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15.12.2019, Jamal Tuschick

Achtzehn Jahre Haft fordert die türkische Staatsanwaltschaft in ihrer, so der Angeklagte, grottenschlecht formulierten Anklage. Deniz Yücel sitzt längst im Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9, als ihn dieser Hammer von Amts wegen trifft. Oft schmuggelt er Notizen aus seiner Zelle, und zwar stets so, dass „die Aufseher die Dinge (sehen), aber nicht (verstehen)“. Nur einmal versagt die Vorsicht, bei einer Leibesvisitation wird ein Zettel gefunden. Yücel rät sich selbst: „Du musst cool bleiben, unbedingt cool bleiben.“ Das verträgt sich ungemein schlecht mit dem unendlich poetischen Liebestürkisch. Gegen das Türkisch der Liebe ist Deutsch (egal in welchem Kontext) eine komplex gebundene Unzulänglichkeit. Wichtig ist nur, dass seine Frau Dilek Mayatürk begreift, warum sich Yücel weder von Erdoğan noch von der Bundesregierung instrumentalisieren lassen will. „Und Dilek? Sie sagt gar nichts. Schweigend legt sie die Hand auf die mit Fingerabdrücken verschmierte Trennscheibe.“

Cool bleiben

Natürlich sagt Dilek im Übrigen jede Menge. Zum Beispiel erzählt sie dem überregional kursierenden Periodikum Cumhuriyet: „Sie wissen, wie viele Fingerabdrücke auf den Glasscheiben sind, die uns von unseren Liebsten trennen. Die Fingerabdrücke, das sind wir.“

Deniz Yücel, „Agentterrorist - Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie“, Kiepenheuer & Witsch, 394 Seiten, 22,-

Selbstverständlich kapiert Dilek, warum Yücel auf stur schaltet. So entgeht er dem Schicksal eines politischen Spielballs. Er muss das Gesetz des Handels nach Kräften für sich reklamieren. (Leicht ist das nicht, auch wenn der Häftling auf dem Weg der Weisheit - wie vor ihm Nâzım Hikmet - begreift, dass die Gefangenschaft auf einer keinesfalls erstrebenswerten Metaebene ungeahnte Kräfte freisetzt.)  

„Es geht nicht darum, gefangen zu sein. Sondern darum, sich nicht zu ergeben. Nâzım Hikmet

„Ich verstehe, mein Herz“, sagt (Dilek). „Ich verstehe dich.“

Can Dünbar 2018 im Berliner Maxim Gorki Theater.  

Der 1961 in Ankara geborene Dündar berichtete im Sommer 2015 in der Istanbuler Tageszeitung Cumhuriyet unter der Überschrift „Hier sind die Waffen, die Erdoğan leugnet“ über einen türkischen Geheimdienst-Lieferando.

Mörser statt Mozarella

Beliefert wurden islamistische Milizen mit Munition. Offenbar ohne Beanstandungen. Man legt Dündar den Verrat von Staatsgeheimnissen zur Last. 

„Zur Debatte stehen zweimal lebenslänglich; nach altem Strafrecht ein Todesurteil.“

Erdoğans Partei gewordene Bewegung „für Gerechtigkeit und Aufschwung“ nennt sich „die Tugendhaften“. Ihrem Führer folgen die Parteigänger*innen mit religiöser Leidenschaft. Als ihr Präsident sie in der Putschnacht des 15. Juli 2016 auf die Straßen des Landes rief, kamen sie zuhauf und in Scharen. Das waren Scharen in Schlafanzügen. Sie traten gegen die Panzer der Putschisten und verfluchten die zum Umsturz befohlenen Rekruten, die, so Dündar, gar nicht wussten, in wessen Namen sie handelten.

Der Verfemte über seine Zeit im Gefängnis: sie bot Raum für einen digitalen Detox.  

Auch Maxim-Gorki-Chefin Shermin Langhoff engagierte sich für die Freilassung von Deniz Yücel

Ein Traum wird wahr

Ausgerechnet der von den taz-Genossen ständig angestoßene „Welt“-Vize-Chefredakteur Ulf Poschardt bietet sich als Erfüllungsgehilfe eines Yücel’schen Traums an. Er macht den vom Glück in den Himmel Gehobenen zum Korrespondenten in Istanbul. Yücel schildert die Bosporusagglomeration als „Sehnsuchtsort … vieler Deutschtürken“. Er selbst kam mit der türkischen Staatsbürgerschaft zur Welt und behielt sie zu seinem Nachteil, wie sich schließlich herausstellte.

Doch ist das nicht absehbar, als sich Yücel vom türkischen Wehrdienst freikauft, um unangefochten in der Türkei leben zu können. Aber was heißt schon unangefochten:

„Nicht erst seit Erdoğan droht in der Türkei jedem Journalisten, der seine Sache gut macht, Verhaftung oder gar Schlimmeres.“

Das verlorene Dosenbierglück von Istanbul 

Am 14. Februar 2017 wird Deniz Yücel (als türkischer Staatsbürger) in Polizeigewahrsam genommen. Die Staatsanwaltschaft Istanbul wirft ihm auch Terrorpropaganda vor. Der Vorwurf stützt sich auf ein Interview mit Cemil Bayik. Die türkische Regierung sieht in Bayik das Übel als Kurde, dem Yücel in einem aufwertenden Zusammenhang Raum gab. Für die Behörden ist der Journalist ein verkappter Parteigänger, viel mehr Aktivist als Journalist. In seiner Nachbarschaft entbehrt Hüseyin Avni Mutlu die Freiheit. Als Gouverneur der Provinz Istanbul war Mutlu auch Chef der Schließer im Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9. Nun untersteht er ihrer Aufsicht. Recep Tayyip Erdoğan wirft ihm vor, an dem gescheiterten Putsch von 2016 beteiligt gewesen zu sein. Mutlu balancierte bei der Bekämpfung der Gezi-Proteste zwar auf der Hard Line, als Erdoğan-Gegner erscheint er jedoch kaum der Rede wert.

Deniz Yücel, „Agentterrorist - Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie“, Kiepenheuer & Witsch, 394 Seiten, 22,-

Während Yücel zum Fluidum verdichteter Intellektualität und oppositioneller Prominenz im Knast beiträgt, bemühen sich in Deutschland viele um seine Freilassung. In Berlin begeht ein befreiungsaktivistischer Freundeskreis den ersten Jahrestag der Verhaftung am 14. Februar 2018 öffentlichkeitswirksam auch mit „roten Ballonherzen“. Einem FreeDeniz-Autocorso folgt ein Solidaritätsabend im Festsaal Kreuzberg.

Nie habe sich ein Termin schneller fixen lassen, meldet Mely Kiyak. Alle wollen dabei sein. Auf sich aufmerksam machen die Jungle World, Welt, taz, Edition Nautilus und der Verbrecher Verlag. Auf der Bühne ergänzen sich Michel Friedmann, Imran Ayata, Daniel-Dylan Böhmer, Doris Akrap, Maxim Biller, Matthias Lilienthal, Jens Friebe, Oliver Polak, Sven Regener, Andreas Rüttenauer, Margarete Stokowski und Özlem Topcu. Jan Böhmermann und Robert Stadlober beteiligten sich im Zuschaltmodus.

Deniz‘ Familienname wird gerade vom Volksmund geschluckt. Der taz-Linke bei der „Welt“ ist bereits unser ¡No-pasarán!-Deniz, Deniz der Pressefreiheit und sowieso der Deniz diverser deutsch/kurdisch/türkischer Freundschaften. Yücel fungiert als Deniz für Nachweise repressiver Toleranz in tückisch mutierenden Demokratien, die sich querstellen wie Tanker in verhangenen Hochseemanövern. Niemand hat damit gerechnet, dass Recep Tayyip Erdoğan so ungebremst vorankommt bei seiner Umwandlung der laizistischen Türkei in eine gleichgeschaltete Gesellschaft.

Friedman ermahnt den türkischen Staatschef in direkter Ansprache. Er stellt fest:

„Einige zahlen einen hohen Preis für die Freiheit des Gedankens.“

Jan Böhmermann spricht mit Bruch in der Stimme vom Mitgefühl: als im Ernst dilettierender Satiriker. Zwei Tage später kommt Deniz Yücel frei. Er soll auf der Stelle die Türkei verlassen, die Bundesregierung „schickt ein Flugzeug“.

Yücel sträubt sich. Er hat zwei Jahre in Istanbul gelebt und will da nicht einfach alles stehen und liegen lassen, um halbwegs präsidial zwischen grata und non grata als zum Symbol gewordene Person sowie als Staatsgefangener in (temporärer) Freiheit nach dem Willen von Staatsleuten zu fluktuieren.   

Er will sein Privatleben zurück – den Zivilistenstatus des Kulturpartisanen.

„Ich habe meine Wohnung hier, meine Arbeit, meine Katze, meine Freunde.“

Die Gezi-Proteste haben Yücel ein neues Istanbulgefühl gegeben. Doch das Dosenbierglück in den Stadtparks ist sowieso eine Angelegenheit von temps perdu.

Voicing Resistance

Ich denke an Mely Kiyaks „Aufstand“. Das füllt eine ausgesparte Stelle in Yücels Bericht. 

Ein Mann steht im Nebel und erzählt von Tränengasattacken auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park. Er weiß, Wasser hilft nicht gegen Gas. Er hält Zitronen in Reserve, in Istanbul hielt er es nicht lange aus. Seine Heimat liegt am Tigris, Dicle sagt man in Diyarbakır zu einem Fluss im Zweistromland. Der Mann ist türkischer Lehrer bis halbeins und kurdischer Künstler am Nachmittag. Wären seine Urgroßeltern Armenier gewesen, würde ihn Frankreich als Künstler vielleicht feiern. Er kann sich aber nicht schick machen in der Diaspora. In Diyarbakır ist für eine kurdische Identität noch alles da.

Mehmet Yılmaz spielt den wütenden Künstler. Seine Mittel liefert ihm Repression, das ist der Witz. „Voicing Resistance“ heißt die Reihe in der Mely Kiyaks „Aufstand“ über die Bühne geht … Mely Kiyak schickt Konflikte durch Filter eines an sich laborierenden Ichs. Ja, Bênav war im Gezi-Park, doch passte ihm da kein Wir. Er hätte nur bei Leuten mitmachen können, die ihn schon einmal mit einer ethnischen Begründung ausgeschlossen haben. Das wäre nicht das Richtige gewesen – mit den Falschen gemeinsam Angst zu haben. Bênav exponiert die Angst: „Du gehst raus und hast Angst.” Er fürchtet: „Rümbrüllen, das sieht doch nicht aus.”

Bênav sagt: „Erinnern ist Widerstand.“ Die Macht der Täter äußert sich im Schweigen ihrer Opfer.  

Mehmet Yılmaz spielte den wütenden Künstler. Seine Mittel lieferte ihm die Repression, das war der Witz. „Voicing Resistance“ heißt die Reihe in der Mely Kiyaks „Aufstand“ über die Bühne ging … Mely Kiyak schickt in dieser Konstellation Konflikte durch Filter eines an sich laborierenden Ichs. Ja, Bênav war im Gezi-Park, doch passte ihm da kein Wir. Er hätte nur bei Leuten mitmachen können, die ihn schon einmal mit einer ethnischen Begründung ausgeschlossen haben. Das wäre nicht das Richtige gewesen – mit den Falschen gemeinsam Angst zu haben. Bênav exponiert die Angst: „Du gehst raus und hast Angst.” Er fürchtet: „Rümbrüllen, das sieht doch nicht aus.”

Bênav sagt: „Erinnern ist Widerstand.“

Die Macht der Täter äußert sich im Schweigen ihrer Opfer.  

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