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02.01.2020, Jamal Tuschick

Schönheiten ergeben sich in Amitava Kumars Roman „Am Beispiel des Affen“ für den Erzähler aus einem Dreiklang von Sex, Freiheitskampf und Literatur. Kailash bewundert den nicht nur freiheitstheoretisch radikalen Professor Ehsaan, der als Kind erlebte, wie im Zug der pakistanischen Sezession „seine eigenen Verwandten den Vater ermordeten“. Trotzdem billigt der herkunftsmuslimische Gelehrte den Religionen die negative Macht nicht zu, dem „Menschen das Töten zu lehren“. Der Erzähler erkennt in Ehsaan einen

Meister der Kunstpause

Auch wenn man das kaum glauben mag: Georg VI.  war von 1947 bis zu seinem Tod 1952 auch König von Pakistan. Die Dekolonisierung war eine zähe Angelegenheit. 

Soziale Klimmzüge

Die Kämpfe hören nie auf. Der in Amerika lehrende Hochschullehrer Ehsaan ist ein Produkt der indisch-pakistanischen Spaltung. So viele Grenzen sind ihm eingeschrieben, ohne dass er auch nur eine anerkennen würde. Ehsaan zeichnet die Frontverläufe auf. Er schildert den Hass der amerikanischen Absteiger aus. Für sie ist Globalisierung ein Synonym für alles Schlechte. Sie sehnen sich zurück an die Fließbänder einer brummenden Automobilindustrie. In einer über alle nationalen Ufer tretenden Gegenwart erscheinen ihre Ansichten deplatziert. Ihre Marginalisierung ist nicht aufzuhalten, doch noch können sie, indem sie Entscheidungen gegen ihre eigenen Interessen treffen, anderen wehtun. Sie hassen das Establishment und die Einwanderer gleichermaßen.

Dagegen zu sein, ist alles, was ihnen geblieben ist.

Amitava Kumar, „Am Beispiel des Affen“, aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Hanser, 318 Seiten, 23,-

Ihnen begegnet Kumars Held Kailash in der Migrantenrolle als Aufsteiger. Er entspricht dem Feindbild aufs Haar: als post-kolonialer Hippie-Influencer, auf den die Elite-Elevinnen des hart belagerten weißen Mittelstandes fliegen. Begeistert springen sie mit Kailash in den Genpool, ob sie nun Nina oder Jennifer heißen. Sie überrennen die Bollwerke ihrer Herkunft und entfachen in Zurückgebliebenen das Feuer der demografischen Angst.

Kumar schickt Kailash als Abstauber ins Rennen. Der als Student in New York Einwandernde (einwandernd im Sinn von auf dem Weg zur Green Card noch nicht Angekommene) sieht sich mehr als einmal dem nachsichtig-spöttisch vorgetragenen Vorwurf ausgesetzt, erotisch retardierend gewirkt zu haben.   

Keine Éducation sentimentale

Kumar beschreibt keine Éducation sentimentale. Die sozialen Klimmzüge seines indischen Flachland-Hillbillys auf einer (von Zukunftstrash perforierten) Folie bäurisch-verspäteter Ansichten sind überhaupt nicht die Hauptsache. Der Autor illustriert schön anschaulich die soziologische Einsicht:

„Kulturelle Identität ist etwas verstörend Oberflächliches, das Neuankömmlinge leicht annehmen können.“ Ivan Krastev/Stephen Holmes

Kailash betreibt „Identitätsmimikry“ (Krastev/Holmes). Er ist ein „Identitätspionier“ (Krastev/Holmes) in der Konsequenz rascher Auffassungsgabe. Er ahmt alles nach, angefangen bei den Präludien im koedukativen Annäherungstheater. Seine Unzuverlässigkeit rührt auch daher, dass er sich in der Unschärfe bewegt. (Als Unschärfe bezeichnen Schauspieler*innen Einstellungen, in denen das Kameraauge über sie hinweggleitet.) Kailash unterstellt seinen Geliebten Berechnungen, die sie ihm gegenüber für sich behalten und mit Männern verbinden, die eine Wiederholung der Elternkonstellation erlauben.

Kailash hält Nina vor, auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Sie versucht gar nicht, ihre Hände in Unschuld zu waschen. Würde sie ihren Lover heiraten, bekäme Kailash den Kode für unbegrenzten Zugang. Mit ihrer Vermutung, dass er es (vor sich selbst halb verborgen) darauf abgesehen haben könnte, liegt sie zumindest nicht ganz falsch.

Ute Cohen eiert in ihrem neuen Roman „Poor Dogs“, der zwar erst nächsten Monat erscheint, aber im Mainlabor jetzt schon eine Rolle spielt, nicht so rum. Bei ihr heißt es klipp und knapp: „Natürlich wollte die Schlampe (daheim und gebürtig in/aus Puerto Rico) sein Geld und eine Aufenthaltsgenehmigung im gelobten Land Frankreich.“ Natürlich ist die „Schlampe“ eine „Mulattin … deren Arsch unter (Andrés) Händen wogte“. Der exzellente Optimierer nahm sich, was er brauchte, „aber was scherte ihn die absurde Hoffnung einer berechnenden Insulanerin“.

Ganz schön starker Tobak. Kumar formuliert softer*, vor allem jedoch kommen in seinem Text keine herabsetzenden Wörter aus dem Kolonialjargon vor. Er zeichnet das Weichbild eines hermetisch abgeriegelten monoethnischen Amerikas, dass die andere Hälfte seiner angestammten Bevölkerung als störend, wenn nicht feindlich einstuft, wie eine vor- und zurückschiebbare Kulisse hinter den verspielten Alltag seines Helden.

*Ute Cohen: „Lieber Herr Tuschick, soft ist nicht mein Genre und auch nicht der Tenor der Consultants. Rassismus, Sexismus, Moral sind Kategorien, die keinen Platz haben in der Denke Andrés und seiner Compagnons. Pc-Fassade und innerlich rotten to the bones ...“

Epigenetischer Telegrammstil

Nach dem II. Weltkrieg entzog man Rhesusaffen massenhaft ihren Habitaten und versetzte sie nach Maßgabe von Techniknormen zu Laborzwecken in künstliche Welten. „Allein Indien“, weiß Wikipedia, „exportierte in den 1950er Jahren jährlich ca. 200.000 bis 250.000 Makaken“. Für die Experimente in einem Spektrum zwischen Weltraumbesichtigung und Herztransplantation bevorzugte man „männliche Affen mittleren Alters“. Die Selektion bewirkte eine „Störung des ökologischen Gleichgewichts“. Der männlichen Funktionselite beraubt, lösten sich Familienverbände in Prozessen „chaotischer Spaltung“ auf. Von ihren Herkunftsgemeinschaften abgesprengte Primaten entwickelten Neigungen zum Vandalismus. In Indien veränderten die Marodeure das Regelwerk einer tradierten Koexistenz. Amitava Kumars Held Kailash reist mit einer Makaken-Nummer in seiner Migranten-Revue von Arrah in indischen Bundesstaat Bihar nach New York. In Amerika erzählt er den Leuten von jenem Makaken, der als heiliges Geschöpf in das Haus von Kailashs Familie eindrang, wo er einen Revolver erbeutete, mit dem er zuerst eine Cousine des Erzählers bedrohte, bevor er sich selbst erschoss.

Historisch rahmenlos

Vor der Explosion sieht der Makake in die Mündung wie in einen Spiegel.

Die schrecklichen Spannungen, denen die Versuchstiere ausgeliefert werden, liegen für jeden Affen außerhalb des Erwartbaren. Die in unmenschliche Experimente eingespannten Nachkriegsgenerationen machen Erfahrungen, die ihrer DNA im epigenetischen Telegrammstil erst eingeschrieben werden müssen. Es stellen sich die Fragen, ob die zurückgebliebenen Populationen in Parallelmustern vergleichbare Traumatisierungen erleiden und ob sich aus den historisch rahmenlosen Informationen neue Stammesformationen herausschälen. Der Makake sieht zwar noch so aus wie sein Ahne um Neunzehnhundert, tickt aber ganz anders auf der same same but different-Schiene.

Amitava Kumar, „Am Beispiel des Affen“, aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Hanser, 318 Seiten, 23,-

Amitava Kumar nimmt den Fragenfaden viel später und in einem überraschend anderen Kontext wieder auf. Kailash denkt über „die Wiederansiedlung von Wölfen im Yellowstone Park“ nach. Das Ergebnis einer Studie zerstört die Hoffnung jener Wildhüter, die sich von Beutegreifern eine hirschbasierte Verbiss-Abnahme versprachen. Die Parkelche knabbern munter weiter Pappeln kaputt.

Cape Fear für Rotwild

Kailash sieht dann ein Video mit dem Titel Wie Wölfe Flüsse verändern. Darin werden Phänomene geschildert, die den Druck der Prädatoren auf die Hirsche belegen. Die Wölfe erzeugen ein Klima der Angst zum Vorteil der Vegetation. In Angstlandschaften organsiert die räuberische Lebensweise Pflanzenwachstum. Hier hilft Wikipedia mehr als der Roman:

Nach der regionalen Ausrottung der Wölfe in den 1920er Jahre siedelte man zum Ende des Jahrtausends neuerlich Wölfe im YP an: „Entlang der Flussufer wuchsen an manchen Stellen anstelle von Gras Dickichte aus Pappeln auf. Genauere Untersuchungen zeigten, dass es sich um unübersichtliche Stellen handelt. Diese wurden nun offensichtlich von den Wapitis gemieden, die vorher durch ihren Fraß der Sämlinge die Pappeln unterdrückt hatten. Entscheidend war hier offensichtlich gar nicht so sehr die Dichtebegrenzung der Wapitipopulation durch den Fraßdruck des Prädators Wolf (wie nach Lehrbuch zu erwarten), sondern einfach die Furcht der Wapitis vor den Wölfen, also eine Verhaltensänderung. Solche indirekten Effekte sind in zahlreichen Ökosystemen hoch bedeutsam, werden aber häufig durch die Fixierung der Ökosystemforschung auf Produktion und Energieumsatz vernachlässigt.“

Kumar beschreibt so eine soziale Evolution. Die Angst der Hirsche gibt nicht nur den Pflanzen und anderen Lebewesen Raum, sondern auch den Hirschen Anhaltspunkte zum Überleben unter verschärften Bedingungen.

Bald werden die Wölfe das Nachsehen haben. Kumar zeigt seine Meisterschaft in Darstellungen indirekter Wirkungen. Sein lächerlicher Held ist zwar keiner Frau gewachsen, die sich auf ihn einlässt, doch ist er gar nicht so schlecht darin, zu begreifen, wie seine Chancen zustande kommen. Er verwendet eine Zeile von Stuart Hall, um einen poetischen Anker in den Hoheitsgewässern einer Geliebten stärker zu machen. Hall vergleicht Schwarze mit dem Zucker im Tee der Weißen. Also will Kailash Zucker im Tee der Geliebten sein. Die kritisch Verehrte wurde mit allen Attributen einer überlegenen Person eingeführt.  

 „Was wissen denn die Menschen überall auf der Welt schon von den Engländern, außer dass sie ohne eine Tasse Tee den Tag nicht überstehen können?“ Stuart Hall

Tee und Zucker sind in England Importartikel. Nach Hall sind die Schwarzen in Europa, seit die Engländer Tee trinken. Folglich sind sie im neuzeitlichen Maß schon immer da. Aus den Verschlingungen ergeben sich für Kailash mittlerweile mehr Vorteile als Nachteile.

Stuart Hall: „Dass die tiefste kulturelle Revolution durch den Einzug der Marginalisierten in die Repräsentation ausgelöst wurde – in der Kunst, der Malerei, der Literatur, überall in den modernen Künsten, in der Politik und im sozialen Leben im allgemeinen. Unser Leben wurde durch den Kampf der Marginalisierten um Repräsentation verändert.“

Darin steckt die Offenbarung in Kailashs Lebens.

So wie die erholten Pappelbestände an Flussufern im Yellowstone Park Biber auf den Plan rufen, die von den ihre lauschigen Plätze lange ahnungslos malträtierenden Hirschen (nicht von den Wölfen) ferngehalten wurden, so profitiert der Einwanderer von der Durchsetzungsfähigkeit der Segregationsgegner*innen, die für Rassist*innen eine Angstlandschaft geschaffen haben. Kailash ist der Biber, der sich, vom Wolf ignoriert, am Elch vorbeischummelt und mit lyrischen Faschingsgirlanden gut ankommt.

Nichts beweist eine größere Resistenz gegen Erkenntnisse als das Ressentiment. Wir sind darauf angewiesen, schnell zu urteilen, da hilft das Vorurteil. Das erklärt im Verein mit den Machtverhältnissen, warum Menschen nicht aufhören, etwas für biologisch zu halten, was nur einer Konvention entspricht, oder um Stuart Hall zu zitieren, „Rasse ist ein gleitender Signifikant“. Der Kulturwissenschaftler zieht „Rasse“ oft, aber nicht immer aus dem Rahmen der Markierung eines kontaminierten Begriffs. Hall beschreibt das „verhängnisvolle Dreieck“ Rasse, Ethnizität und Nation, sich beziehend und berufend auf W. E. B. Du Bois.

Anlaufstelle mit Sogwirkung

Kailash lebt in einem Wirbelsturm der Übereinstimmung. Unter der Ägide von Professor Ehsaan, dessen Intellektualität klingenscharf ist, liest der Inder in New York Edward Said, Assia Djebar und Anton Shammas. Eine Kommilitonin erklärt, dass „es für eine Frau gar kein Exil gibt. Wenn Frauen ihre Heimat verlieren und woanders leben, folgen ihnen die Sitten des alten Landes dorthin.“ Nach außen feiern sie die Freiheit des Westens. Privat bleiben sie ihren Herkunftsgesetzen unterworfen. Viele tun, was von ihnen erwartet wird, obwohl niemand sie dazu zwingen kann. Die Prägung wirkt wie eine eiserne Klammer. Wer sich von seinen Ankern löst, so das Mantra des Verzichts und so die Studierende Negin, „eine Iranerin, die in Los Angeles aufgewachsen war“, läuft Gefahr, Treibgut zu werden und an einem fremden Strand zu verkommen.

Eine radikale Vergangenheit verschafft dem Pakistani Ehsaan einen besonderen Nimbus unter den Studierenden aus dem Globalen Süden. Sie erkennen in dem Professor einen Freiheitstheoretiker und Fortschrittsmotor auf den Strecken der Dekolonisierung. Ehsaan erinnert daran, dass „Palästinenser, die ihr Heimatland verließen … trotzdem die Schlüssel der Häuser aufbewahrten, die sie zwangsweise hatten aufgeben müssen.“

Kailash begreift, dass die Wahrheit, die in der imperialistischen Logik stets die Wahrheit des Krieges ist, mit technischem Vokabular heruntergeschrieben und erträglich gemacht wird. Man bringt den Novizen bei, bestimmte Wörter an die Stelle bestimmter Empfindungen zu setzen, bis die Wörter wie Schwämme die Empfindungen aufgesogen haben. Amitava Kumar findet für diese mechanische Lösung beeindruckende Beispiele. Gemeinsam mit seinem Lieblingsprofessor stellt sich Kumars Sprachrohr Kailash die Frage: Wer kämpft und stirbt – und wer profitiert?

Er erinnert an den Marineinfanteristen Jeff Patterson, den ersten Kriegsdienstverweigerer im ersten, von Bush zum Vorteil der Ölwirtschaft geführten Golfkrieg.  

„Der Anstieg der Ölpreise verschaffte (den Konzernen) riesige Gewinne.“

Patterson wollte kein Blut für Öl vergießen. Ich erinnere mich an einen Schulfreund, der als Wertpapierhändler bei einer Bank beschäftigt war und sich in den ersten Kriegstagen mit seinem Insiderwissen reich spekulierte. Manfred* wettete auf den steigenden Ölpreis, während Menschen starben, die keinen Zugang zu seinen Zugängen hatten. Niemand fand Manfreds Verhalten verwerflich. Nachts zog er durch die Frankfurter Clubs und schmiss mit Geld um sich. Seine Analysen waren so zutreffend wie zynisch. 

*Name von der Redaktion geändert.

Patterson ist ein Held in den Augen des Erzählers. Der Soldat störte auf Hawaii einen Startbahnbetrieb mit einer Ein-Mann-Sitzblockade. Im amerikanischen Alltag gäbe es, so Patterson „für alles alternative Energie. Nur ein Unternehmen sei von einer so gewaltigen Energiezufuhr abhängig, dass keine Alternative zum Öl funktionieren würde - und das sei der Krieg ... Dieser Krieg solle sicherstellen, dass Amerika weiter Krieg führen könne.“ 

Anlaufstelle mit Sogwirkung

An einem Wintertag von ausgesuchter Unwirtlichkeit vertieft Kailash die Bekanntschaft zu einer Studierenden mit markanten Zügen. Die beiden erfühlen sich im Ollie’s um die Ecke. Sie lassen sich Mock Duck (scharf) in dampfenden Reisbetten servieren, während der Frost um die Häuser zieht.

Nina ist klein, athletisch und von herausforderndem Wesen. Ihre Lippen bilden eine Anlaufstelle mit Sogwirkung. Ungezwungen diskutiert sie über Nagisa Ōshimas Nouvelle Vague-Klassiker Im Reich der Sinne. Kailash antwortet in einem triefenden Haiku. Nina quittiert die Dreistigkeit mit einer minimalen Entblößung.

Man ist sich einig. Das vergrößert die Unsicherheit des Minnesängers in New York. Er kauft sich Ruth K. Westheimers „Romance for Dummies“. Die Expertin „forderte einen auf, beim Sex laut zu sein“.

Leuchtende Heimsuchung

Die gegengeschlechtliche Anziehungskraft beflügelt den Geist. Sie ist eine leuchtende Heimsuchung. Das Studium flutscht. Die richtigen Ansichten für einen Nachkommen von Kolonisierten haften sich wie Staub an den Studierenden. Kailash schätzt sich glücklich, einen Ahnen vorweisen zu können, der Achtzigjährig noch nicht zu alt war, um in Begegnungen mit Agenten der Ostindien-Kompanie effektiv zu agieren. Kunwar Singh ist eine historisch verbürgte Erscheinung im Abwehrkampf gegen das Jahrtausendverbrechen Kolonialismus.

Soziales Immunsystem

Kailash stellt seine Herkunft so hin, als sei er in einer unter Feuer gehaltenen Bratpfanne gezeugt worden. Seinem amerikanischen Date präsentiert er sich als Flachlandinder, der noch nie die Apfelblüte in Kaschmir zu erleben das initiierende Vergnügen hatte.

Erotisch instabil

Aus Obst macht Kailash eine große Sache. Als er von Jennifer zum Apfelpflücken herangezogen wird, gesteht ihr der aus „glühend heißem Flachland“ stammende, zum Studium nach New York gekommene Inder, „nie nördlich von Delhi“ gewesen - und folglich den indischen Apfelgebieten stets fern geblieben zu sein.   

Kailash ignoriert den Vorwandcharakter der Landpartie. Grundsätzlich delegiert er sein Erstaunen an Zurückgebliebene, so wenn er der Großmutter, einer Analphabetin, schreibt, in Amerika besäßen sogar die Müllsammler Lastwagen.

Der Roman spielt in den Neunzigerjahren. Raghu Rai ist der Fotograf des historischen Augenblicks. Der globale Süden drängt in den Fokus. Jennifer betrachtet Kailash als Quelle. Sie verspricht sich von ihm einen Wissensvorsprung.

Soziales Immunsystem

Kailash extrapoliert wie am Fließband. Er verrechnet den im Fitnessbusiness angekommene US-Gandhi-Hype mit dem pietätlosen Marktplatzmarketing in Indien.

„Lang lebe das Mahatma-Markensenföl.“

Amitava Kumar beschreibt Mechanismen der Vereinnahmung – die Fortsetzung der Ausbeutung mit anderen Mitteln. Da sein erotisch instabiler Held aber keine Anstalten macht, den privilegierten Status seiner Klasse aufzugeben, veröden die Marken der politischen Abrechnung zwischen dem kritisch Absolvierten. Dabei geht es um Gewinne und Verluste eines Landwechsels.

Ziemlich schnell übernimmt Kailash eine Reiseführerperspektive. Er verschweigt Jennifer seine Reaktionen auf ihre Impulse. Das Verschwiegene kultiviert er als Intimität. Weder die Herkunftsgesellschaft noch das aufnehmende Amerika generieren eine Erkennungssoftware für die sozialen Mutationen, die Kailashs soziales Immunsystem mit Resistenz versorgen.  

Der Roman spielt in den Neunzigerjahren. Jeff Patterson (links) ist ein Held in den Augen des Erzählers. Der Soldat störte auf Hawaii einen Startbahnbetrieb mit einer Ein-Mann-Sitzblockade. Im amerikanischen Alltag gäbe es, so Patterson „für alles alternative Energie. Nur ein Unternehmen sei von einer so gewaltigen Energiezufuhr abhängig, dass keine Alternative zum Öl funktionieren würde - und das sei der Krieg ... Dieser Krieg solle sicherstellen, dass Amerika weiter Krieg führen könne.“ 

Raghu Rai ist der Fotograf des historischen Augenblicks. Der globale Süden drängt in den Fokus (Mitte).

Highway of Death/Highway to Hell

Einmarsch in den Irak - „Zwei Tage nach Inkrafttreten des Waffenstillstands bombardierten … Flugzeuge von der USS Ranger Tausende von irakischen Kämpfern, die in ihren Fahrzeugen flohen. Die Straße, auf der sie fuhren, bekam den Namen Highway des Todes.“

... the bombing of Baghdad continues and we will go on with music. Grace dedicated Highway to Hell to her husband in Saudi Arabia. AFN-O

Zum ersten Mal hat Kailash Sex. Er erwägt den Beziehungsstatus. Ist er nun „liiert“? In der Retrospektive, die dem Roman den Rahmen gibt, wird daraus eine Fußnote:

„*Orgasmen, die zwanzig Jahre zurückliegen, hinterlassen keine Erinnerung, schreibt Elisabeth Hardwick in Schlaflose Nächte.“

Kailash zweifelt an der Aussage. Doch auch seine Erinnerungen sind viel mehr Streifzüge in der Umgebung der Erregung und deren Stifterin. Jennifers alte Bude „mit dem L-förmigen Grundriss“ über einem Drugstore in einer Nebenstraße von Harlem* spielt sich zu einer Evokation auf und macht Staat, während der Sex selbst, die Körper und ihre vulkanischen Aktivitäten im Futteral einer keuschen Formulierung das verschrumpelte Aussehen eines Extrakts annehmen.

*“Holländische Pioniere bildeten im 16. Jahrhundert die erste europäische Siedlung im heutigen Harlem; 1658 formalisierte man den Namen des neuen Weilers als „Nieuw-Haarlem“ nach der holländischen Stadt Haarlem. Mit afrikanischen Sklaven baute die Dutch West India Company eine Landstraße in die üppigen Wiesen von Harlem, die sich allmählich zur berühmten Boston Post Road entwickelte.“ Wikipedia 

*

Etwas, das sich wiederholt, sind Trink-Séancen.

Wieder und wieder. „Wir (trinken) Wein aus Plastikbechern.“

Sie lesen Edward Saids „Gedanken zum Exil“ in der Manier bourgeoiser Befreiungstheoretiker*innen. Kailash ist in einem Alter, das von den Zahltagen des Lebens noch nichts weiß. Jennifer wird schwanger, doch der Kelch einer Verpflichtung passiert den Novizen. Wie gesagt, Kailash sitzt da, trinkt Wein aus Plastikbechern und hört sich den Schmerztext anderer Leute an.

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