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06.01.2020, Jamal Tuschick

Beobachtungen im Uwe-Johnson-County

Alter weißer Mann

Eingebetteter Medieninhalt

„Er war zur Niederlage bestimmt.“

Mit diesem Fazit beginnt eine Geschichte von Graham Greene. Ich finde sie in einem 1979 bei „Volk und Welt“ in Lizenz von Zsolnay erschienenen, plastikblumenpinken Band auf dem Krabbeltisch der Pfarrkirche St. Marien zu Güstrow: einem Paradebeispiel norddeutscher Backsteingotik. Nebenan im Dom hängt Ernst Barlachs „Schwebende“. Beide Kirchen haben ihren Ursprung im katholischen Gottesdienst, wurden im 16. Jahrhundert reformiert und wirken doch immer noch zu prunkvoll für das evangelische Schlichtheitsgebot. Ein Gespräch mit Güstrower Gemeindemitgliedern kommt nicht in Gang. Die Dominanz ihrer Konfession verstellt den Blick auf das katholische Erbe. Ich unterhalte mich mit einer Frau, der ein schönes Deutsch zu Verfügung steht. Sie könnte mit Uwe Johnson zusammen zur Schule gegangen sein. Johnson kam im Tross seiner Familie 1946 in die Gegend von Güstrow. 1952 machte er an der Güstrower Domschule Abitur. Ihn belastete ein Vater, dem von den sowjetischen Siegern so viel zu Last gelegt worden war, dass er die Last nicht lange überlebte. Er starb 1947 in der Sowjetunion.

Der fünf Jahre ältere Heiner Müller erlebte als „sächsischer Ausländer“ in Waren an der Müritz nur fünfzig Kilometer weit weg von dem künftigen Kollegen die Härte des Fremdseins. Das wollte ich alles nicht erzählen, mir geht es heute Morgen um Graham Greene, dessen Erzähler (von „Die unsichtbaren Japaner“) ein junges Paar belauscht, das sich die Ehe versprochen hat.

Der Beobachter ist auf eine anmaßende Weise parteiisch. Sein Urteil steht rasch felsenfest. Er präsentiert sich als Mann von sechzig Jahren. Seine Ansichten sind unverhohlen eurozentrisch. Da sitzt der alte weiße Mann wie er im Buch steht und registriert, was die anderen trinken und so vor sich hin erzählen. Er erscheint vollkommen unangefochten. Niemand schenkt ihm besondere Aufmerksamkeit. So wie dieser Namenlose im Ornat absolutistischer Deutungshoheit treten auch seine Kollegen im Amt des Erzählers auf. Stets bedauern sie junge Leute, denen der Überblick fehlt. Der Nachwuchs ist auf eine „belanglose Weise hübsch“, in „einer hübschen Art unbedeutend“.

Von links: Die Nachbarn Uwe Johnson und Heiner Müller. Vermutlich lasen beide gern Romane von Graham Greene. Der Romancier dümpelte nicht so in einer vom Mangel regierten Enge wie die Debütanten. Müller sah in Waren a.d.M. sein erstes Theaterstück - WIlhelm Tell - und war enttäuscht, weil man darauf verzichtet hatte, die Inszenierung mit einem echten Pferd auf der Bühne zu einer großen Sache zu machen.

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