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15.12.2019, Jamal Tuschick

In seinem Roman „Die Frau, die nicht alterte“ erzählt Grégoire Delacourt von einer im Weiteren durchschnittlichen Französin, die Mediziner vor Rätsel stellt. Ein Arzt wundert sich: „Das ist wirklich sonderbar, Ihre Epidermis ist deutlich jünger als Sie.“

Von Einsamkeit glorifiziert

In einem narzisstischen Selbstschöpfungsakt kommt Martine, die sich bald Betty nennen wird, mit achtzehn noch einmal zur Welt. In ihrer Schönheit findet sie den Trost, der sich ihr seit dem frühen Tod der Mutter entzogen hat. Sie erkennt sich als Eingeschlossene im Elfenbeinturm ihres körperlichen Zenits und versöhnt sich mit den von Einsamkeit glorifizierten Tatsachen ihres Lebens.

„Plötzlich war ich funkelnagelneu, unberührter Schnee, ich hatte ein Feuer gefunden.“

Grégoire Delacourt, „Die Frau, die nicht alterte“, Roman, aus dem Französischen von Katrin Segerer, 172 Seiten, 20,-

Die Skizze könnte die Rummelbude eines trivialen Auftakts in der Manier einer Dorian-Gray-Verwurstung umreißen. Aber so ist es nicht. In Bettys beständiger Blüte erklingt der Schlussakkord einer Entwicklung. In Bettys Biografie verbindet sich die Schönheit der Achtzehnjährigen mit einem Endpunkt.

Banken fällen Stammbäume, Ferienhäuser wuchern wie Tumore …

Grégoire Delacourt verkleidet eine „genetische Replik, (die) Balz, (den) Tanz ums Weibchen“ (Kerstin Ehmer) mit Kritik an der französischen Agrarpolitik, in deren Konsequenz Bauerndynastien stier gingen, während auf ihren angestammten Feldern der Aushub im Plural freizeitindustrieller Planungen losging. Betty wüsste davon nichts, wäre ihr Liebhaber André nicht Sohn ländlicher Modernisierungsverlierer, die sich selbst als Opfer von Machenschaften begreifen.

André entwirft den Prospekt mit Grill und Planschbecken als einer urbanen Konstellation, die auf dem umgewidmeten Grund von einem Mangel an Geistesgegenwärtigkeit enteigneten Bauern als Okkupationsensemble wirkt.

André erinnert Betty an Dinge, die sie nie bedacht hat. Er erwähnt die „erloschenen Augen“ seiner Eltern in einem Zusammenhang mit den posttraumatischen Belastungsstörungen französischer Soldaten, um die sich keiner kümmert; die im gesellschaftlichen Diskurs nicht vorkommen, anders als amerikanische Vietnamveteranen, die in ihrer Verwüstung als „Abgehängte“ einen festen Platz in der Gedächtniskultur einnähmen.

Betty fehlt der Sinn für die Tragik anderer. Sie studiert Literatur, arbeitet an ihrem Latein und liest Proust. Vor allem analysiert sie das Verhältnis ihres Vaters zu Françoise – der Nachfolgerin ihrer Mutter mit der gebotenen Skepsis und einer altklugen Exkulpationsbereitschaft.

Der kriegsversehrte Vater macht seine Geständnisse. Er erzählt von einer psychologischen Mission, die im Grauen mündete.

„Gräuel … wurden zur Droge“.

Jemand unterband den Selbstmord des Süchtigen. Da ist so viel, was gegen das Glück spricht. Bettys Existenz erscheint zu unbefestigt. Mit zweiundzwanzig begibt sich Betty in Bapaume im Département Pas-de-Calais als Grundschullehrerin auf den Pfad „der höflichen Unscheinbarkeit“. Im folgenden Jahr heiratet sie ihren Geliebten …

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