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15.01.2020, Jamal Tuschick

Gestern habe ich den Schauspieler Klaus Manchen besucht. Ein paar Bemerkungen zu einem interessanten Nachmittag.

Hippologie als Steckenpferd

Ich hatte nie das Bedürfnis 

nach einem Gastspiel im Westen zu bleiben

In drei Tagen sind wir wieder daheim. Mit dieser Erwartung füttert man noch einmal das Vieh und legt extra viel Futter aus. Dann schließt man ab, was sich abschließen lässt, bevor man sich in erpresserischer Kälte dem Treck gen Westen anschließt. „Kettenhunde“ der Wehrmacht ziehen von den Fuhrwerken Federbetten so wie alles, was nach Haushalt aussieht, um Platz zu schaffen, für jene, die von der Fußpflicht entbunden sind. In einer Welt aus den Fugen erlebt der Neunjährige die Hartherzigkeit in ihren Spielarten. In den letzten Kriegstagen gelangt er mit seiner Mutter nach Thüringen. Er erlebt Knechtschaft und Ablehnung und erlernt nach dem Schema von Versuch und Irrtum das kleine Einmaleins der Selbstbehauptung.  

Die Amerikaner kommen und werden von den Russen abgelöst. Südthüringen bildet die Westgrenze der „Ostzone“.

Mehr als siebzig Jahre später erzählt der 1936 in Breslau geborene Theater- und Filmschauspieler Klaus Manchen mit anschaulicher Lebhaftigkeit von seiner Kindheit. Die Professionalität eines der profiliertesten Theaterschauspieler der Nachkriegszeit bringt den Text zum Leuchten.

Jedem Stichwort des Zuhörers folgt ein anekdotisches Donnerwetter. Manchen hat Zimmermann gelernt und Bauwesen studiert, wenn auch nicht fertig. Ihn zog es mit aller Macht zum Theater. Dagegen halfen keine väterlichen Vorhaltungen. Er kam als „Praktiker“. Man unterschied solche wie ihn, die schon einen Beruf hatte, von den sogenannten Pennälern, den Schauspielschülern mit Abitur.

Ich glaube, das Lernen von der Pike auf ist für Manchen eine zentrale Kategorie. Immer wieder exponiert er die Grundlagen, das Basale. Seine Kunst lehrten ihnen die Dozenten der Schauspielschule Niederschöneweide. Ein Leistungsstipendium belohnt die Kombination von Fleiß und Begabung. Manchen, der als Sohn eines Ingenieurs keinen Anspruch auf staatliche Förderung hat, teilt die finanzielle Anerkennung mit anderen. So wie er es schildert, ergab sich unter den Eleven eine regelrechte Bandenbildung. Als eine Gang von 8 Debütant*innen wollte man ein Provinztheater in Mecklenburg-Vorpommern aufmischen.

„Keiner wollte in Berlin bleiben.“

Warum keiner in Berlin bleiben wollte, das erzähle ich ein anderes Mal. Mit den Siebenmeilenstiefeln meiner Ungeduld will ich dahin:

Manchen ist ein leidenschaftlicher Reiter; die Hippologie sein Steckenpferd. Jeden Morgen um sieben schwingt er sich in einem vergangenen Jetzt in den Sattel. Das ist ein Roman für sich.

Eines Tages tritt der gleichfalls reitende Hilmar Thate mit der Biermann-Petition an Manchen heran. Man steht in Reitstiefeln „vor der alten Sattlerei“, die zu dem Hof gehört, den Manchen zu seinem Freisitz gemacht hat.

Manchens Biermann-Geschichte hat zwei Kapitel. Im ersten Kapitel ist Biermann ein guter Mann und schlechter Sänger. Im zweiten ist er nur noch unerträglich.

Manchen zu Thate:

„Für Biermann riskiere ich meine Karriere nicht.“ 

Bald mehr.  

Von links: Hilmar Thate, die Biermann-Petition von 1976, die ein politisches Erdbeben auslöste, Wolf Biermann im Foyer des Berliner Ensemble

In dem DEFA-Western „Der Scout“ ritt Klaus Manchen als Sergeant Anderson gegen die Krieger der „Weißen Feder“. Den Bürgermilizchef der First Nation spielte Gojko Mitić persönlich. Der leidenschaftliche Reiter Manchen befand gestern Nachmittag in seinem Wohnzimmer: Der amerikanische Western sei als Genre eine Lüge. Niemand habe weniger von der Sache verstanden als die US-Kavallerie, da nur Dilettanten/im Militärdienst standen.

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