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28.01.2020, Jamal Tuschick
"Two hundred million years ago, our mammal ancestors developed a new brain feature: the neocortex." Ray Kurzweil

Ray Kurzweil glaubt, dass er nie sterben wird, sollte es ihm gelingen, bis zum Jahr 2030 durchzuhalten. Darüber müssen wir reden. Kurzweil ist kein Phantast, sondern eine Google-Koryphäe, also ein kompetenter Visionär. Bill McKibben hält sich mit Kurzweil lange auf in seinem Wegweiser „Die taumelnde Welt“.

Künstlicher Neokortex

David A. Sinclair beschreibt Alterung als einen Mangel an Information.

Externes Gehirn

David A. Sinclair: „Nachdem wir unseren letzten Atemzug getan haben, werden unsere Zellen nach Sauerstoff schreien.“

Sie hören nicht einfach auf zu sein. Auf der atomaren Ebene geht der Kampf weiter. In ihrer Sauerstoffnot eruptiert die vergiftete Zellmasse.

Raymond Kurzweil feiert die Macht menschlicher Ideen, die geeignet sind, die Welt zu verändern. Er geht von der Geschwindigkeit aus: von immer schnelleren und intelligenteren Maschinen. Die Zunahme ist exponentiell. Alle Vorhersagen über die Dauer von Analyseprozessen erfolgen unwillkürlich linear. So denken wir. Tatsächlich verlaufen die Prozesse anders als wir denken.

Kurzweil vergleicht den historischen Augenblick, indem sein Optimismus durch die Decke geht, mit Ereignissen vor zwei Millionen Jahren, „als das menschliche Gehirn ein großes Zellbündel hinzugewann“ (Bill McKibben).  

So spricht McKibben den Neokortex an. Expandierte der Neokortex, würde „unser Schädel zu groß für den Geburtskanal“.

Deshalb experimentiert Kurzweil mit dem externalisierten Gehirn.

Seine Vision, zitiert nach McKibben:

„Wir werden einen künstlichen Neokortex in der Cloud haben. Wir werden unsere Gehirne mit der Cloud verbinden, so wie heute unsere Smartphones verbunden sind.“

Sterblichkeit als medizinische Erfahrung

David A. Sinclair beschreibt Alterung als einen Mangel an Information. Der Pionier der Epigenetik sagt: „Wir leben heute viel länger als je zuvor. Aber nicht viel besser.“

Langlebigkeit ergäbe nur in der Kombination mit ewiger Jugend ein lohnendes Ziel.

Als Erloschener den Krater der Familie zu verkörpern, erscheint Sinclair nicht erstrebenswert. Man könnte dazu eine Kulturgeschichte improvisieren. Ich erinnere eine Reihe alter Menschen in meiner Kindheit, die mit Bescheidenheit prahlten und mit der kleinsten Kammer vorliebnahmen. Unglücklich waren sie vielleicht nicht. Es steckt Anmaßung in der Vorstellung, das jugendliche Dasein entspräche der Schöpfungskrönung. Womöglich blüht die Greisin in imaginären Audienzen mit ihrer Schöpferin auf. 

Sinclair geht rasch vom dünnen Eis und ergeht sich in dem Komplex, den Atul Gawande in der Formulierung auf den Punkt bringt, dass die akute Langlebigkeit „die Sterblichkeit zu einer medizinischen Erfahrung“ gemacht hat.

Sinclair stellt sich dem Leser im Glanz einer herausgehobenen gesellschaftlichen Stellung vor, um die Bemerkungen zur Noblesse so zu arrondieren:

„Ich bin jetzt fünfzig und fühle mich wie ein Kind.“

 Ich fühle mich auch wie ein Kind mit sechzig beinah.

Seit Jahrzehnten erforscht Sinclair die Quellen des Alterns. Den Vorgang hält er für eine aggressive Krankheit, der man aggressiv begegnen soll.

Sinclair und Kurzweil treffen sich in ihren Erwartungen einer vitalen Ausdauer jenseits unseres Erfahrungshorizonts als einer unausweichlichen Entwicklung. Sinclair erkennt keine Obergrenze des Lebens an, die sich aus Eigenschaften ergäbe. Lässt sich nur die Krankheit Altern erst heilen, bekommt die Ewigkeit ein irdisches Zuhause.

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