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28.01.2020, Jamal Tuschick

#Intersektionalität - Sie findet sich zynisch, großspurig und nur dem Anschein nach unbekümmert. Sie vermisst den Freund, der die Maske entlarvt. Schlafen will sie unter über ihr „einstürzenden Sternen“.

Geradlinigkeit des Herzens

And when I lose, I want to go out fighting with my very last breath. Her Majesty Kimberlé Crenshaw

Kimberlé Crenshaw in Berlin

Im Juni 1901 trifft der Matrose Pierre Mouchet in Marseille ein und entpuppt sich da als Isabelle Eberhardt. Die der Spionage und Insubordination verdächtigte Agentin eines eigenen Lebensstils erwartet sehnsüchtig ihren Verlobten. Ein halbes Jahr später holt sie die Not in der Kasbah von Algier ein. Als Gattin eines mittellosen Algeriers bleibt ihr erst einmal nur Luft und Liebe. Um es anders zu sagen. Kunst entsteht in der Ächtung eher als in der Förderung. Eberhardt schreibt, obwohl Hunger sie plagt.

Die Diskriminierungen, die ihr Dasein tünchen, werden erst hundert Jahre später von Kimberlé Crenshaw in den Intersektionalitätsrahmen gestellt. 

Eingebetteter Medieninhalt

Eberhardts Eigensinn schockiert kleinbürgerliche Feudalherren, die ohne Kolonialismus als Krauter und Schreiber sonst wo in der französischen Provinz ihrer Bedeutungslosigkeit gerecht würden. In einem rassistischen Regime sind sie Emporgehobene. Ihre Macht reicht so weit wie Staaten, während das Ressentiment aus der Köhlerklause kommt. Ihnen erscheint Eberhardt zutiefst und vor allem verdächtig.

Die Kolonialregierungsschickeria „verfolgt (die Außenseiterin) mit eifersüchtigem Hass“. Man startet eine Verleumdungskampagne. Die Zersetzung greift. Eberhardt reagiert depressiv. Verstimmt verzieht sie sich in die Sahara. Vom Fieber geschüttelt, trinkt und raucht sie weiter. Sie unterstützt einen kleinen Napoleon bei der selbstermächtigten Annexion Marokkos. Hubert Lyautey erscheint seiner Zeit als Abenteurer und französischer Lawrence von Arabien. In seinem Auftrag erfüllt Eberhardt geheime Missionen in den Sphären aufständischer Nomaden. Es ergibt sich eine Klausur im heiligen Bezirk von Kenadsa. Eberhardt ist endlich eine Gefangene, der Gastfreundschaft zuteil wird.

Bald wird es sie nicht mehr geben.

Außer der Leiche stellt man einen Sack mit Manuskripten sicher.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert führt die Melancholie zwar nicht mehr nach einer Mode, so doch noch nach einem Habitus mitunter zum Tod. Wieder geht es um Exzellenz und Geschmacksvortrefflichkeit. Wer das Leben erträgt, ist ein Bauer so stumpf. Das will man nicht sein. Nach dem Selbstmord eines Bruders hält Isabelle Eberhardt nichts mehr in Europa. Sie trennt sich nicht nur von dem Kontinent, sondern auch von ihrem Verlobten, einem Diplomaten des Osmanischen Reichs. Die Zivilisationsmüde eilt nach Tunis, erwirbt den Hengst „Souf“ und reitet allein durch die Wüste nach Algerien. Born to be wild in einer polyglotten Variante.

Melancholie & Morphium

Unfassbare Existenz

Ihrer Zeit erscheint sie unbegreiflich. Hans Christoph Buch nannte sie viel später „Rimbauds Tochter“ und überschrieb so eine Versammlung von Vermutungen. Buch hatte 1977 einen von Paul Bowles übersetzten Band der in Europa vergessenen Schriftstellerabenteuerin Isabelle Eberhardt (1877-1904) in der Buchhandlung von Lawrence Ferlinghetti „auf der Grant Avenue in San Francisco“ entdeckt, und sich mit dieser Entdeckung ein Feld erschlossen.

„Was mich zum Kauf bewogen hatte, war vor allem das Photo der Autorin auf dem Frontispiz: (eine männlich wirkende Europäerin) in tunesischer Tracht ... die mit einer Mischung aus Stolz und Verachtung über den Photographen hinwegsah.“

Buch las die „Vergessenssucher“, magnetisch angezogen von den Begleitumständen.

„Kein Zweifel, Isabelle Eberhardt hat wirklich gelebt.“

Aktive Träumerin

Auf mich wirkt sie wie eine Romanfigur von Albert Camus und vielmehr noch als Akteurin eines verfrühten Existenzialismus. Im ersten Jahr des schwarzen Jahrhunderts beginnt sie eine Serie von Eintragungen mit der Bemerkung:

„Ich bin allein.“

Und zwar nicht vorübergehend, sondern von jeher und für immer.

Die Pionierin der Selbstbestimmung (als einer seelennautischen, navigatorischen Leistung) verbessert ihre Technik des Träumens. Das werden nach ihr viele projekthaft betreiben.

Eberhardt gelingt das ganze Bild der aktiven Träumerin ohne Vorbild und Umgebung. Die Liebhaberin des müßigen Streifs beobachtet sich und erkennt vor allen den ikonografischen Charakter ihrer sozialen Gebärden. Ein filigranes, genderfluides Geschöpf „versteift“ sich darauf, „der Säufer, der Verderbte, der Scherben stiftende Rohling zu bleiben“.

„Wer gibt mir je die Streifzüge zurück, zu Pferde, mit fliegenden Haaren, durch die Berge und Täler der Sahel.  

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