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13.01.2020, Jamal Tuschick

Freimütig bekennt Deniz Yücel: „Im Laufe des folgenden Jahres werde ich immer wieder Sätze sagen, die mit der Formulierung beginnen „Bei uns in Deutschland ist das ja so …“

"Bei uns in Deutschland"

Deniz Yücel entdeckt in der Fremde der Gefangenschaft Spielräume des Nachdenkens über Länder, die einem biografisch angewiesen wurden. Den Wärtern präsentiert er sich als „guter Junge“. Das hat Folgen. Der „Chef der Gewahrsamsabteilung, ein großer kräftiger Polizeioffizier Mitte 30,“ kommt zum Plaudern vorbei und leiht dem Inhaftierten sogar dieses Werk des sozialistischen Schriftstellers Kemal Tahir:

Tahir saß zwölf Jahre im Gefängnis. Yücel versäumt es nicht, der Absurdität Raum zu geben. Ein bullige-bärbeißiger, dem Sultan ergebener Fürst der Finsternis schiebt einen subversiven Roman über den Tisch: eine Szene wie aus einem Stück von Eugène Ionescu.

Am 14. Februar 2017 wird Deniz Yücel (als türkischer Staatsbürger) in Polizeigewahrsam genommen. Die Staatsanwaltschaft Istanbul wirft ihm auch Terrorpropaganda vor. Der Vorwurf stützt sich auf ein Interview mit Cemil Bayik. Die türkische Regierung sieht in Bayik das Übel als Kurde, dem Yücel in einem aufwertenden Zusammenhang Raum gab. Für die Behörden ist der Journalist ein verkappter Parteigänger, viel mehr Aktivist als Journalist.

„Aber noch mehr als lesen will ich schreiben. Es darf ihnen nicht gelingen, mich zum Schweigen zu bringen.“

Doch ist das Schreiben verboten.

Kein Stift und keine Zigarette - Noch schlimmer als das Schreibverbot ist das Rauchverbot. Im Türkischen gibt es für Rauchen & Trinken ein Wort: Içmek. Yücel klaut einen Stift beim Arzt und beginnt die Kur der Niederschrift wie in der Kindheit – als Akt unter der nächtlichen Bettdecke. Niemand verpfeift ihn. Die Bruderschaft der Ausgestoßenen hält dicht.

In der traditionellen türkischen Gesellschaft (eine Scham- und Stolz-Gemeinschaft) ist Delinquenz entweder subkulturell verankert (man wird in eine Überschreitungsgemeinschaft hineingeboren und muss da bleiben oder mit großen Verlusten rechnen) oder man wird von außen als Bandit markiert. Yücel beschreibt die Kameradschaft zu einem kurdischen Milieu-Mastermind. Mehmet hält dem Knast-Exoten den Rücken frei. Er hatte die Wahl zwischen Politik und Business. So ungefähr formuliert er es. Politik hätte bewaffneter Widerstand bedeutet. Die Alternative bedarf keiner Erklärung. Sie fußt auf antiken Wertvorstellungen. Davon profitiert Yücel, der mit seiner internen Super-Diversität wie ein Flummi zwischen Varianten und ihren Kanten hin- und herspringt. Mit unterdrückter Schadenfreude erzählt er, wie ein Zellenkollege munter zum „Interview“ gebracht wird, um gebrochen zurückzukehren.

„Der großmäulige Schlägertyp hat sich in einen winselnden Haufen Elend verwandelt.“

*

Niemand rechnet mit Rechtsstaatlichkeit, alle wähnen sich in einer Mühle staatlicher Willkür. In diesem Mahlwerk werden jede Menge Talente pulverisiert. Yücel benennt indirekt ein Problem aller autoritären Regierungen. Sie haben unter den Besten des Landes viele natürliche Gegner*innen*.

Nach vierzehn Tagen im Polizeigefängnis führt man Yücel am 27. Februar 2017 einem Staatsanwalt vor. Dazu bald mehr.

„Die Entschlossenheit zur Hoffnung“ - Ece Temelkuran sagt: „Es entspricht einer ethischen Pflicht, auf der Seite der Hoffnung“ zu bleiben.

Ece Temelkuram im Gespräch mit Dilek Guengoer

Ein prominentes Beispiel für die Opposition der Besten: 

Ece Temelkuran, geboren 1973 in Izmir, ist Juristin, Schriftstellerin und Journalistin. Aufgrund ihrer oppositionellen Haltung und Kritik an der Regierungspartei verlor sie ihre Stelle bei einer der großen türkischen Tageszeitungen. Ihr Roman Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann wurde in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt und erschien 2014 im Atlantik Verlag. Bei Hoffmann und Campe erschien zuletzt Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst (2015) und der Roman Stumme Schwäne (2017).

Temelkuran sagte der Welt in Abwandlung einer Zeile von Nâzım Hikmet Es geht nicht darum gefangen zu sein, sondern darum, dass man sich nicht ergibt – Bei der Frage nach der demokratischen Potenz gegen Erdoğan geht es nicht um Optimismus, „sondern um die Entschlossenheit zur Hoffnung“. Es entspräche einer „ethischen Pflicht, auf der Seite der Hoffnung“ zu bleiben.   

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