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02.01.2020, Jamal Tuschick

1943 werden der niederländisch-jüdische Arzt Eddy de Wind und seine Frau Friedel nach Auschwitz deportiert. Als Häftling mit der Nummer 150822 erlebt Eddy den Terror der Nationalsozialisten am eigenen Leib: die Appelle in eisiger Kälte, die Zwangsarbeit in sengender Hitze, die Krankheiten, den Hunger, die willkürlichen Erschießungen und die Grausamkeiten, die das Lagerleben prägen. Kurz bevor Russen das Lager im Januar 1945 befreien, wird Friedel aus Auschwitz verschleppt. Eddy versteckt sich und bleibt zurück. Er beginnt zu schreiben.

Aufzeichnungen eines Überlebenden

Auf Niederländisch erschienen die Aufzeichnungen zum ersten Mal 1946. Sie sind auf den Ton bildungsbürgerlicher Sehnsucht gestimmt. Es gibt eine naturlyrische Unterschleife in diesem Bericht aus der Hölle. Die Freiheit in der Ferne lockt. Sie scheint zu atmen. „Zwei Reihen Stacheldraht“ trennen de Wind von einer Autonomie, die er als Vorstellung nie aufgibt. Er überlebt auf einem Luftkissen der Hoffnung. Er überliefert die Monotonie des Grauens unter den Vorzeichen der Ohnmacht.

Eddy de Wind, „Ich blieb in Auschwitz - Aufzeichnungen eines Überlebenden 1943-45“, auf Deutsch von Christiane Burkhardt, Piper, 240 Seiten, 20,-

Schreiben hilft als Ermächtigungsübung. Der Autor sieht sich um – in einem Distanzierungsverfahren, das wie eine Annäherung daherkommt. Seine Frau unterliegt im „Versuchsblock“ der Willkür von „Sadisten, die sich Professoren nennen“.

*

Dem Panorama einer unsäglichen Gegenwart folgt eine Rückblende auf das Jahr 1943. Noch haben die Westalliierten „keinen Fuß aufs Festland gesetzt“. In Amsterdam treiben Schergen der deutschen Besatzungsmacht die Deportationen von Juden voran. Die erste Internierungsstation, das Durchgangslager Westerbork, spiegelt ansatzweise zivile Verhältnisse vor. 

Das ist Kalkül. Die Eingesperrten sollen nicht von allzu bangen Erwartungen demobilisiert werden. Fast täglich erscheint ein Bürgermeister im Lager und traut Paare, die von einer gedeihlichen Zukunft ausgehen.  

De Wind gibt dem Geschehen einen romanhaften Anstrich. Er distanziert sich in der Rolle des allwissenden Erzählers. Als Arzt & Autor gehört er zu den Honoratioren. Sein Name steht auf einer Mitarbeiterliste, die wegen privilegierter Nachrücker ständiger aktualisiert werden muss. So namhaft ist der Erzähler vorerst ausgenommen von den wöchentlichen Transporten nach Auschwitz.  

Eines schaurigen Tages verlieren Friedel und Hans van Dam ihre Vorrechte. Ihre Namen werden aus der Kolonne jener Namen gestrichen, die eine trügerische Sicherheit beschirmt.

In Auschwitz verlieren sie erst ihr Gepäck und dann den Zusammenhalt. Friedel und Hans werden auseinandergerissen. Hans findet sofort Verwendung im Tross des Stabsarztes.

De Wind beschreibt die Tortur des Lageralltags, in dem die Funktion der Hoffnung pervertiert wird.

Der Mensch wurde zu dem, was er ist, lange bevor er dazu in Lage war, Höllenmaschinen wie Auschwitz zu bauen. Er hinkt seinem Vernichtungsverstand hinterher. Kein anderer Primat verfällt darauf, der Grausamkeit solche Räume zu errichten. Deshalb stockt die Rede. Hans versucht Friedel vor dem Schlimmsten zu bewahren, er behilft sich mit lauter Hörensagen. Wo er steht und geht, dechiffriert er Andeutungen.

Hans versucht den Kode des Bösen zu knacken.  

Zug muss geschlossen von Auschwitz nach Westerbork zurück - Durchgangslager Westerbork

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