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25.12.2019, Jamal Tuschick

James Earl Ray (1928 - 1998) widerrief bis zu seinem Tod Jahrzehnte ein Geständnis, das ihn zum Mörder von Martin Luther King erklärte. Seine vom Gericht festgestellte Einzeltäterschaft trug dazu bei, den expressiven Teil der Bürgerrechtsbewegung in der zivilgesellschaftlichen Spur zu halten. Nicht wenige glaubten im High von Achtundsechzig, eine Art tiefer Staat habe sich Amerika bemächtigt, und Kings Herausnahme aus dem Powerplay sei dafür ein Beweis. Jeder Depp kann einen Richard Löwenherz aus dem Sattel schießen. Nun hat Ray in Antonio Muñoz Molina aber einen Fürsprecher gefunden. In seinem Roman „Schwindende Schatten“ beschreibt Molina die Nummer Eins unter den zehn 1968 meist gesuchten Verbrechern der Welt als bemerkenswert einfallsreichen Einzelgänger. Weit davon entfernt ein Draufgänger zu sein, bestand Ray vor allem Abenteuer des Geistes. Er experimentierte mit Hypnose und Autosuggestion und arbeitete erstaunlich effektiv an sich. Wo immer er landete, suchte Ray die verrufenen Quartiere auf und bewegte sich da wie ein Fisch im Wasser, ohne sich gemein zu machen. Er war der Pepsi-Typ unter Saufgestalten.

Genie der Autosuggestion

Vermutlich gab es in der langen Geschichte der spirituellen Gymnastik neben allen möglichen Scharlatanen jede Menge nicht anschlussfähiger Autodidakten und Neuerfinder existierender Formen. Das Unsortierte, Wuchernde und Schräge, vor allem jedoch das Yoga-grammatisch und -orthografisch Zweifelhafte fordern eine argwöhnische Betrachtung heraus. Gleichzeitig fasziniert dieser Karneval der Bemühungen um Körperbeherrschung. Auch James Earl Ray verfolgt seinen eigenen Weg. Er hat sich das Laufen auf den Händen beigebracht. Er kann sich zusammenfalten und seinen Puls herunterregulieren. Unter gewissen Umständen kontrolliert er seine Atmung wie ein veritabler Fakir. Aber jetzt versagt das Training. Von Flugangst gepeinigt, krümmt sich Ray in der Sitzschale, während ihn ein Tycoon unter Konditoren ins Gespräch zieht.

In diesem qualvollen Augenblick kommt Ray nichts ungelegener als seine Legende dem Elchtest der Neugier einer wenig kultivierten und offensichtlich moralisch insolventen Führungspersönlichkeit auszusetzen.

Ray, der sich Sneyd nennt und jederzeit als Sniper im Zirkus auftreten könnte, verfügt über besondere Eigenschaften und Kenntnisse. Doch sein ganzes, in Jahrzehnten auf der Flucht verfeinertes Repertoire der Verstellung und Täuschung hängt von einem in der Kabine ausgeschlossenen Faktor ab – Bewegungsfreiheit. Ray verflucht im Stillen seine Lage, bis in der Reihe Ruhe einkehrt und sich der Vorhang vor der inneren Bühne hebt. Der Hausherr erscheint sich selbst als James Bond, wenn auch in einer verdünnten Ausgabe.  

Antonio Muñoz Molina, „Schwindende Schatten“, Roman, aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen, Penguin, 512 Seiten, 26,-

Ray mischt sein ausuferndes Kreuzworträtselwissen mit biografischer Tristesse. Sein Leben ist eine Geschichte der Demütigung. Im Winter verheizte sein Vater Bodenbretter und Dachsparren. Bevor Ray ins Klassenzimmer durfte, musste er sich der peinlichen Prozedur einer Läusekontrolle unterziehen.

Die Lehrerin ekelte sich vor ihm und machte keinen Hehl aus ihrer Aversion. Rays Anblick löste Allergien aus. Aber das Kind dramatisch verwahrloster Leute kannte die Namen aller Hauptstädte und wusste wie hoch genau der Mount Everest in den Himmel ragt.

Die Welt schließt ihm ein Eklektizismus auf, der von liegengebliebenen Magazinen und Taschenbüchern angeheizt wird. Ständig lernt Ray dazu. Er drückt sich so gewählt aus wie manche Analphabeten. Das sichert ihn ab als kleiner Mann auf der Durchreise.

Ray könnte alles Mögliche sein.

Aber er ist nur ein Gefangener/auch noch auf der Flucht. Ray existiert so gründlich außerhalb der bürgerlichen Ordnung, dass alle Verbindungen klapprig und brüchig sind. Ich könnte ihm ewig folgen, so einnehmend ist Antonio Muñoz Molinas Erzählton.

Ohne einen Unterschied zwischen Autor und Erzähler erkennen zu lassen, begibt sich Molina mehr als fünfzig Jahre nach Rays europäischem Abstecher „mit (vor Erschöpfung) brennenden Augen“ auf Spurensuche.

Nach der Ermordung von Martin Luther King setzt sich Ray via Toronto und London nach Lissabon ab. Von da will er weiter nach Angola, um als Söldner anzuheuern; es gibt vermutlich nicht viele Amerikaner seiner Klasse, die wissen, dass Angola eine portugiesische Kolonie ist. Er wähnt sich schon auf einem Heldenparcours.

In seiner Wahrnehmung hat der Erdkreis das Interieur der Groschenromane. Ray ist ein altes Kind, das mit Waffen spielt, und sich mit einer Art Ganoven-Voodoo abschirmt.

Man glaubt zuerst, der infantile Habitus markiere ihn als vollkommen unzuständig für jede geldwerte Beschäftigung, die mehr verlangt als das Zusammenschieben von Einkaufswagen vor einem Supermarkt.

Das ist ein Trugschluss. Die Laufkundschaft im Zeitzeugenstand hält Ray für einen Vertreter/Geistlichen/Professor.

Molina schneidet die Stationen seiner leuchtenden Entwicklung als Schriftsteller, Ehemann und Vater gegen Rays Armut auf allen Etagen. Er bemächtigt sich der nach Rays Tod übriggebliebenen Reisegegenstände, die immer noch von einer unglaublichen Trostlosigkeit erzählen.

Molina tastet sich vor und hinein in den Albtraum ständiger Überforderung. Wäre Ray nicht so findig, müsste er weniger aushalten. Aber diesem auf sich selbst gestellten Mündelwesen gelingen erstaunliche Dinge. Er ist ein Genie der Autosuggestion. Er zieht aus einem Hypnosehandbuch mehr als andere aus einem Studium.

Molina bringt es auf den Punkt. Ray besitzt „mentale Disziplin“. Er wählt seine Aliasnamen mit Bedacht, übt die Unterschriften, wechselt die Unterwäsche in zivilisierten Abständen, vollbringt Wunder der Mimikry und bewahrt sich in einer hausgemachten Gnade.

„Er verbirgt sich zwischen dem menschlichen Abschaum … gehört aber nicht dazu“.

Molina erfasst ihn in „einem Zustand hellwacher Trance“. Er verschafft sich Bewegung und macht sich Luft in einem Garten voller Standbilder von bewunderten Dichtern. Er erwähnt, wie Scott Fitzgerald auf Joseph Conrad reagierte. Von Conrads Helden der Finsternis Marlow kommt er zu Chandlers Trouble ist my Business-Marlowe und das fügt sich so wie die von Ian Fleming persönlich auf Effekt geschriebenen Szenen eines echten James Bond - dem fittesten aller Trinker und Raucher.

Only the fittest survive ist keine Stamina-Ansage. Es geht um Anpassung. Das hat Ray kapiert. Seine Freiheit hängt davon ab, dass sich kein von Berufs wegen Misstrauischer zu einem nachbohrenden Blick veranlasst sieht.

Fast wundere ich mich über das Erstaunen, mit dem Molina dem meistgesuchten Verbrecher der Welt nachsteigt. Hunderttausend Dollar sind auf Rays Kopf ausgesetzt.

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