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07.01.2020, Jamal Tuschick

Die Weigerung der Afroamerikanerin Rosa Parks, ihren Platz im Bus einem Weißen zu überlassen führte erst zu ihrer Festnahme und dann zu einem Boykott der Busse. Der schwarze „Busboykott von Montgomery“ startete 1955 das Civil Rights Movement. Ein Motor dieser Bewegung war die „Southern Christian Leadership Conference“ (SCLC). Deren charismatischer Führer, ein Baptistenprediger aus Atlanta namens Martin Luther King, wurde 1964 Friedensnobelpreisträger. Seine aktivistischen Gegenspieler fanden den promovierten Dreamer zu soft und suchten ihr Heil in der Radikalisierung. Inzwischen weiß man, dass King effektiver war als seine Antagonisten. Er erschien der Welt nachgiebig, war aber von diamantener Härte.

Steel in Black Satin

Sie bewiesen Zivilcourage und setzten auf Gewaltlosigkeit - Martin Luther King und Rosa Parks

„Stationen auf dem Wege“ schildert Anneliese Vahl in ihrer 1970 in der Evangelischen Verlagsanstalt erschienenen und „nur zum Vertrieb in der Deutschen Demokratischen Republik“ bestimmten Martin Luther King Biografie.  

In den Tagen vor seiner Ermordung im April 1968 versah King seine Todesahnungen mit den Ventilen dunkler Andeutungen. Er war dem weißen Establishment so gefährlich geworden wie vor ihm noch kein Schwarzer Repräsentant. King verkörperte eine Revolution, die sich im wachsenden Schwarzen Selbstbewusstsein offenbarte. Alle Versuche, das Rad zurückzudrehen, und der Segregation eine neue Widerstandskraft einzuimpfen, scheiterten seit Jahren wie am Fließband. Die Fürsten Amerikas steckten in einer Klemme. Auf der einen Seite drückte der Vietnamkrieg und auf der anderen das Schwarze Empowerment. Die Kräfte der Restauration, die in den Fünfzigerjahren triumphiert hatten, erlahmten.

Das wurde auch in der DDR gesehen und selbstverständlich als Schwächung eines Riesen begrüßt. In diesem Geist entstand Vahls Biografie des „N…führers“ gewiss nicht mit der Aussicht, als Nischenprodukt zu verkümmern.

In der DDR gab es eine Gospel-Politik. Man betrachtete die amerikanischen Schwarzen als natürliche Verbündete mit dem Vorzug, dass sie weit weg waren. Die Internationale der Werktätigen kannte jede Menge Vorurteile. Auch die sozialistischen Bruderstaaten begegneten sich auf dem soliden Sockel des Ressentiments.

Mit King aber konnte man nichts verkehrt machen. Der Mann war tot, als Vahl dessen Laufbahn vermaß. Die Sprengkraft der Worte eines Predigers entfaltete ihre Wirkung auf einem anderen Kontinent.   

March on Washington 1963 - Die größte Kundgebung, die Amerika je sah, war eine Schwarze Performance.

Seht her, auf der Kanzel steht ein Natural Born Boxer

Eingebetteter Medieninhalt

Er zerbricht sich nicht den Kopf wegen all der Sachen, die ihm zustoßen können. Seine Entourage ist allemal besorgter um den King als der King um sich. Was auch immer die „kranken weißen Brüder“ ihm antun können, es betrifft ihn kaum noch. Zwei Gründe verantworten die Nonchalance des Charismatikers mit der Wirkung eines Apostels und der Aura eines Natural Born Boxers.

Erstens gab es der Drohungen zu viele. Zweitens wog die Sendung zu schwer für jeden irdischen Zwist.

I’m not your N…

An dieser Stelle empfehle ich wieder James Baldwins „Nach der Flut das Feuer“. Der 1963 erstmals erschienene Essayband atmet Widerstand und Spiritualität.  

James Baldwin: „Nach der Flut das Feuer“ Essays, aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow, Dtv, 124 Seiten, 18,-

Wer behauptet, Baldwin habe einen versöhnlichen Ton angeschlagen, weiß nicht, wovon er spricht. Baldwin war so unversöhnlich wie Martin Luther King, aber auf eine anders smarte Tour.   

„Die Erfahrung des Schwarzen mit der weißen Welt kann in ihm keinen Respekt für die Normen wecken, nach denen die weiße Welt zu leben vorgibt.“

Meiner Brüder Hüter/ Shereos Schwarzer Selbstermächtigung

James Baldwin traf in der Hochzeit der Bürgerrechtsbewegung, die von einem institutionalisierten und gleichzeitig tief empfundenen, aus einer Riesenangst geborenen Rassismus gekontert wurde, mit „Nach der Flut das Feuer“ mehr als einen Nerv. In Baldwins Mensch in der Revolte, um einen Titel von Camus anzubringen, begegnen sich die Positionen von Malcolm X und Martin Luther King wie in einem Kampf schierer Schönheit, den Muhammad Ali in der Verfassung des Goldmedaillengewinners von Rom mit sich selbst bestreitet.

Nie sahen sie besser aus als in den frühen Sechzigern: die Shereos Schwarzer Selbstermächtigung. 

Herz, Hand & Stimme - Muhammad Ali und Martin Luther King standen im Emanzipationsring auf einer Seite. Jeder für sich setzte seine Vorstellungen durch und gab ihnen die Gestalt universeller Botschaften.

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