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17.12.2019, Jamal Tuschick

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar. Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert.

Notnarrativ

Links sehen Sie die Widerstandskämpferin Lula (Mihret) Gherezghiher*.

*In Eritrea behalten die Frauen ihren Mädchennamen. Der Nachname ist immer der Vorname des Vaters. Elilta Mesmers ermordeter Vater hieß Mesmer mit Vornamen.

Rechts sehen Sie Elilta Mesmer

„Steingebet“ heißt der erste Roman von Elilta Mesmer, der im Mainlabor in Fortsetzungen vorab erscheint. Das Debüt handelt von Flucht und Vertreibung. Es erzählt von Unrecht und Widerstand. Eliltas Mutter spielt eine tragende Rolle im eritreischen Freiheitskampf. Sie ist die Witwe eines Ermordeten. Eliltas Vater stand für die Unabhängigkeit seines Landes ein und zahlte den höchsten Preis.

Angst im Dunklen

Meiner tapfer-verzweifelten Mutter blieb die größte Niederlage jeder Mutter nicht erspart: zusehen zu müssen, wie das Licht des Urvertrauens in den Augen der eigenen Kinder erlischt. Wir waren eine traumatisierte Familie und spiegelten uns in unseren Ängsten. Die Ängste hatten Drüsenfunktionen. Durch ihre Epidermis trat eine Art Wundsekret aus, und so auch der Eiter des Nichtbegreifens. Da war niemand mit einer psychologischen Ausbildung. Ich glaube, im Umkreis von achthundert Kilometer lebte keiner, dem die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung schon einmal, und sei es nur vom Hörensagen, untergekommen war.

Auch entsprach es nicht traditionellen Diskretionsbegriffen, uns gegenseitig auseinander zu nehmen. Ich blieb also allein und unberaten mit meinen Empfindungen.

In der Sphäre meines Großvaters Gherezghier war der Geruch von Heu dominant. In die Schlafräume gelangte man auf einem Weg durch den Stall. Die hilflose Mächtigkeit der Kühe verängstigte mich.

Nichts fürchtete ich mehr als Dunkelheit. Die Dunkelheit war ein Raum, in dem mich meine Mutter nicht finden konnte.

Das war meine Erzählung, das Narrativ meiner Not. Es entbehrte der realen Vorlage. Nach unserer Flucht aus Asmara verlief der Alltag im Haus meiner bäurischen Großeltern alles in allem undramatisch. Meine Mutter gab mir und meiner Schwester keinen Grund, an ihrer Standfestigkeit und ihrer Liebe zu zweifeln. Trotzdem plagte mich die Angst, sie könne es eines Tages nicht mehr schaffen. In der Angst vor ihrem Versagen verbarg sich die Angst, selbst zu versagen in den Ämtern Tochter, Schwester und Enkelin.  

Ich fing erst an, ohne Licht zu schlafen, nachdem mein Sohn auf die Welt gekommen war.

Er nahm mir eine Last und gab mir eine neue. Er ließ mich um ihn fürchten, wie ich mich nie um mich selbst gesorgt habe. Aber das ist eine andere Geschichte.  

Wenn wir aus unserem Mittagschlaf erwachten, lag stets ein Keks neben dem Kissen. Daran hielt meine Mutter sogar im Flüchtlingslager fest. Heute verstehe ich die Spende als Ritual auch der Selbstvergewisserung: wenigstens das für die Kinder tun zu können. Der Duft der Kekse kam einer liebevollen Versöhnung gleich.

Mamas Hände

Der Duft meiner Mutter hatte eine ebenso narkotisierende wie euphorisierende Wirkung auf das Kind, das ich war. Ich befestige damit heute noch meine Vorstellungen von Reinheit. So stelle ich mir den Duft von Wolken vor.

Zu sehen, dass ich meine Mutter stolz machen konnte, bedeutete mir die Welt.

Ich wünschte mir Mamas Stärke. Und wenn mir später, nach dem Höllenritt durch den Sudan, in meinen pubertären Empörungen die Argumente ausgingen, dann hielt ich der Großartigen schreiend entgegen:

Ich bin nicht wie du!

Dabei wäre ich es so gern gewesen.

Ich assoziiere den Ereignissen vorgreifend:

Mamas Manie, massenhaft Toilettenpapier zu horten. Sie füllte damit den Abstellraum unserer Wohnung in Ludwigsburg.

Bis heute kann sie kein Essen wegwerfen. Schimmel wird entfernt und stellt in keinem Fall einen Lebensmittelvernichtungsgrund dar. Überschrittene Verfallsdaten spielen gar keine Rolle. Meine abgelaufenen Lebensmittel landen immer noch nicht im Müll, sondern bei meiner Mutter. Ihre Begründung greift mir - allen Wiederholungen zum Trotz - ans Herz.

Wir sind evangelisch, meine Mutter hat uns in tiefem Glauben erzogen. Aber sie hat mir auch erzählt, daß sie in der ersten Zeit nach der Ermordung meines Vaters zum Beten vor die Tür ging, um Steine in den Himmel zu werfen.

Meine Mutter begründet ihr Verhältnis zu Essbarem mit der katastrophalen Versorgungslage nach der Ermordung meines Vaters und der Verbrennung unseres Hauses. Sie sei so dankbar für jeden Happen gewesen, den Nachbarn und Verwandte mit uns teilten, dass sie sich damals schwor, Essen nie wegzuwerfen - zur Erinnerung und als Mahnung an die Zeit, als wir so mittellos waren, dass wir aus eigener Kraft nicht überlebt hätten.

Brachte ich ihr meinen Sohn, kontrollierte ich den Kühlschrank und sorgte dafür, dass das Kind von den Folgen des großmütterlichen Traumas im Nahrungssektor verschont blieb. Geradezu verbohrt wollte meine Mutter das Mangelprogramm meiner Kindheit zum Standard für meinen Sohn machen. Wir kriegten uns deshalb in die Haare.

Verzicht ohne Not ist für mich ein Sakrileg. Meine Mutter behält einen sparsamen Umgang mit Wasser sogar in unserer Wasser-im-Überflussgesellschaft bei.

Beim Essen stand bei uns nie Wasser auf dem Tisch. Erst nach dem Essen durften wir trinken.

Meine Mutter liebt meinen Sohn abgöttisch. Sie sagt, er wäre die Versöhnung Gottes mit ihr. Gott habe ihn ihr geschenkt, zur Heilung ihrer seelischen Wunden.

Er fühlt die Verantwortung und trägt eine große Tätowierung auf der Herzseite seiner Brust. Das Bild zeigt das Gesicht seiner Großmutter.

Unique Untold Pain - Erste Stimmen zum Text

Es ist so wunderschön geschrieben. Mika San

It is impressive and sad/beautiful and and I really cannot wait to hold it as a book in hand and for sure it will come out in english. The story is unique untold pain. Lilly Ghidey Ghebre  

Mega nice geschrieben; will das Buch definitiv haben. Sara Araya Wow

Herzzerreißend! Ich möchte eine Ausgabe. Mika San 

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