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12.01.2020, Jamal Tuschick

#EliltaMesmer #MeToo #blackfeminism #intersectionality #feminismus #berlinboomerbeat #socialjusticewarrior #WomenEmpowerment

Meine Eltern waren schicke Leute - autonom und urban, bis mein Vater ermordet wurde - und meine Mutter sich nach einem Verrat zur Flucht gezwungen sah – mit ihren kleinen, vor Angst und Ratlosigkeit dreieckigen Töchtern. Ihren Schmerz hätte nur der offene Kampf gegen die Usurpatoren eindämmen können. Zu gern hätte sich meine Mutter dem bewaffneten Widerstandskampf der EPLF angeschlossen. Aber da waren ja wir, Segen und ich, schutzbedürftig und bis in die letzten Winkel unserer Innenwelten verwirrt. Heute lasse ich meine Mutter selbst zu Wort kommen.

Endgültiger Abschied - Lula Gherezghiher erzählt

Mutter und Tochter - Lula Gherezghiher, Elilta Mesmer

Elilta Mesmer erzählt ihr Leben. „Steingebet“ heißt der erste Roman der eritreischen Schriftstellerin, der im Mainlabor in Fortsetzungen vorab erscheint. Das Debüt handelt von Flucht und Vertreibung. Es erzählt von Unrecht und Widerstand. Eliltas Mutter spielt eine tragende Rolle im eritreischen Freiheitskampf. Sie ist die Witwe eines Ermordeten. Eliltas Vater stand für die Unabhängigkeit seines Landes ein und zahlte den höchsten Preis.

Endgültiger Abschied - Lula Gherezghiher in ihren eigenen Worten

Es ist alles zu viel. Mein Leben liegt in Scherben. Ich bin nur noch ein Splitter meiner Selbst. Nach der Ermordung meines Mannes warf ich mit Steinen nach Gott im Himmel. Das war mein Gebet in diesen Tagen. Ich hatte noch die Kraft zu hadern. Eine große Wut erdrückte die Verzweiflung und die Angst darunter. Ich dachte so für mich, jetzt gibt es dich nicht mehr. Na und. Bist du halt ein Geist und lebst ein Geisterleben wider den Feind und zum Trotz. Jetzt kannst du arbeiten, bis du umfällst. Deine Sorge gilt allein den Kindern. Sie kriegen hundert Prozent, denn um dich musst du dich nicht mehr sorgen.

Ich wiederhole mich, sagen Sie. Ich sage, ich rhapsodiere zu Ehren Gottes und der Freiheit Eritreas. Ich falle auf die Knie, aber so wie man mit einer Kalaschnikow im Anschlag ein Knie in die Erde rammt, um sich Kniefestigkeit zu verschaffen.

Matthäus 6, 26: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“

Ihr habt den Krieg in mein Land getragen und alles mit Füßen getreten, was uns heilig ist. Wir ducken uns vor eurer Widerwärtigkeit nicht mehr lange.

*

Ich sehe die Angst in ihren Augen. Zwei Tage hielten wir uns in den Bergen versteckt, meine Mutter, die Kinder, das Dorf. Unsere Kämpfer*innen gewannen und verloren den Boden ihrer Heimat. Mal trieben sie die Besatzer, mal wurden sie getrieben. Der Gefechtslärm informierte uns und nahm uns die Hoffnung. Vier Brüder habe ich an diesen Krieg verloren, ein Bruder lebt noch als Kombattant im Busch; ein Verfolgter auf der Erde seiner Herkunft.

Ich sehe die Angst in den Augen meiner Mutter, wie gesagt. Es ist wieder einmal alles zu viel. Meine Mutter bittet mich das Dorf zu verlassen. Bildung hat mich zu einer Fremden gemacht, die Stadt hat mich so gehen gelehrt wie hier keine geht. Der Studierten nimmt keiner die Bäuerin ab, die ich sein müsste, um zwar herumgestoßen, aber am Leben gelassen zu werden.

Meine Mutter gibt mir meine Sonderbarkeit zu bedenken. Nichts und niemand kann mich im Dorf schützen. Sie sagt das, was alle sagen:

Du bist so anders.   

Früher war ich eben anders Ich. Heute bin ich ein Geist mit zwei kleinen Kindern, die vor Angst schmelzen. Sie sind so entzückend und meiner Fürsorge bedürftig. Ich bedanke mich bei ihnen in Gedanken. Da sie mich brauchen, weiß ich, was zu tun ist.  

Noch einmal das Risiko

Noch einmal nehme ich das Risiko auf mich, als Führerin einer konspirativen Zelle erkannt und vor meinem Tod gefoltert zu werden. So unaufdringlich wie es mir nur möglich ist, stelle ich mich in meiner Schule ein; an meinem ehemaligen Arbeitsplatz. Auf entvölkerten Korridoren schleiche ich zur Verwaltung. Ich muss den letzten Gehaltsscheck unterschreiben. Alles klappt wie am Schnürchen. Niemand hält mich auf. Ein Wurmfortsatz der Solidarität zeigt sich verschämt.

Ich gehe zu meiner jüngeren Schwester. Hidat hat mein Sparbuch. Das Wiedersehen ist reine Freude. Es schlägt in mir eine Saite an, die ich längst für gerissen hielt.

Ich kann doch noch etwas anderes spüren als die Liebe zu meinen Süßen.

Unique Untold Pain - Erste Stimmen zum Text

Es ist so wunderschön geschrieben. Mika San

It is impressive and sad/beautiful and and I really cannot wait to hold it as a book in hand and for sure it will come out in english. The story is unique untold pain. Lilly Ghidey Ghebre  

Mega nice geschrieben; will das Buch definitiv haben. Sara Araya Wow

Herzzerreißend! Ich möchte eine Ausgabe. Mika San 

Wir reden die Nacht durch, in der ersten Stunde der erwachenden Geschäftstätigkeit löse ich den Scheck ein und das Sparbuch auf. Mit dem Geld besuche ich einen Schneider. Er soll sofort Kleider für Elilta und Segen nähen. Ich muss ihn überreden und binde ihm den Bären von einer Hochzeit am folgenden Morgen auf. Halbwegs beruhigt und auch so ein bisschen interessiert an der blühenden Witwe kommt er mit Tee an. Die kleine Normalität entspannt mich. Sie fängt und spinnt mich ein. Der Schneider, ein zu kurz geratener Bock mit Mondgesicht, würdigt meine Überlegenheit. Nichts ahnt er von meiner unbemannten Flucht. Ob er mich verraten würde? 

Rechtzeitig vor der Sperrstunde bin ich wieder bei Hidat und ihren Töchtern, die große Stücke auf ihre Tante halten. Ich bin wohl ihr Idol. Ihnen zeige ich mich gern vorbildlich selbstbewusst und gutgelaunt. Meine Schwester flicht das kleine Vermögen in meine Haare.

Dann ist es so weit. Mit der grauenhaften Gewissheit des endgültigen Abschieds beende ich mein Tüchtigkeitstheater, diese Komödie zum Frommen der Nichten. Ich werfe das Luyet über und mische mich als gebrochene Frau unter die Gläubigen auf dem Weg zum Gottesdienst.

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar.  Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert.

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