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09.01.2020, Jamal Tuschick

Viele fühlten sich aufgerufen, aber nur wenige waren auserwählt. Am 13. September 1964 machten auserwählte Ostberliner (linientreue Protestanten) große Augen. Auf der Kanzel der 1713 geweihten Sophienkirche stand leibhaftig ein „N…führer“, um ein Lieblingswort der MLK-Biografin Anneliese Vahl anzubringen. Der afroamerikanische Volkstribun Martin Luther King „berichtete über das Wesen und die Motive der gewaltlosen Direktaktionen im Kampf der (Schwarzen) um ihre Gleichberechtigung“.

Der King auf der Kanzel

Anneliese Kaminski, die als Autorin auf ihren Mädchennamen Vahl zurückgriff, war seit 1961 Redakteurin bei „Zeichen der Zeit“. --- Unter der Lizenznummer 54 der Sowjetischen Militäradministration wurde 1946 die Evangelische Verlagsanstalt GmbH mit Sitz in Berlin gegründet.1953 ergab sich die Gründung einer Leipziger Dependance. In der Johannes R. Becher-Ära wurde Friedrich Bartsch Anstaltschef. In der EV erschien schließlich auch Kaminski-Vahls Martin Luther King-Biografie „Stationen auf dem Wege“.

„Nicht alle … haben sich zur gewaltlosen Aktion entschieden.“

Noch ist nichts entschieden. 1964 „verwerfen viele …führer das langsame Vorgehen Kings und seiner Anhänger“. Zumal die Aktivist*innen des Black Muslim Movement argumentieren action-orientiert. Sie suchen den offenen Kampf mit einem aus der Lava gewaltiger Eruptionen modellierten Staat. Sie ignorieren den Sieg des Mahatma Gandhi auf der Gewaltverzichtschiene.

Gewaltverzicht ist kein Pazifismus. Kings Predigerduktus erzeugt einen Sound, manche sagen Salbader, der Akteure der White Supremacy bis zu ihrer Hornhaut an den Füßen verstimmt.

King kalkuliert die Machtverhältnisse. Die Schwarzen Feuerreiter auf seiner Stufe der Leiter betrachtet er als die potentesten Gefährder der Schwarzen Emanzipation.

King kennt die Macht von „Ebony“ – Mode ist Munition – Schönheit die wahre Gewalt.

Oben rechts: William Du Bois* studierte in Berlin und war in der DDR als Mastermind in der ...frage präsent. 

*Im Februar 1919 initiierten der Soziologe W.E.B. Du Bois und die feministische Lehrerin Ida Gibbs-Hunt den ersten Pan-Afrikanischen Kongress in Paris mit 57 Delegierten aus 15 Ländern.

Unten: Zwei Aufnahmen einer Demonstration Schwarzer Stärke. Szenen des sog. March on Washington 1963

An einem Sonntag im September

Er ist kein ganz so bescheidener Apostel. Der große Bahnhof entspricht dem kleinen Dienstweg. Was heißt schon Jetset, wenn man eine Mission hat und im Namen des Herrn reist. Nobelpreisträger Martin Luther King passiert Checkpoint Charlie an einem Sonntag im September 1964. Kurz zuvor fielen Schüsse am Todesstreifen. Ein junger Mann auf dem Weg in den Westen musste als Schwerverletzter von Westberlinern geborgen werden. Das gehört zum innerdeutschen Alltag. Die DDR hat Legitimationsprobleme, macht aber mit rauchenden Colts einen auf dicke Hose. Heiner Müller spricht von den Geburtsschmerzen einer werdenden Nation im Geist des Sozialismus. Er begrüßt den antifaschistischen Schutzwall vermutlich auch nicht jeden Morgen mit der gebotenen Begeisterung. It’s all over now taucht in den deutschen Singlecharts auf. Mit dem Liedchen machen sich The Rolling Stones in der Bundesrepublik zum ersten Mal auf einem ersten Platz bemerkbar. 

Der Mann des Jahres reist ohne Pass ein

King fährt in einer amerikanischen Limousine vor. Er ist der Mann des Jahres, allerdings ohne Ausweis. Den hat das US-Department of State kassiert. In der Hochzeit des Kalten Krieges grenzt die subversive Popularität des Grandmasters of Black Empowerment an Hochverrat.   

*

1964 ist das Jahr des Civil Rights Act. Die gesetzliche Aufhebung der Rassentrennung ist noch nicht lange in trockenen Tüchern. Entscheidend ist aber, dass man offen dagegen, das heißt für Segregation votieren kann, ohne stigmatisiert zu werden. Das entspricht der gesellschaftlichen Temperatur. Im Tonfall des DDR-Protestantismus klingt das so:

MLK „rief die … auf, den begonnenen Weg der Freiheit weiterzugehen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu sehen.“

Auch schön:

„Am 1. Dezember 1955 stieg eine gutaussehende … die Näherin Mrs. Rosa Parks … in den Cleveland-Avenue-Bus.“

Shake Hands mit einer künftigen Kanzlerin

Ungefähr dreitausend Gläubige werden vor der Kirche in der Spandauer Vorstadt abgedrängt. Alle wollen den Bürgermeister des farbenblinden Rechts sehen, viele sehnen sich nach einer Berührung. Das meldet das „Evangelische Sonntagsblatt“ unter Berufung auf Zeug*innen. Chef der deutschen Begrüßungsdelegation ist Generalsuperintendent Gerhard Schmitt. In Abstimmung mit der Regierung hat er 1500 Leute zum Erlebnisgottesdienst zugelassen. Unter den Erwartungsvollen tummelt sich auch die zwölfjährige Angela Merkel. Sie darf dem „N…führer“ (DDR-Jargon) nach der Predigt sogar die Hand reichen. 

Anneliese Vahl schreibt in ihrer nur für den DDR-Gebrauch publizierten MLK-Biografie: King „sprach in zwei ökumenischen Gottesdiensten in der Marien- und in der Sophienkirche … zu (insgesamt) dreitausend Gliedern der evangelischen Gemeinden und Freikirchen.“

Steel in Black Satin

Die Weigerung der Afroamerikanerin Rosa Parks, ihren Platz im Bus einem Weißen zu überlassen führte erst zu ihrer Festnahme und dann zu einem Boykott der Busse. Der schwarze „Busboykott von Montgomery“ startete 1955 das Civil Rights Movement. Ein Motor dieser Bewegung war die „Southern Christian Leadership Conference“ (SCLC). Deren charismatischer Führer, ein Baptistenprediger aus Atlanta namens Martin Luther King, wurde 1964 Friedensnobelpreisträger. Seine aktivistischen Gegenspieler fanden den promovierten Dreamer zu soft und suchten ihr Heil in der Radikalisierung. Inzwischen weiß man, dass King effektiver war als seine Antagonisten. Er erschien der Welt nachgiebig, war aber von diamantener Härte.

„Stationen auf dem Wege“ schildert Anneliese Vahl in ihrer 1970 in der Evangelischen Verlagsanstalt erschienenen und „nur zum Vertrieb in der Deutschen Demokratischen Republik“ bestimmten Martin Luther King Biografie.  

In den Tagen vor seiner Ermordung im April 1968 versah King seine Todesahnungen mit den Ventilen dunkler Andeutungen. Er war dem weißen Establishment so gefährlich geworden wie vor ihm noch kein Schwarzer Repräsentant. King verkörperte eine Revolution, die sich im wachsenden Schwarzen Selbstbewusstsein offenbarte. Alle Versuche, das Rad zurückzudrehen, und der Segregation eine neue Widerstandskraft einzuimpfen, scheiterten seit Jahren wie am Fließband. Die Fürsten Amerikas steckten in einer Klemme. Auf der einen Seite drückte der Vietnamkrieg und auf der anderen das Schwarze Empowerment. Die Kräfte der Restauration, die in den Fünfzigerjahren triumphiert hatten, erlahmten.

Das wurde auch in der DDR gesehen und selbstverständlich als Schwächung eines Riesen begrüßt. In diesem Geist entstand Vahls Biografie des „N…führers“ gewiss nicht mit der Aussicht, als Nischenprodukt zu verkümmern.

In der DDR gab es eine Gospel-Politik. Man betrachtete die amerikanischen Schwarzen als natürliche Verbündete mit dem Vorzug, dass sie weit weg waren. Die Internationale der Werktätigen kannte jede Menge Vorurteile. Auch die sozialistischen Bruderstaaten begegneten sich auf dem soliden Sockel des Ressentiments.

Mit King aber konnte man nichts verkehrt machen. Der Mann war tot, als Vahl dessen Laufbahn vermaß. Die Sprengkraft der Worte eines Predigers entfaltete ihre Wirkung auf einem anderen Kontinent.   

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