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16.01.2020, Jamal Tuschick

„Die kapitalistische Produktionsweise wütet ärger als Löwen und Hyänen.“ - Roswitha Schieb stellt in dem Band „Risse. Dreißig deutsche Lebensläufe“ Held*innen im Kulturkampf vor.

Gehemmt, versteinert, steif

Roswitha Schieb beschreibt die "Neurose BRD"

Ein Fernsehabend in den frühen Siebzigern. Gegeben wird eine Gesprächsrunde. Die Talkshow ist als TV-Format noch nicht etabliert, sondern wird als hörige Nachahmung im deutschen Puppenhausformat kritisch betrachtet. Erik Ode, der zweitberühmteste Kettenraucher der Republik, repräsentiert die gastgebende Gesellschaft, Telly Savalas verkörpert die Lässigkeit des unerreichten Vorbilds Amerika. Savalas ist das Kunststück gelungen, mit seiner Rolle als Serien-Cop Kojak zu verschmelzen. Ich kenne heute noch seinen Lieblingsspruch: Ist ja entzückend, obwohl ich seit dreißig Jahren keinen „Einsatz in Manhattan“ mehr verfolgt habe.  

Roswitha Schieb, „Risse. Dreißig deutsche Lebensläufe“, Lukas Verlag, 299 Seiten, 24.90 Euro

In einer Vergegenwärtigung erkennt Roswitha Schieb in Ode „einen autoritär geprägten Gartenzwerg“ und in seinem Gegenspieler den „entspannten Weltmann“. Ich bin mir sicher, dass das damals keiner so gesehen hat. Ode verkörperte den rechtschaffenden, machtmilden Garanten der bürgerlichen Ordnung.

Schieb hält ihm Rudi Carell als „Entwicklungshelfer“ zur Auflockerung eines „gehemmte(n), versteinerte(n), steife(n), verhaltensgestörte(n) bundesrepublikanische(n) Publikum(s)“ entgegen, obwohl Carell mit den heftigsten Vorwürfen seiner Kolleg*innen beerdigt wurde.

Das ändert natürlich nichts an der Diagnose. Richtig ist, mit Willy Brandt wich die „Starre“. Ein in jeder Hinsicht unbelasteter Bundeskanzler gab den Kennedy für Arme und leistete so Großes. Nie werde ich den Knarz seiner Stimme vergessen.  

Schieb mahnt Versäumnisse bei der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus an. Den Schuldbewussten schlug ein gewaltiger Trotz entgegen. Zwei Motoren liefen auf Hochtouren: Schuldumkehr und Relativierung.

Es gab eine kollektive Schizophrenie.

Schieb erwähnt Bernward Vesper, der einerseits den Nachlass seines faschistischen Vaters publizieren wollte und andererseits …

Sie nannten ihn den Irren von Triangel - Bernward Vesper bemühte sich um die Veröffentlichung der Schriften seines NS-Vaters, während er zugleich „Schriftsteller gegen den Atomtod“ mobilisierte. Gudrun Ensslin gab es damals auch noch als Braut in Weiß.

Ein Mann fährt heim. Auf der Strecke von Jugoslawien nach Deutschland überlässt er den Beifahrersitz seines Volvos einem amerikanischen Sonntagsmaler. Man bekifft die Lage. In München nimmt der Reisende LSD, während „die Nebel der Isarwiesen“ steigen. Stoned sickert er in die Boheme. Am fahlen Morgen besucht er Uschi Obermeier. Rainer Langhans kommt dazu. Vesper ist nicht willkommen.

Der Autor (1938 – 1971) gibt die Ordnung seiner Geschichte unordentlich an: „Der eine Teil ist an meinen Vater gebunden, der andere beginnt mit seinem Tod.“

Will Vesper (1882 – 1962) war Leiter der NS-Schrifttumskammer. Nach dem Krieg bemühte er sich, ganz gravitätischer Verlierer, um zügige Fortsetzung der hochbürgerlichen Existenz. Der Sohn erinnert eine ländlich-niedersächsische Kindheit. Er betreibt wörtliche Anschmiegung an LSD-Emanationen in kryptisch-kuriosen Bemerkungen.

„LSD reißt den Schleier von der Wirklichkeit.“

Das Tripjournal ätzt die Schau einer Kindheit, in der das Vorkriegsdeutschland exotisch erscheint.

B. Vesper memoriert nicht nur zur Begründung der Abwehr „den Faschismus der Seele“ seines Vaters. Der Dreck ist in ihm, er wird ihn nicht los. Der Alte hat ihn geimpft, das weiß der Flagellant: „Und am Abend schloss ich mich ins Badezimmer ein und schlug mich mit dem Ledergürtel.“

Am 28. März 1963 zeigen Gudrun Ensslins Eltern die Verlobung ihrer Tochter mit B.V. an: ein Ereignis im Kurparksaal.

Das Paar treibt im linken Lager Prominententourismus. Gleichzeitig bemüht sich Vesper um eine Edition des diskreditierten väterlichen Œuvres.

„Die Reise“ beginnt er Neunundsechzig. In der Gegenwart des Romans, der Fragment blieb, bemerkt Vesper latenten Faschismus in der Verbohrtheit der Betrachter seiner langen Haare. Er sieht sich umstellt von „Vegetables“. Agitierte und Säureköpfe sind hingegen (gute) „Typen“. Im Klub der Kommunarden kommt Vesper zu „Menschen“. In den Formulierungen schlummern umgemünzte Wertungen. Kein kritischer Reflex sichert dieses Denken, obwohl sonst alles zerlegt wird.

Böse Kontinuität

Schieb beschreibt das gespenstische Kontinuum nationalsozialistischer Begriffe und Vorstellungen im bundesrepublikanischen Rahmen. Sie zitiert Judith Kerr. Die Künstlerin entdeckte Hakenkreuze eingeritzt „in hölzernen Stuhllehnen und Zeitungsständern“.

Schieb erinnert daran, wie wenig emphatisch die Borcherts und Bölls auf den Holocaust reagierten. Die Trümmerliteratur drehte sich um den Krieg als Heimsuchung der Völker und „um den Verlust der Gottes- und Glaubensgewissheit“.

Schieb spricht von mit „Düsternis“ verkleidetem „Selbstmitleid“. Auch im Durchmarsch der abstrakten Malerei vermutet die Autorin eine Verweigerung. Man habe „die realen Geschehnisse … nicht wahrhaben“ wollen.

Die Wirkung im Moment

Es gab sie schon im 19. Jahrhundert. Wandernde Agitatorinnen, die das Licht der marxistischen Aufklärung in die Keller des Prekariats trugen. Agnes Wabnitz (1841 – 1894) starb als Volkstribunin. Ihr erwiesen mehr Leute die letzte Ehre als sich sechs Jahre zuvor zur Verabschiedung von Kaiser Wilhelm I. bereitgefunden hatten. Der Popularität folgte das Vergessen. Dem Vergessen voran ging ein politischer Kampf, der zugleich ein Kulturkampf war. Das erzählt Roswitha Schieb so anschaulich wie unterhaltsam.

Aus der Ankündigung

Roswitha Schieb beschreibt und befragt die Lebensläufe von dreißig Schriftstellern, Künstlern, Schauspielern, Wissenschaftlern oder Politikern aus den letzten zweihundert Jahren, in deren Biografie und Werk sich die Verwerfungen der deutschen Geschichte wie in einem Brennspiegel offenbaren. Dreh- und Angelpunkt all ihrer Studien ist die Zeit des Nationalsozialismus einschließlich seiner Vorgeschichte und seiner langen Nachwirkungen. Dabei beleuchtet sie besonders solche Persönlichkeiten, deren Wege abseits des Mainstreams verliefen und verlaufen. Bei den Porträtierten handelt es sich oft um Menschen, die nicht auf der Siegerseite standen und daher mit zwiespältigen Gefühlen und wacherem Blick wahrnehmen konnten, was mit ihnen und um sie herum geschah. Verstricktheit und Aufbegehren, Widersprüchlichkeit und Widerstand, Scheitern und Aufbruch werden in ihren vielfältigen Ausprägungen gezeigt. Dabei stehen stets die Auswirkungen der »großen Geschichte« auf die Einzelschicksale im Fokus.

Wabnitz, so Schieb, war keine Theoretikerin. Es gibt kein Œuvre, das die Aktivistin im Zug einer enthusiastischen Rezeption immer wieder ins Gespräch bringen könnte. Besonders bemerkenswert findet die Herausgeberin die Freiheit, die Wabnitz in dem wilhelminischen Regime zwischen Belle Époque und Fin de Siècle fand, um „deutschlandweit flammende Reden“ zu halten.

Sie setzte sich über die Einschränkungen der Sozialistengesetze vehement hinweg. Ihrer Performance wurden von der aktivistischen und publizierenden Zeitzeugin Bertha Glogau Girlanden gewunden. Glogau überliefert einen „herb-keuschen … nonnenartigen“ Auftrittsstil.

Wabnitz erhielt sich mit Näharbeiten. Ihre Vortragstätigkeit blieb eine unentgeltliche Angelegenheit.

Idealismus schrieb sie groß.

„Wer nichts waget, der darf nichts hoffen.“ Friedrich Schiller

Sie kam aus einem oberschlesischen Schankwirtschaftshaushalt und erwachte geistig in einer Atmosphäre religiöser Toleranz. Vorurteile blieben ihr fremd. Vor Anker ging sie in einer frei-religiösen Gemeinde. Auf einem „Feudalmustersitz“ erlebte Wabnitz als angehende Gouvernante die „Tyrannenherrschaft des Adels“. Noch war man es gewohnt, Knechte vor Kutschen zu spannen. Das Gesinde lebte mit dem Vieh zusammen auf beinah einer Stufe. Es gab den Nutzmenschen so wie es das Nutzvieh gab, gerahmt von den Begriffen der Leibeigenschaft, die sich über ihre Abschaffung hinaus auswirkte. Wabnitz warf mit Löffeln, trat in den Hungerstreik. Endlich ging sie nach Berlin zu ihrem sozialdemokratischen Bruder, der mit Druckerzeugnissen hausierte.

„Es drängte sie von der Nähmaschine zur Tribüne.“

Wabnitz zählte auf „die Wirkung im Moment“. Sie überschritt die Grenzen, die ein politisches Betätigungsverbot Frauen setzten. Vor allem jedoch bewirkte ihr Charisma, dass „Strolche und Raubmörder … vor ihr den Hut“ zogen, während Polizeispitzel Exzerpte ihrer Abhandlungen anfertigten. 

1891 wurde die sprechende Freiheitsstatue in Frankfurt am Main wegen „Aufreizung“ der Werktätigen zum ersten Mal verhaftet.

„Die kapitalistische Produktionsweise wütet ärger als Löwen und Hyänen.“

Bald sah sich Wabnitz interniert im „Dalldorfer Irrenhaus“.

Ihren Selbstmord verübte sie schließlich auf dem „vornehmsten aller Gräber“ auf dem Friedhof der Märzgefallenen. Auf dem Grabstein stand: Ein unbekannter Mann. Heute liegt sie auf dem Friedhof der Freireligiösen Gemeinde an der Berliner Pappelallee.

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