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27.01.2020, Jamal Tuschick

Die Szene evoziert ein Epochenprogramm. Auf der einen Seite stehen die überwältigenden Gründerzeitväter, die mit vollen Segeln in die Assimilation gerauscht sind und ihre Zigarren an den Flammen der Chanukka Kerzen anzünden, als bis zum Bersten gravitätische Erscheinungen. Auf der anderen Seite stehen die Walter Benjamins, Gershom Scholems und Franz Kafkas, die als Enttäuschungen ihrer Väter Geschichte schreiben werden.

Von links: Walter Benjamin, Gershom Scholem, Franz Kafka

Eva Weissweiler liefert mit ihrer von Dora Pollak ausgehenden Biografie Gegenlichtdarstellungen zur Benjamin-Biographik, die ihren Gegenstand zentralisiert. Besucht Benjamin die Pollaks am Starnberger See, betritt nicht der Dichter wie ein anderer Rilke die Bühne. Vielmehr sieht man deutlich die in der Aura einer Affizierten gastgebende Dora.

Rosa Luxemburg schreibt:

„Am 14. August 1914 … strich die Sozialdemokratie die Segel, räumte kampflos dem Imperialismus den Sieg ein.“

Luxemburg resümiert fassungslos: Noch nie hat eine Bewegung, die unentwegt an Kraft zunahm und in fünfzig Jahren unaufhörlich wuchs, „sich binnen vierundzwanzig Stunden so gänzlich … in blauen Dunst aufgelöst“.

Darüber sprechen Dora und Max Pollak mit ihren jugendbewegten Freunden. Die Chemiestudentin Dora hat ständigen Umgang mit Fritz Haber, dem Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Forschung, „der die wissenschaftliche Verantwortung für das ganze Kampfgaswesen” trägt. Haber befeuert eine Konkurrenz der Toxizität in totaler Missachtung der Haager Landkriegsordnung.

Eva Weissweiler, Das Echo deiner Frage. Dora und Walter Benjamin - Biographie einer Beziehung, Hoffmann und Campe, 364 Seiten, 24,-

Dora verweigert der Kriegsbegeisterung ihre Gefolgschaft auf der ganzen Linie. Nicht nur Haber ist ein Kriegstreiber. Auch der Weggefährte Theodor Herzls und Doras Vater Leon Kellner erklärt im patriotischen Plural, wie es soweit kommen konnte:

„Wir waren von Feinden umstellt, man ließ uns durch ein Jahrzehnt nicht zur Ruhe kommen, unsere Bevölkerung wurde systematisch aufgehetzt“.  

Gershom Scholem hält in Walter Benjamins Philosophenklause dagegen:

„Ihr seid Juden und Menschen, nicht Deutsche und Dekadente.“

Inzwischen kennen sich Dora und Walter. Doras arrangierte, von beiden Seiten spielerisch modellierte Ehe, gestattet erotische Interventionen von außen. Der leicht entflammbare Benjamin rückt auf in den engsten Zirkel der Pollaks.

Eva Weissweiler liefert mit ihrer von Dora Pollak ausgehenden Biografie Gegenlichtdarstellungen zur Benjamin-Biographik, die ihren Gegenstand zentralisiert. Besucht Benjamin die Pollaks am Starnberger See, betritt nicht der Dichter wie ein anderer Rilke die Bühne. Vielmehr sieht man deutlich die in der Aura einer Affizierten gastgebende Dora.

Die Trotzdems mehren sich, stets mit dem voluntativen Fazit: Trotzdem geht es uns gut. Die Biografin denkt über Motive nach. Das Leben auf dem Land ist, egal wie komfortabel, immer auch Verbannung. Die einzige Zeitung im Landkreis bringt „Kriegskochanweisungen, wie Brotsuppe mit Apfelsinensaft“. Zur Militarisierung der Sprache gehört das martialische Mutter und Vater, anstelle des fremdsprachlichen Mama und Papa.

Ich gehe in solchen Abschweifungen gedanklich spazieren und bedenke das kleine Beispiel für Abrichtung. Alle Kinder sind solchen Funktionalisierungen ausgesetzt. Selbst wenn später die Hürden der Bewusstwerdung genommen werden, bleiben doch genug invektive Viren wirkmächtig in den Habitaten des Unbewussten.   

*

Anfang 1916 steckt Walter Benjamin in Hochzeitsvorbereitungen. Den Bruder seiner Verlobten Grete Radt spricht er bereits als Schwager an. Von Max Pollak verspricht er sich finanzielle Unterstützung bei der Gründung eines Hausstands.

Dann bricht der ganze Aufbau weg. „Scholem schreibt, der Ring sei eines Tages von Benjamins Hand verschwunden.“

Bald mehr.

Grandioser Abstieg - Wie alles anfing

Er habilitiert sich mit der Hoffnung auf eine Professur in Wien. Doch schickt ihn seine Behörde als „wirklichen Lehrer“ und dürftig ausgestatteten Beamten nach Opava (Troppau) an die Staats-Oberrealschule. Die Autorin spekuliert über eine „Art Strafversetzung … und einen grandiosen Abstieg“ nach Zwischenspielen in europäischen Metropolen. Der mit Anna (geborene Weiß) verheiratete und aus Galizien gebürtige Anglist Leon Kellner tritt nicht nur als Vater seiner zweiten Tochter in die Geschichte ein. Er ist auch ein zeitiger Herold Herzls.  

„Ich bin ein guter Österreicher … ein deutscher Schriftsteller (die deutsche Sprache erscheint Kellner als „zweites Vaterland“) und mit Leib und Seele Zionist.“

Dora Sophie K. kommt im Januar 1890 zur Welt, gerade als „täglich vierzig bis fünfzig Wienerinnen und Wiener“ an der Grippe sterben. Jahrzehnte später wird Dora nach einem unschönen Ende ihrer Ehe mit Walter Benjamin vorübergehend ihren Mädchenmädchen wieder annehmen. Die Scheidung heftet das Liebesaus wie eine Fata Morgana falsch an den Horizont beständiger Zuneigung und Fürsorge bis zu Benjamins Tod.

Ein Jahr bleibt man überkreuz; dann gesteht man sich die Zusammengehörigkeit mit billigt den Abstand.

Eva Weissweiler, Das Echo deiner Frage. Dora und Walter Benjamin - Biographie einer Beziehung, Hoffmann und Campe, 364 Seiten, 24,-

Er gehört zu ihr, auch wenn er seine Wege allein oder mit anderen geht; wie gut beraten auch immer.

Ich lasse den Vorgriff wie eine Klippe im Raum stehen.

Um dem österreichischen Antisemitismus zu entgehen, weicht die Familie Kellner unter einem akademischen Vorwand nach London aus. Anna trägt zum Familieneinkommen mit Übersetzungen bei. Weissweiler führt zum Beispiel Leonard Merricks „One Man‘s View“ an.  

Der Familie gelingt es nicht, in London Fuß zu fassen. Wieder in Wien macht Leon Kellner vor allem als Propagandist des Zionismus weiter. Er überwirft sich mit Theodor Herzl, der 1904 vierundvierzigjährig (erloschen nach Jahren im Zustand der Sendungsverzückung) stirbt. Kellner obliegt die Herausgabe des Nachlasses, darunter „Keime zu Feuilletons“. Der halb unwillige Editor erhält einen Ruf nach Czernowitz, dem „Wien des Ostens, Hauptstadt der Bukowina“.

„Krawalle und Schlägereien (sind) an der Tagesordnung.“

Sieben Tageszeitungen kursieren in der Stadt. Dora besucht das Lyzeum und gerät in den Taumel der inspirierten Existenz. Die angehende Schriftstellerin trifft ihr Material. Sie singt und gibt den Zweifeln an ihrer Stimme literarisches Volumen:

„Nicht tief und dunkel, nicht groß, aber warm und lebendig“ klingt Doras Romanheldin Camilla.

Leon Kellner gewinnt in Czernowitz die Statur eines Gestalters. Er genießt seinen Ruhm und fühlt sich potent mit seinem politischen Auftrag.

„Sie selbst sagen, dass wir nicht Rumänen, nicht Deutsche und nicht Ruthenen sind; wir sagen ihnen, wir sind Juden!“

„Als Jude (verteidigt) er den Alleinanspruch seines Volkes auf das Alte Testament, das sich die Christen wie Räuber in der Nacht angeeignet hätten.“

Das kommt in der Öffentlichkeit gut an, nicht aber daheim, wo Kellners Gattin eine persönliche Perspektive entbehrt. Sie kehrt nach Wien zurück und verfolgt da eigene Wege. Dora übersteht die Auswüchse einer verbotenen Pädagogik. Die Herrin des Geschehens behält sie als „infames Luder“ in Erinnerung.

Obwohl sie in einem musischen Milieu sozialisiert wurde, studiert Dora Chemie. 1912 heiratet sie Max Pollak. Die gesellschaftlich avancierte Verbindung kann auch mit dem „Misstrauen (gegenüber) der romantischen Liebe“ nicht abbruchsicher gemacht werden. Die Ehe wird einvernehmlich nicht vollzogen. Das distanzierte Paar verändert sich nach Berlin und quartiert sich in einer japanischen Pension an der Motzstraße ein.

Weissweiler schildert einen superdiversen Kiez, in dem allenfalls der Prinz von Theben aka Else Lasker-Schüler auffällt.

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