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30.01.2020, Jamal Tuschick

Emotionaler Inzest

Die Benjamins führen ihre Ehe in einer Wohngemeinschaft mit Kindermädchen. Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Genie, von Dora in guten Stunden als „Kind“ messianisch wahrgenommen. Walters Anziehungskraft hält Jula Cohn und dann auch (die von Eva Weissweiler höchst kritisch gesehene) Charlotte Wolff auf Tuchfühlung. Cohn entflammt Benjamin auf die für ihn richtige Weise. Wolff konstatiert ein „physisch substanzloses“ Programm.

Wolff führt aus: „Mir wurde klar, dass Benjamin nicht der Mann war, der körperliche Liebe lange ertragen konnte.“

Die angehende Ärztin attestiert dem „sterilen“ Hausherrn ein sehnsüchtig-nostalgisches Liebestemperament. Das „Quartett“, zu dem sie sich nicht, wohl aber Ernst Schoen rechnet, steckt in einem „emotionalen Inzest“. Schoen rochiert zwischen Liebhaber und Lebenspartner. Dora wird von ihm schwanger, verweigert sich aber der Mutterschaft in dieser Konstellation.  

Eva Weissweiler, Das Echo deiner Frage. Dora und Walter Benjamin - Biographie einer Beziehung, Hoffmann und Campe, 364 Seiten, 24,-

Schoen reagiert gekränkt und kommt wohl nie darüber hinweg, nicht wenigstens Vater eines Kindes von Dora, wenn schon nicht ihr Hauptmann geworden zu sein. Er bemüht sich sehr um Benjamin und versorgt den Freund mit Aufträgen. Nach Benjamins gescheiterter Habilitation 1925 unternimmt Schoen Anstrengungen, „den letzten Intellektuellen“ fest beim Funk unterbringen.

Hermeneutische Hausberge

Die Verschworenen beziehen sich aufeinander in einem Rahmen aus Zuneigung und Eifersucht. Dora kommt aus einer „Klettenfamilie“. Sie forciert intime Interventionen im romantischen Quartett. 

Benjamin entzieht sich alltäglichen Verpflichtungen. Er isoliert sich in den Hanglagen seiner hermeneutischen Hausberge und tritt in der Maske des Kritikers als Dichter auf. Schließlich reist er ab, um sich auf Capri in seiner Gelehrtenrolle zu rehabilitieren.

Benjamin will nicht zum Strolch von Academia werden.  

Auf Capri begegnet er der Lettin Asja Lācis. Gershom Scholem gegenüber charakterisiert er sie als „bolschewistische Lettin aus Riga, die am Theater spielt“.

Lācis berichtet von Kriegswaisen „mit schwarzen, monatelang nicht gewaschenen Gesichtern“. Sie widersetzten sich ihrer Kasernierung im Wohlfahrtsstil. Entweder ließen sie sich erst gar nicht festnehmen oder sie ließen sich nicht festhalten. Aus dieser Dynamik entstand ein „proletarisches Kindertheater“.

Benjamin lädt sich mit Lācis‘ Energie auf. Er erweitert seinen Horizont mit ihrem. Er übersetzt ihre Kriegserfahrungen in theatralischen Schick.

„Er fragte mich über die Oktoberrevolution und die sowjetischen Theater aus. Er erzählte von seinem Inszenierungsplan … Ich meinte, man müsse alle Soldaten weiß schminken, und sie müssten unter Kriegstrommeln mechanisch marschieren wie Marionetten.“

So sah dann auch das Theater der Weimarer Republik aus.

Das Spiel der Genies. Sie spielten miteinander und aneinander vorbei. Von links: Asja Lācis, Franziska Gräfin zu Reventlow, Anna Tumarkin

Soziale Reichweite/ Die Gunst des Genies

Dora Kellner, geschiedene Pollak, ist eine wohlhabende Frau, als sie 1917 (im bis über alle Anschläge erschöpften Berlin) wieder heiratet. Ein revolutionärer Ehevertrag sichert ihr die alleinige Verfügungsgewalt und nimmt dem Bräutigam Walter Benjamin jedes Eingriffsrecht.

Eva Weissweiler zitiert aus der Gütertrennungsvereinbarung und dem Bürgerlichen Gesetzbuch. Die Positionen stehen im stärksten Gegensatz zueinander.

Die Autorin vermutet, dass Dora in der Konsequenz eines konventionellen Ehevertrags mit ihrer Scheidung reich wurde. Ihre zweite Hochzeit erschöpft sich im Standesamtlichen und einer Familienfeier in Benjamins Elternhaus, ohne einen Außenstehenden, abgesehen von Gershom Scholem, der in Dora verliebte Rivale um die Gunst des Genies.

Ein Jahr später kommt Stefan zur Welt. Seine Existenz verstärkt den Verdacht, dass die Ehe von Dora und Max Pollak ein Kameradschaftskonstrukt ohne Sex geblieben war; trotz einer soliden, den Neigungen des Anderen weitreichend nachgebenden Verbundenheit.

Man hatte das Beste aus einem traditionellen Arrangement gemacht.

Nun bestimmt Liebe das Programm. Walter spannt Dora ein, ihr „Einfluss auf seine Texte wird … kategorisch verneint“.

Das erscheint kaum plausibel in Anbetracht der Bildung und des Temperaments. Dora steht an keiner Stelle in einem nachrangigen Verhältnis zu Benjamin, der seiner Einberufung schließlich in die Schweiz entgeht und überall mit dem Anfang spielt. Er läuft sich warm, erweitert sein Spektrum. Vor allem genießt er den Luxus eines kriegsfernen Alltags mit Maskenbällen und Auktionen in seiner sozialen Reichweite.

Es ist der Tanz auf dem Zauberberg. „Europa stürzt in Trümmer, die (Kapelle) fiedelt“, bemerkt Stefan Zweig in St Moritz, just als der griechische König da seine Exilzelte aufschlagen lässt.

Nobel geht die Welt zugrunde.

Benjamin verschweigt die Zeit am Puls des Glamours vor einem schwarzen Horizont. Dora äußert sich ironisch und verschlüsselt. Die beiden sind halbwegs leichten Herzens.

„Uns geht es vorzüglich. Das einzige was uns fehlt, ist Anschluss.“ (Originalinterpunktion)

Das meldet Dora dem gemeinsam Freund Scholem, der unbedingt kommen soll, um geistig ihrem Gatten zu sekundieren. Die Nachwelt soll nicht um Benjamins Schaffen auf der Höhe seiner Möglichkeiten „betrogen“ werden.

Benjamin erwägt indes, Anna Tumarkin zu seiner Doktormutter zu machen. Doch dann schillert ihm die um Eingängigkeit (gegenüber vielen sich durch die Philosophie in einer Fremdsprache wühlenden Exilstudent*innen) bemühte Professorin sprachlich nicht genug. Der Hochschüler sucht eine intellektuelle Amme für seine Abstraktionen.   

Grandioser Abstieg - Wie alles anfing

Er habilitiert sich mit der Hoffnung auf eine Professur in Wien. Doch schickt ihn seine Behörde als „wirklichen Lehrer“ und dürftig ausgestatteten Beamten nach Opava (Troppau) an die Staats-Oberrealschule. Die Autorin spekuliert über eine „Art Strafversetzung … und einen grandiosen Abstieg“ nach Zwischenspielen in europäischen Metropolen. Der mit Anna (geborene Weiß) verheiratete und aus Galizien gebürtige Anglist Leon Kellner tritt nicht nur als Vater seiner zweiten Tochter in die Geschichte ein. Er ist auch ein zeitiger Herold Herzls.  

„Ich bin ein guter Österreicher … ein deutscher Schriftsteller (die deutsche Sprache erscheint Kellner als „zweites Vaterland“) und mit Leib und Seele Zionist.“

Dora Sophie K. kommt im Januar 1890 zur Welt, gerade als „täglich vierzig bis fünfzig Wienerinnen und Wiener“ an der Grippe sterben. Jahrzehnte später wird Dora nach einem unschönen Ende ihrer Ehe mit Walter Benjamin vorübergehend ihren Mädchenmädchen wieder annehmen. Die Scheidung heftet das Liebesaus wie eine Fata Morgana falsch an den Horizont beständiger Zuneigung und Fürsorge bis zu Benjamins Tod.

Ein Jahr bleibt man überkreuz; dann gesteht man sich die Zusammengehörigkeit mit billigt den Abstand.

Er gehört zu ihr, auch wenn er seine Wege allein oder mit anderen geht; wie gut beraten auch immer.

Ich lasse den Vorgriff wie eine Klippe im Raum stehen.

Um dem österreichischen Antisemitismus zu entgehen, weicht die Familie Kellner unter einem akademischen Vorwand nach London aus. Anna trägt zum Familieneinkommen mit Übersetzungen bei. Weissweiler führt zum Beispiel Leonard Merricks „One Man‘s View“ an. 

Der Familie gelingt es nicht, in London Fuß zu fassen. Wieder in Wien macht Leon Kellner vor allem als Propagandist des Zionismus weiter. Er überwirft sich mit Theodor Herzl, der 1904 vierundvierzigjährig (erloschen nach Jahren im Zustand der Sendungsverzückung) stirbt. Kellner obliegt die Herausgabe des Nachlasses, darunter „Keime zu Feuilletons“. Der halb unwillige Editor erhält einen Ruf nach Czernowitz, dem „Wien des Ostens, Hauptstadt der Bukowina“.

„Krawalle und Schlägereien (sind) an der Tagesordnung.“

Sieben Tageszeitungen kursieren in der Stadt. Dora besucht das Lyzeum und gerät in den Taumel der inspirierten Existenz. Die angehende Schriftstellerin trifft ihr Material. Sie singt und gibt den Zweifeln an ihrer Stimme literarisches Volumen:

„Nicht tief und dunkel, nicht groß, aber warm und lebendig“ klingt Doras Romanheldin Camilla.

Leon Kellner gewinnt in Czernowitz die Statur eines Gestalters. Er genießt seinen Ruhm und fühlt sich potent mit seinem politischen Auftrag.

„Sie selbst sagen, dass wir nicht Rumänen, nicht Deutsche und nicht Ruthenen sind; wir sagen ihnen, wir sind Juden!“

„Als Jude (verteidigt) er den Alleinanspruch seines Volkes auf das Alte Testament, das sich die Christen wie Räuber in der Nacht angeeignet hätten.“

Das kommt in der Öffentlichkeit gut an, nicht aber daheim, wo Kellners Gattin eine persönliche Perspektive entbehrt. Sie kehrt nach Wien zurück und verfolgt da eigene Wege. Dora übersteht die Auswüchse einer verbotenen Pädagogik. Die Herrin des Geschehens behält sie als „infames Luder“ in Erinnerung.

Obwohl sie in einem musischen Milieu sozialisiert wurde, studiert Dora Chemie. 1912 heiratet sie Max Pollak. Die gesellschaftlich avancierte Verbindung kann auch mit dem „Misstrauen (gegenüber) der romantischen Liebe“ nicht abbruchsicher gemacht werden. Die Ehe wird einvernehmlich nicht vollzogen. Das distanzierte Paar verändert sich nach Berlin und quartiert sich in einer japanischen Pension an der Motzstraße ein.

Weissweiler schildert einen superdiversen Kiez, in dem allenfalls der Prinz von Theben aka Else Lasker-Schüler auffällt.

Die Szene evoziert ein Epochenprogramm. Auf der einen Seite stehen die überwältigenden Gründerzeitväter, die mit vollen Segeln in die Assimilation gerauscht sind und ihre Zigarren an den Flammen der Chanukka Kerzen anzünden, als bis zum Bersten gravitätische Erscheinungen. Auf der anderen Seite stehen die Walter Benjamins, Gershom Scholems und Franz Kafkas, die als Enttäuschungen ihrer Väter Geschichte schreiben werden.

Rosa Luxemburg, Walter Benjamin

Rosa Luxemburg schreibt:

„Am 14. August 1914 … strich die Sozialdemokratie die Segel, räumte kampflos dem Imperialismus den Sieg ein.“

Luxemburg resümiert fassungslos: Noch nie hat eine Bewegung, die unentwegt an Kraft zunahm und in fünfzig Jahren unaufhörlich wuchs, „sich binnen vierundzwanzig Stunden so gänzlich … in blauen Dunst aufgelöst“.

Darüber sprechen Dora und Max Pollak mit ihren jugendbewegten Freunden. Die Chemiestudentin Dora hat ständigen Umgang mit Fritz Haber, dem Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Forschung, „der die wissenschaftliche Verantwortung für das ganze Kampfgaswesen” trägt. Haber befeuert eine Konkurrenz der Toxizität in totaler Missachtung der Haager Landkriegsordnung.

Dora verweigert der Kriegsbegeisterung ihre Gefolgschaft auf der ganzen Linie. Nicht nur Haber ist ein Kriegstreiber. Auch der Weggefährte Theodor Herzls und Doras Vater Leon Kellner erklärt im patriotischen Plural, wie es soweit kommen konnte:

„Wir waren von Feinden umstellt, man ließ uns durch ein Jahrzehnt nicht zur Ruhe kommen, unsere Bevölkerung wurde systematisch aufgehetzt“.  

Gershom Scholem hält in Walter Benjamins Philosophenklause dagegen:

„Ihr seid Juden und Menschen, nicht Deutsche und Dekadente.“

Inzwischen kennen sich Dora und Walter. Doras arrangierte, von beiden Seiten spielerisch modellierte Ehe, gestattet erotische Interventionen von außen. Der leicht entflammbare Benjamin rückt auf in den engsten Zirkel der Pollaks.

Eva Weissweiler liefert mit ihrer von Dora Pollak ausgehenden Biografie Gegenlichtdarstellungen zur Benjamin-Biographik, die ihren Gegenstand zentralisiert. Besucht Benjamin die Pollaks am Starnberger See, betritt nicht der Dichter wie ein anderer Rilke die Bühne. Vielmehr sieht man deutlich die in der Aura einer Affizierten gastgebende Dora.

Die Trotzdems mehren sich, stets mit dem voluntativen Fazit: Trotzdem geht es uns gut. Die Biografin denkt über Motive nach. Das Leben auf dem Land ist, egal wie komfortabel, immer auch Verbannung. Die einzige Zeitung im Landkreis bringt „Kriegskochanweisungen, wie Brotsuppe mit Apfelsinensaft“. Zur Militarisierung der Sprache gehört das martialische Mutter und Vater, anstelle des fremdsprachlichen Mama und Papa.

Ich gehe in solchen Abschweifungen gedanklich spazieren und bedenke das kleine Beispiel für Abrichtung. Alle Kinder sind solchen Funktionalisierungen ausgesetzt. Selbst wenn später die Hürden der Bewusstwerdung genommen werden, bleiben doch genug invektive Viren wirkmächtig in den Habitaten des Unbewussten.   

*

Anfang 1916 steckt Walter Benjamin in Hochzeitsvorbereitungen. Den Bruder seiner Verlobten Grete Radt spricht er bereits als Schwager an. Von Max Pollak verspricht er sich finanzielle Unterstützung bei der Gründung eines Hausstands.

Dann bricht der ganze Aufbau weg. „Scholem schreibt, der Ring sei eines Tages von Benjamins Hand verschwunden.“

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