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27.12.2019, Jamal Tuschick

#30jahremauerfall - Frank Wolff erklärt in seiner Analyse „Die Mauergesellschaft: Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961-1989“ die schicksalsschwere Bedeutung von Immobilität. Eine Gesellschaft die Bewegungshemmnisse fördert, gerät gegenüber mobilen Verbindungen automatisch ins Hintertreffen. Stellt man sich auf diesen Standpunkt, erkennt man schon die Krisen des polnischen und ungarischen Gegenmodells. Die Verfechter*innen des Permissivitätsprinzips kämpfen hingegen um die Zukunftsfähigkeit ihrer Gesellschaften.

Bewegung/Raum/Struktur

Eingebetteter Medieninhalt

Kommunikationskassiber

Die Mobilität der einen erzeugt/erzwingt die Mobilität der anderen. Im globalen Dorf funktioniert Besitzstandswahrung nur noch im Dauerlauf.

Frank Wolff „Die Mauergesellschaft: Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961-1989“, Suhrkamp, 1020 Seiten, 36,-

Was zuvor geschah

Die Mauer garantierte sich selbst eine Dauerpräsenz, auch bei denen, die keine Verwandten in der DDR hatten. Willy Brandt zum Trotz hieß es volkstümlich immer weiter „Ostzone“ oder auch nur „Zone“. Die Bundesrepublik hatte das Kleid ihrer Vorläufigkeit abgestreift und wähnte sich als kleine Schwester eines freundlichen Riesen in souveräner Sicherheit. Gleichzeitig glückte die Abstraktion des desgradierten Staates von seiner Bevölkerung. Die DDR-Bürger waren Opfer ihrer Würger. Das waren Eingesperrte.

Die Grundlagen der Planwirtschaft bildeten einen Erziehungsschwerpunkt im Gemeinschaftsunterricht. Frank Wolff erinnert an eine Ungerechtigkeit der deutschen Zweistaatlichkeit, die es nie auf einen vorderen Platz im Ranking der Verwerfungen gebracht hat. Zonenrandgebiete unterlagen der Zonenrandförderung. Anderen strukturschwachen Räume blieb der Ausgleich verwehrt.

Die Tagesschau wurde als Agitationsinstrument eingesetzt. Der Osten sah und hörte mit, also flutete man die offenen Kanäle mit dem westlichen Bewusstseinsstrom.

Der Inferiore muss seine Absichten offenlegen, siehe der „Schwarze Kanal“. Der Dominante maskiert seine Propaganda als Information.

Der Westen ging von einer Überlegenheit aus, die der Osten nie besaß. Die DDR war auf Bewährung und mit schlechter Prognose ein eigener Staat.

Geh doch nach drüben/Dann hat er rübergemacht - Was man den einen vorschlug, blieb den anderen verwehrt

Es entstanden Kommunikationskassiber wieder nur zur Erweiterung westlicher Spielräume. Wolffs Analyse zeigt überdeutlich, was die Mauergesellschaft in der alten Bundesrepublik war: eine Konstellation, in der die DDR nur verlieren konnte, da sie das Kraftwerk Mobilität entbehrte.

Die „primäre Praxis“ entspricht der ersten Ebene in Wolffs „geschichteter Migrationsregimeanalyse“. Sie lotet die Grenzen der ungeregelten Bewegung aus. Gemessen am europäischen Standard lag die ungeregelte Bewegung in der DDR bei Null. Folglich fehlten fast alle korrespondierenden Instanzen aka Ankerplätze. Bestimmte Erkenntnisprozesse auf der basalen Ebene konnten gar nicht erst gestartet werden.

In der „sekundären Praxis“ folgt die Regulation. Auf dieser Ebene begegnen sich die Akteure mit den gegensätzlichsten Absichten. Migrationsgegner*innen begegnen Migrationsbefürwortern*innen. Angewandt auf die DDR bedeutete das die Konfrontation von Fluchthelfer*innen mit den Apologet*innen des „antifaschistischen Schutzwalls“. Was den einen moralisch geboten erschien, fanden die anderen kriminell.

Liebe in Zeiten der Teilung

Die „tertiäre Praxis“ erfasst „das öffentliche Sprechen über Migration“.

Es geht stets um die „Interdependenz von Bewegung und Regulation“. Wolff bringt ein Briefbeispiel. Liebende versichern sich über die innerdeutsche Grenze hinweg schriftlich ihrer Liebe. Wolff wünscht, dass der Leser einen doppelten Briefboden nicht ausschließt. In dem Austausch könnte sich auf eine Kritik an den herrschenden Verhältnissen verbergen. Stichwort Kassiberfunktion.

Der Schriftwechsel als Vorspiel eines Landwechsels

Der Mauerbau war ein Verzweiflungswerk. Er diente der Unterbrechung einer Abwanderung. „So verband sich das Schicksal der Mauer mit dem Schicksal des Staates.“

Bald mehr.

Als der Weltgeist Luhmann las

Es gab keinen auf die Zukunft gerichteten Widervereinigungswillen vor Neunundachtzig. Mit dieser Behauptung schließt Frank Wolff in seiner Analyse „Die Mauergesellschaft“ zum Diskurs auf.

Die sozialdemokratische Ostpolitik der Brandt-Ära hatte etwas Ergreifendes und etwas Einschläferndes. Der Hauptsatz „Annäherung durch Wandel“ fußte auf der Konvergenztheorie von Superminister Karl Schiller, einem der populärsten Politiker seiner Zeit. Ziemlich schnell erkannte auch der schwächste Denker, dass es nur eine einseitige Annäherung geben würde, die schließlich in der Übernahme der DDR mündete.

Vorgesehen war das nicht.

Es gab keinen auf die Zukunft gerichteten Widervereinigungswillen vor Neunundachtzig. Mit dieser Behauptung schließt Frank Wolff zum Diskurs auf.

Die Einheit war in den Jahren der deutschen Zweistaatlichkeit „nicht angelegt“. Vielmehr wurde sie nach Neunundachtzig hergestellt, und zwar „in einem nicht staatlichen Kommunikationsraum“. Das stellt Frank Wolff fest: im Widerspruch zu der Version von einem autonomen Wiedervereinigungsprozess.

Man muss sich die Vorbehalte gegen eine Rahmung der Zusammenführung als natürlich, organisch, unvermeidlich etc. immer wieder erarbeiten, obwohl, so Wolff überzeugend, bereits in den Achtzigerjahren eine „supranationale Wertediskussion“ die „deutsch-deutsche Informationsgesellschaft“ erfasste. Der Weltgeist las Luhmann und wusste deshalb, dass auf Nationalstaaten beschränkte Gesellschaftsbegriffe „theoretisch nicht mehr satisfaktionsfähig“ waren.

Natürlich bekam das keiner mit. Die Geschichte behauptete einen Vorsprung im Verhältnis zu allen Experten, deren Expertisen auf zwei fundamentale Trugschlüsse hinausliefen: Die Aporie der Avantgarde und das Ende der Geschichte.

Konzertierter Landwechsel

Mitte der Achtzigerjahre reisten zehntausende DDR-Bürger auf dem Ticket der Helsinki-Schlussakte (Stichwort: KSZE) in den Westen, um da zu bleiben. Dieses Kapitel der bundesrepublikanischen Migrationsgeschichte fand kaum akademische Beachtung. Auf dem Boulevard provozierte der konzertierte „Land-Wechsel“ (Heiner Müller) Anleihen an die diskursive Verarbeitung der Vertriebenen. Geschürt wurde die Angst vor härterem Wettbewerb und Verdrängung.

Der „Spiegel“ titelte:

„Die Deutschen kommen“.

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