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22.01.2020, Jamal Tuschick

Fehlt das Wort, verödet die Erfahrung. Bevor man über den Begriff „sexuelle Belästigung“ verfügte, firmierten gewisse Übergriffe als Komplimente und gehörten zum Flirt. Unter Umständen ermächtigt sich die Sprache der Herrschaft gegenüber der individuellen Erfahrung. Die dem Übergriff Ausgesetzte kann das Geschehen nicht benennen. Kübra Gümüşay begreift solche Lücken politisch. „Die Lücke ist politisch“ ...

Der Kampf um sprachliche Vorherrschaft im Highend-Now

Kübra Gümüşay hat ein leuchtendes Buch geschrieben. Sie erzählt, was es mit Menschen macht, keinen Schöpfermythos zu kennen und sich ohne Sonderstellung im Universum zu denken. Menschen, die zwischen zwei und vielen Dingen unterscheiden, nicht aber zwischen drei oder sieben. Menschen, deren Orientierung perfekt ist, da sie sich sprachlich navigieren. Ständig bestimmen sie ihre Position im Raum und sind dabei auf äußere Merkmale nicht angewiesen. Ihre Peilungen ergeben sich aus einem Schema, das so einfach ist wie der Unterschied zwischen links und rechts.

Schon wieder Gemüse

Vermag man eine Erfahrung zu transformieren, so dass der Profit bei einem bleibt, lässt sie sich auch in eine Reihe stellen. Das zeigt van Goghs ausufernde Stillleben-Produktion, zurzeit zu sehen im Barberini/Potsdam. Eine Besucherin sagte zutreffend: „Aha, schon wieder Gemüse.“

Genau. Schon wieder Gemüse. Farben und Formen von Obst und Gemüse erzwangen die Konzentration des Künstlers, gaben ihm aber auch Technik und Routine. Van Gogh konnte benennen, was er sah und dabei fühlte; auch wenn er Unzulänglichkeiten beklagte.

Die Lücke ist politisch

Fehlt das Wort, verödet die Erfahrung. Bevor man über den Begriff „sexuelle Belästigung“ verfügte, firmierten gewisse Übergriffe als Komplimente und gehörten zum Flirt. Unter Umständen ermächtigt sich die Sprache der Herrschaft gegenüber der individuellen Erfahrung. Die dem Übergriff Ausgesetzte kann das Geschehen nicht benennen. 

Kübra Gümüşay begreift solche Lücken politisch. „Die Lücke ist politisch“ lautet eine Kapitelüberschrift.

„Die Ohnmacht, die ein solche linguistische Lücke hinterlässt, ist immens.“

Kübra Gümüsay, „Sprache und Sein“, Hanser Berlin, 206 Seiten, 18,-

Sie schafft eine für viele „unsichtbare Realität“. Da, wo sie wahrgenommen wird, ergibt sich vermutlich aus Empörung eine Wagenburgmentalität.

Legale Infamie

Der Common Sense verweigert die Spiegelung gesellschaftlich etablierter (auch geförderter) Ungerechtigkeit. Ich nehme an, dass alle Minderheiten sich mit solchen Lücken konfrontiert sehen. Darüber hinaus betrifft das Frauen und Schwarze jenseits des Minoritätsdiskurses (um Teilhabe) im Allgemeinen. Ihnen gegenüber ergibt sich so etwas wie eine Täterschaftsautomatik. Man müsste Männer das Obst und Gemüse der legalen Infamie wieder und wieder so einfühlend malen lassen wie van Gogh sich seinen Gegenständen widmete, um eine entsprechende Sensibilisierung zu organisieren.

Die Besatzungsmächte des Frauenkontinents verlieren so oder so allmählich an Boden. Sie verwandeln sich. Wo sie ihre imperiale Größe einbüßen, gehen sie zu Guerillamethoden über. Längst lassen sich Widerstandsformate nach Graswurzler-Rezepten beobachten.

Wer gibt Privilegien schon freiwillig ab, so wie das Privileg der Deutungshoheit? Zumal alle wissen, was passiert, wenn andere die Regie erst einmal übernommen haben und in ihrer Herabsetzungsoffensive nicht mehr gestoppt werden können.   

Solange Männer Frauenzeitschriften vollschrieben, perpetuierten sie Vorstellungen nach ihren Bedürfnissen. Sie funktionieren wie Agenten der männlichen Vorherrschaft.

Gümüşay erweitert das Panorama um die Dimension Kolonialismus. In den Fortsetzungen des Kolonialismus mit dem Funktionswissens des Highend-Now kontern die Beherrschten mit anzeigenden Begriffen wie „Mansplaining, Alman … alter weißer Mann“. Sie drehen den Spieß um und sehen sich mächtigen Klagen ausgesetzt.

Auch das ist eine Botschaft von „Sprache und Sein“: Wir sind mitten in einem Kulturkampf, in dem die strukturell Unterlegenen für die Herrschenden zu einer echten Bedrohung werden. Das Prinzip Absorption, nach dem in der alten Bundesrepublik zum Beispiel die Gewerkschaften entschärft (und vom Klassenkampf abgebracht) wurden, stößt an seine Grenzen. Die „herrschende Perspektive“ kippt.  

Zurzeit lese ich Deborah Lipstadts „Der neue Antisemitismus“ und Kübra Gümüşays „Sprache und Sein“. Ich lese über die Seiten: „Deutschland erlebe eine Normalisierung des Antisemitismus wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr“ und fast zugleich „Jede neue Sprache ist ein neuer Existenzraum.“ --- Lipstadt erklärt den Vorzug einer Fragestellung, die nicht zuerst den Konnotationen eines Verhaltens Rechnung trägt, sondern den Konsequenzen. So wird es einfacher, Klarheit zu erlangen: und folglich zu erkennen, dass Corbyn „die Ausbreitung von Antisemitismus ermöglicht“. Also verhält er sich antisemitisch, ohne als Antisemit in Haftung genommen werden zu können. Zu solchen Loopings versteigt sich mitunter auch Donald Trump, dem Lipstadt (anders als Corbyn) keine ideologischen Motive für antisemitische Ausfälle unterstellt. Trump macht Politik mit allen Mitteln.

Eine Reise zu den Lücken zwischen der Sprache und der Welt – Die Besprechung als Intervention

Was vermag Wahrnehmung ohne Sprache? Das Buch beginnt mit der Antwort auf eine Frage, die sich die Autorin selbst gestellt hat.  

Zurzeit lese ich Deborah Lipstadts „Der neue Antisemitismus“ und Kübra Gümüşays „Sprache und Sein“.

Ich lese über die Seiten: „Deutschland erlebe eine Normalisierung des Antisemitismus wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr“ und fast zugleich „Jede neue Sprache ist ein neuer Existenzraum.“

Das löst eine Phantasie aus:

Inara lebt aktiv in drei Sprachen. Deutsch gleicht in ihrem Fall einem Ausweichquartier. Es ist die Sprache der Marotten; Reviere für archivierte Katzenhaare. Eine Sprache für getrocknete Blumen und manchmal auch für die Stierhaftigkeit grundwütender Männer, die nach Inaras fester Überzeugung gegen die Reiterringer ihrer ersten Heimat chancenlos sind.

Kübra Gümüşay hat ein leuchtendes Buch geschrieben. Sie erzählt, was es mit Menschen macht, keinen Schöpfermythos zu kennen und sich ohne Sonderstellung im Universum zu denken. Menschen, die zwischen zwei und vielen Dingen unterscheiden, nicht aber zwischen drei oder sieben. Menschen, deren Orientierung perfekt ist, da sie sich sprachlich navigieren. Ständig bestimmen sie ihre Position im Raum und sind dabei auf äußere Merkmale nicht angewiesen. Ihre Peilungen ergeben sich aus einem Schema, das so einfach ist wie der Unterschied zwischen links und rechts.

Eine von Gümüşay befragte Akteurin erklärt dem Sinn nach: In meinen Muttersprachen (Plural) bin ich dreizehn.

Das ist eine großartige Selbstbeobachtung. Ich hatte eine deutschtürkische Freundin, die als Erwachsene zum Studieren nach Istanbul zog und nach zwei Semestern kindlich zurückkehrte. Obwohl damals Kopftücher in der Istanbuler Universität verboten waren, trug sie nun in Deutschland ein Kopftuch. Die Konfrontation mit ihrem kindlichen Selbst hatte sie aus der vorgezeichneten Erfahrungsbahn geworfen. Sie folgte dem Trip der (wie ein Schluckauf nicht einfach abstellbaren) Mädchenhaftigkeit noch ein halbes Jahr, um eines Tages wieder eine erwachsene, in jeder Beziehung unauffällige Deutsche zu sein. Jetzt erst begreife ich den Dreh. Türkisch war ihre Kindersprache, die Sprache ständiger Zärtlichkeiten und erwartungsvoll entgegengenommener, besorgter Fürsorge. Obwohl sie auf Türkisch akademische Stoffe bewältigte, funktionierte die Spaltung. 

Kübra Gümüsay, „Sprache und Sein“, Hanser Berlin, 206 Seiten, 18,-

Phantasie II.

Inara kam erst als Jugendliche ohne kulturelle Ankerpunkte nach Deutschland und brauchte für ihre Distinktion etwas, das sie ihrer Unbeholfenheit als Deutschschülerin entgegensetzen konnte. Ihre Muttersprache gab das nicht her. Sie wich auf Englisch aus, perfektionierte sich mit geringen Mitteln, und behauptete schließlich, in England aufgewachsen zu sein, ohne dass die Legende je in Zweifel gezogen worden wäre. Ich lernte Inara als Britin kennen. Zwar deckte kein Pass ihre Behauptung, aber es fragte auch keiner danach. Erst von einer überlegenen britischen Warte aus konnte sich Inara mit der deutschen Sprache anfreunden. Sie macht daraus ein großes Puppenhaus, in dem die Niedlichkeit durch die Decke geht.

Gümüşay: „Es gibt Lücken. Zwischen der Sprache und der Welt. Nicht alles, was ist, kommt zur Sprache.“

Ich kann nichts von Belang entdecken, dass sich nicht zur Sprache/Welt bringen ließe.

Gümüşay zitiert James Baldwin: „And it is the language which controls an experience.“

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