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08.01.2020, Jamal Tuschick

#metoo - Aus dem Gespräch zwischen Ute Cohen und mir: Das freut mich ungemein, lieber Herr Tuschick, dass Sie die Nuancen wahrnehmen. Es betrübt mich, dass es vielen Feministinnen nicht gelingt, die Identifikationsmöglichkeiten für Betroffene in dem Buch (die Rede ist von "Satans Spielfeld") zu erkennen. Warum sehen oftmals selbsternannte Opferhüterinnen eine Verräterin in mir? --- Ich entgegne: Der Vorwurf verfehlt das Buch. Sie beschreiben, wie emotionale Abhängigkeit aufgebaut und ein Herrschaftsverhältnis etabliert wird. Den Satz übernehme ich gleich in der Fortsetzung meiner Besprechung. In mir arbeitet etwas, dass ich vorläufig die „Farben der Gewalt“ nenne. Schon bei der Goldkettenszene wollte ich schreiben: Er legt sie an eine Goldkette. Dann habe ich mich das nicht getraut. Sie selbst sprechen von einer „unsichtbaren Leine“. Auf der Fahrt nach Wismar dachte ich, der Missbrauch erfüllt sich überhaupt erst in der Sublimation. Wenn man ihn in seinen Sex integriert hat. Der Seelenschänder bleibt an Bord. Der Mensch, mit dem man wenigstens zu tun haben will, garantiert sich eine Präsenz, indem er dafür sorgt, dass alles auf ihn hinweist. In diesem Satz stimmt die Zeit nicht. Aber ich finde, dass die Perpetuierung einer vergangenen Gegenwart im Jetzt den Nagel auf den Kopf trifft. - Das Prinzip der Vernichtung: Man macht jemanden für sich geräumig, indem man ihn gegen sich einnimmt. Der Schänder sorgt dafür, dass man gegen sich selbst vorgeht (wütet) und ihm sogar nachsieht, was man sich selbst nicht nachsehen kann. Deshalb sind Racheakte theatralisch. Man kann sich nicht rächen. Jede Reaktion legt eine

Schweißspur des Ungenügens

Marie sucht Orientierung sogar in der „Bravo“. Niemand kann ihr helfen. Auch ihr Vater existiert in Abhängigkeit von dem Seelenschänder, der sich die Zwölfjährige krallt. Für Fred Bauleitner ist Marie ein „Pflänzchen“, das, so will es die im Roman zitierte bayrische Wirtshauszote, „gegossen“ werden muss. Sonst „vertrocknet das Pflänzchen.“ Rechts die Marienkirche im Zentrum zwischen Wismarer Marktplatz und Fürstenhof. Ihr von Bomben zerschlagenes Schiff wurde 1960 gesprengt. Das Politbüro schenkte sich die Wiederherstellung aus Rache an der bürgerlichen Angelegenheit Religion. Während ich mir die Sache ansah, dachte ich über Ute Cohens Erzählgenauigkeit nach. Sie geht so weit hinaus über das Allerlei der verkürzten Auffassung von dem, was Missbrauch jenseits offener Gewalt eigentlich ist. Cohens Analyseroman „Satans Spielfeld“ muss unbedingt als erstrangiger Betrachtungsgegenstand begriffen werden.

Maries Selbsttäuschung

Marie Steger ist eine Zwölfjährige in höchster Not. Längst stehen sich ihre Eltern feindlich gegenüber. Dem Vater gelingt nichts. Er hat schon so viel angefangen und nichts zu einem Erfolg geführt. Trotzdem fühlt er sich erhaben und den rustikalen Leistungsträgern in der Gegend seines Desasters überlegen. Er leistet sich einen Dünkel; Maries Mutter geht putzen. Sie versucht zusammenzuhalten, was wie von Magneten auseinandergezogen wird. Auch an Marie zerren die Kräfte des Niedergangs. Die Schwäche der Eltern macht sie zur Beute des barock auftrumpfenden Kleinstadtbaulöwen Fred Bauleitner. Er ruiniert Marie ohne Skrupel. Sie fühlt sich „eingepflanzt in seiner Hand“. Sie erklärt sich ihre Vernichtung als Folge ihrer eigenen Entscheidungen.

Ute Cohen, „Satans Spielfeld“, Roman, Septime, 216 Seiten, 21.90 Euro

Das ist entsetzlich. Cohen gelingt es, dass Grauen jedermann frei Haus zu liefern. Lesen Sie „Satans Spielfeld“. Dann wissen auch Sie, dass ich nicht übertreibe.  

Eine Goldkette für Marie

Bauleitner geht strategisch vor. Er spinnt die zwölfjährige Marie ein. Die zurückgebliebene Freundin der in ein Internat am Starnberger See ausgerissenen Schwestern Sabine und Nicole beteiligt sich (in der von Ute Cohen in ihrem ersten Roman „Satans Spielfeld“ genial beschriebenen Wahrheit von) halbtot und lebhaft an der Inszenierung eines alten weißen Mannes. Bauleitners Idol ist der englische Fotograf und Regisseur David Hamilton, dessen weichgezeichneten Mädchen-unter-wehendem-Chiffon-am-Strand-Szenen in den 1970er Jahren zur legalen erotischen Nahrung gehören. Heute erscheint Hamiltons Tunika-Theater peinlich und verboten. So deutlich als sei sie nackt, steht die Überschreitung im Raum. Bauleitner staffiert Marie aus. Er legt ihr eine Goldkette an. Er instrumentalisiert sie und ihren Doppelwunsch nach Schutz & Anerkennung.

Das Mädchen in der Waschküche

„Du bist fett geworden.“

Nein, Inge findet keine Gnade mehr in den Augen ihres Gatten - des Kleinstadt-Tycoons Fred Bauleitner. Die Verzweifelte konkurriert mit ihren Töchtern und deren besten Freundin Marie um Fragilitätsvorsprünge. Herausgemeißelte Schlüsselbeine, zurecht gehungerte Taille … Inge kauft sich Mädchenkleider. Wir sind in den obszönen Siebzigerjahren, Rolf Dieter Brinkmanns sexistischer Roman „Keiner weiß mehr“ ist ein Bestsellererfolg.

Die Feinschmecker warten auf eine würdige Neuübersetzung von Vladimir Nabokovs „Lolita“. Steht ein Genie auf Zwölfjährige, dann gehört das zur Genialität. Siehe Roman Polanski. Alle sehen den neusten Woody Allen und identifizieren sich mit Allens Großstadtneurotikern. Den Vogel ab schießt David Hamilton. Das Markenzeichen des perversen Briten ist die Pädophilie im Weichzeichner. Auch darauf steigen viele ein. Hamilton formuliert ein Ideal. Seine Ikonografie der pubertierenden Elfe liefert Ute Cohens Roman „Satans Spielfeld“ die Folie. Der Minimogul will seine eigene Bilitis. Wikipedia sagt „Bilitis ist ein Film … (von Hamilton) nach Gedichten von Pierre Louÿs.“ Bauleitner vergleicht Marie mit der Titelheldin. Er fotografiert das Mädchen in der Waschküche. Er animiert sie mit einschlägigen Fotos. „Siehst du, Mädchen lassen sich gerne fotografieren. Das ist Kunst. Du darfst es aber nicht erzählen.“

Das Grauenhafte vollzieht sich im unwahren „Einverständnis“ des Opfers. Marie kommt den Erwartungen des Täters entgegen. Sie wähnt sich auf einem Hochseil der Freiwilligkeit. 

Ute Cohen über Gewalt:

„Gewalt – ein Faszinosum! Vergessen wir nicht, dass sich hinter roher, körperlicher Gewalt, subtiler psychischer Gewalt und rücksichtsloser Zwangsausübung auch etwas Mächtiges, Großes und Eindrucksvolles verbirgt. Gewalt kommt zwittrig daher, stößt ab oder zieht unweigerlich in den Bann. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin als Kind vergewaltigt worden. Mein Roman „Satans Spielfeld“ lotet diese schillernden Seiten der Gewalt aus, die Vereinnahmung und Bannung jenseits von Täter- und Opferrollen. Gewalt ist deutbar. Gewalt zu deuten und umzudeuten kann das Überleben garantieren. Als Betroffene, als Gebannte schärft man den Blick, feilt an einem Prisma, das Gewalt in ihrer Ästhetik erkennt. Das Unerträgliche abzuspalten, gelingt nur durch die Erschaffung von Bildern und Parallelwelten, die eine ganz eigene Schönheit entfalten. Schmerz, Wunden, Narben werden verfremdet und in ihrer brüchigen, fragilen und doch titanenen Beschaffenheit erkannt. Das reale Geschehen verblasst dagegen. Nach dem GewaltAKT wird man handlungsfähig, gestärkt durch diese zweite Welt der Ästhetik und Poesie. Denn was ­­– um Himmels willen! – schenkt uns sonst die Kraft, zu überleben, wenn nicht Schönheit, Kunst und Poesie? Dazu mehr, eines Tages, ein Essay vielleicht zur „Poesie der Gewalt“.

Der durch Gewalt geformte Körper verleibt sich diese Zwittrigkeit ein: Er wird geschwächt und abgehärtet zugleich. Der Auslöschung nah, begegnet er der Welt mit Furchtlosigkeit. Was kann ihm noch passieren, was nicht schon geschehen ist?

Wie alles anfing - Rummel und Rauch

Eingebetteter Medieninhalt

Er kommt mit Waffeln und dem Versprechen grenzenloser Wunscherfüllung, während sie sich vom Echo des Freizeichens zerstreuen lässt. Ihr Zustand ist die Unschärfe in der Schwebe.

Ihre Empfindungen sind so unausgewogen, dass sie an allen Enden Polster brauchen. Fast alle Behauptungen fühlen sich falsch an.

Er schmeichelt sich ein und erscheint gleichzeitig als tonangebende Instanz. Sie bewirbt sich um seine Aufmerksamkeit. Auch wenn sie noch ein Kind ist, hat sie ihn bereits als Aufschneider durchschaut.

Seine Intuition ist eine Angel. Er angelt kleine Mädchen.   

Eine Zwölfjährige registriert die verbotenen Valeurs. Sie erkennt die skrupellose Überschreitungsbereitschaft des fremden Vaters gegenüber einer Freundin seiner Töchter. Sie wird zur Verlassenen, als die Blutsschwestern abschwirren in ein Internat am Starnberger See.

Ute Cohen in einem Interview: „Manche sagen: Dein Körper macht, was er will, und die psychosomatischen Wechselwirkungen darf man nicht unterschätzen. Ja, das muss man wahrnehmen! Aber man darf eben auch seine Analysefähigkeiten nicht unterschätzen und die Macht, die man damit über sich erlangt. Auch das ist ein Wechselspiel. Es erfolgt nicht alles über das Unbewusste und die Körperlichkeit.“

Zurück auf Los

Marie ist die Neue. Eine in Gnaden aufgenommene Asylantin. Fordernd und mutwillig beanspruchen Sabine und Nicole Bauleitner die Gebietshoheit. Ihr anmaßendes Wesen wiederholt in einer panzerbrechenden Verdopplung den Herrschaftswillen ihres Vaters. Einmal lässt der Mann einen Zwanzigmarkschein auf dem Rummel in Rauch aufgehen, um allen zu zeigen, wie frei er sich fühlt.

Jetzt ist er fast am Ziel. Marie sieht zu dem erfolgreichen Vater auf. Ihre eigene Familie sitzt auf einem absteigenden Ast und hat sich schon prima verschlechtert. Aus dem Altbau in die bayrische Platte. Marie ignoriert so gut sie kann die Misere des sozialkatholischen Wohnungsbaus.

Sie empfindet die Deklassierung als ungerechte Strafe. Was kann sie für die Unfähigkeit ihres Vaters? Im Gegensatz zu ihm funktioniert Sabine und Nicoles Vater. Er übererfüllt sämtliche Erwartungen. Bauleitner schreibt Drehbücher der Faszination für die ihm Anvertrauten. Nur seine Frau lässt er links liegen.

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