei disperate Eigenschaften zusammen. Orange ist eine forsche Farbe. Sie strahlt und spielt mit dem sonnenüberflutenden Flair von Frankreichs Süden. Dagegen ist Blau eine geheimnisvolle Farbe. Sie steht für Himmel und Abgrund. Der schwarzblaue Himmel auf Van Goghs Weizenfeld aus dem Jahr 1890 wirkt wie eine Vorsehung auf seinen kommenden Tod. 1888 sagt er:

Es gibt kein Blau ohne Gelb und Orange.

Gleichzeitig ist Orange die Farbe des jugendlichen Charisma. In Japan heißt Blau bei den Malern banana-ino. So bezeichnet sich ein helles oder dunkles Blau mit einem Stich ins Rosa. Im Kabuki verkörpert die Farbe die übernatürlichen Wesen der Dämonenpalette.

Das rote Meer ist sehr blau.

Die Schule von Pont-Aven gefällt in überschäumenden Orange und verliert sich in der Weite und Kraft des Blaus an der Schwelle zur Ewigkeit.

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