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26.01.2020, Jamal Tuschick

„Wir sahen Prag nur kurz, verbrachten eine Nacht in Budapest, dann gerieten wir auf die langen Bahnstrecken im Süden Ungarns.“

Schlaflos in Europa

Obszöne Aneignung

Die Erinnerung eröffnet ihre Perspektiven. Der Essayist betrachtet den Bildschirm auf seinem Schreibtisch als Abteilfenster. An ihm vorüber zieht die gleichgültige Natur mit ihren „gelbgrünen Hügeln“, punktiert von Ruinen und Wracks.

Gernot Wolfram, „Kontinentpfade. Eine kurze Anleitung, Europa lieben zu lernen“, Hentrich & Hentrich, 160 Seiten, 16.-

In den Städten der südosteuropäischen Peripherie entdeckt er Einschusslöcher in Fassaden.

„Ich (wage) es nicht, diese Löcher zu fotografieren, weil mir das wie eine obszöne Aneignung vorgekommen wäre.“

Postsowjetisches Verwerfungsgepräge

Wolfram kontrastiert das postsowjetische Verwerfungsgepräge mit Jugendeindrücken, die er gemeinsam mit seinen aus der Lausitz in den Westen vor der Wende gekommenen Eltern in der Schweiz sammelte.

„Alles wurde bewundert. Die Natur, der Kaffee im Restaurant, die Tassen …“

Die Bewunderung sucht sich ihre Gegenstände. Sie ist eine Reiseaccessoire und gehört zum Konzept. Die „ausgereisten“ DDR-Bürger fühlen sich sogar vom „Aussehen des (Schweizer) Geldes“ angenehm angesprochen. Auf dem Plateau dieses postpubertären Initiationstrips zu den alpinen Heiligtümern des Kapitalismus überblickt Wolfram Jahre später im Rang eines Lehrbeauftragten die Schweiz noch einmal anders. Seine Unterkunft, ein umgewidmetes Gefängnis, lässt ihn an den Schweizer Arzt Maurice Rossel denken, der 1979 von Claude Lanzmann zu seiner Reise nach Theresienstadt befragt wurde. Rossel hatte sich, im Auftrag des Roten Kreuzes, in dem „Potemkinschen Ghetto“ (Lanzmann) ein Bild gemacht, dass die Wahrheit verfehlte.

„Ein normales Leben hatte sich ihm gezeigt.“

Am 23. Juli 1944 besuchte Rossel auf Einladung des nationalsozialistischen Regimes gemeinsam mit zwei dänischen Repräsentanten einer Hilfsorganisation Theresienstadt. Das Lager hatte eine Musterfassade. Es gab sogar eine Bank der jüdischen Selbstverwaltung, die eine wertlose Währung ausgab. Die Ungeheuerlichkeit ging über die Täuschung hinaus. Sie offenbarte sich in dem Willen der Zeugen, ihrem von der Suggestion beflügelten Wunschdenken zu erliegen.

Wolfram konstatiert als mögliche Konstante: „Nur das sehen zu können, was man gelernt hat zu sehen.“

Der Reisende bemerkt in Polen „immer auch diesen sommerlichen Hauch Lebenswärme, etwas Milchiges und Weiches, ein besonderes Licht“, während der Leser allmählich die prinzipielle Melodie dieser memorierten Erkundungen zu vernehmen lernt.

Wolfram nimmt eine Station zum Anlass, einer älteren Erfahrung Raum zu geben. In Breslau zeichnet er die Topografie eines heimlichen Berlins mit einer vergessenen Privatsynagoge in der Brunnenstraße, dem Steglitzer Domizil eines Mannes, der für Mao aus dem Deutschen übersetzte, und der Wohnung, in der Mori Ōgai lebte.

Ōgai (1862 - 1922) war Arzt, Dichter und Übersetzer. „Als Erster (übertrug er) vollständig Goethes ‚Faust‘ ins Japanische“.

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