MenuMENU

zurück zu Main Labor

10.12.2019, Jamal Tuschick

#MeToo - Nefeli Kavouras‘ an allen Enden entfachte Erzählerin empört sich über den Selbstermächtigungsstolz eines zunehmend Hinfälligeren.

Die Hinfälligkeit eines Anmaßenden

Die Wut pfeift wie kochendes Kesselwasser in den Ansprachen der Autorinnen. In manchen Darlegungen finden solche Verdichtungen statt, dass dem Leser der Atem stockt. Hengameh Yaghoobifarah wendet sich an jemanden, der „sich damit schmückt, als Wetteinsatz mit einer dicken Person Sex gehabt zu haben“. Simone Buchholz spricht Männer an, die in ihrer Gegenwart mehr oder weniger verdeckt onaniert haben. Buchholz deutet einen delegierten Racheakt an: „Was genau passiert ist, tut nichts zur Sache, aber es muss eklig gewesen sein, eine Demütigung, und ganz schön wehgetan haben.“

Die Autorin beschreibt einen Mann „im speckigen Anzug“ als Prototypen des umtriebigen Wichsers. Er sei ihr nicht als erster mit ekelhaften Sachen „in die Biografie gegrätscht“; doch ergab sich aus seinem (in einem Setting der selbstgewiss-zuversichtlichen Gemeinheit eingebetteten) Übergriff eine Prägung. Darum geht es in einigen Anzeigen. Nefeli Kavouras‘ an allen Enden entfachte Erzählerin empört sich über den Selbstermächtigungsstolz eines zunehmend Hinfälligeren. „Buche, Eiche, Ahorn“ heißt die Briefprosa, nachzulesen in diesem publizistischen Rahmen:

Aus der Ankündigung

Karen Köhler lädt ein zur literarischen Konfrontation: „Briefe an den Täter“ – unter dieser Überschrift verfassen zwölf Autorinnen ihre Nachrichten. Ob fiktiv oder nah an der Wirklichkeit, ob literarisch auserzählt oder in sachlicher Kühle: Das Reden über Schuld und Schuldige hat sich in den vergangenen Jahren verändert. So hört es sich heute an.

Karen Köhler, Akzente 3/2019, Hanser, 75 Seiten, 10,-

Den Text öffnet eine erklärte Verweigerung der Kontributionen im Ich-werde-nicht-Stil.

Ich werde nicht Mamas Hand halten. 

Der Titel spielt auf eine Meisterschaft in der unterscheidenden Bestimmung von Eiche und Esche anhand der Blätter an, die dem angeschriebenen (vom Leben längst abgeschriebenen) Großvater Gerhard zugetragen werden mussten, da er schon im Rollstuhl saß, als er noch angebracht fand, vor der Enkelin zu dozieren.

Die Erzählerin memoriert die Stadien der Hinfälligkeit eines Anmaßenden, der auch noch als Bedürftiger anmaßend blieb. Diese fortgesetzte Anmaßung liefert Abrechnungsgegenstände.

Was die Erzählerin dem Großvater zu sagen versäumte, erzählt sie dem Leser: „Dass du im Alter nicht milder wurdest“ und dich nicht unterbrechen ließest, während du selbst der Oma … „ständig ins Wort fielst“.

Die Erzählerin informiert den Leser auch über Toilettengangkalamitäten in den Spielarten vielfältigen Versagens.

Was gibt der Schilderung einer Peinlichkeit ihre Bedeutung?

Dass ein Entthronter sich bemüht, vor seiner Enkelin ein Missgeschick auf dem Klo zu verbergen? Nein, natürlich nicht.

„Das wäre alles nicht schlimm gewesen. Wir waren gern Familie.“

Die Erzählerin führt zwei großväterliche Angriffe auf ihre Integrität an. Alle Versuche, darüber hinweg zu manövrieren, scheitern.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen