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01.02.2020, Jamal Tuschick

Der Anfang ist nicht schwer. Als Christine und Patrick Lejeune erst „in dem modernen Betonplattenrathaus“ und dann „in einer Kirche am Rand der Fernverkehrsstraße“ mit dem Gefühl der Vollständigkeit heiraten, ist „ein anständiges Proletarierleben noch möglich“. Braut und Bräutigam sind Produkte ähnlicher Prägung, vereint in der Bescheidenheit gemeinsamer Erwartungen. Er arbeitet in der Fabrik, sie gibt für ihn selbstverständlich alles auf. Drei Urlaubsreisen und drei Kinder ergeben sich ab 1987 aus kleinen Spielräumen.

Narratives After Eight

Marion Messina erzählt von einem soweit gelungenen Durchgang. Sie beschreibt eine Episode des Glücks, der ein Mix aus persönlichen Schwierigkeiten und gesellschaftlichen Verwerfungen sowohl vorausgeht als auch folgt. Christines Vater, ein Einwanderer aus Kalabrien, tanzt den Migrantenkampf. Patrick erlebte als Kind und Jugendlicher die Verstädterung einer Dorflandschaft, bis die Bauernschaft in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet verschwunden war. Ackerbau und Kaninchenzucht hörten auf. Die Bedrängten wichen aus dem neuen Ballungsraum in einen alten aus. So kamen sie nach Grenoble. Da wächst Messinas Heldin Aurélie in einer postsozialistischen Mindestlohnarena auf. Eine noch nie beschriebene Apartheid trennt sie von den Gewissheiten ihrer Eltern. Zwar verschlechtern sich die Verhältnisse auch für Christine und Patrick. Jedoch geschieht dies im Takt schwindender Bedürfnisse. Die Mutter ergattert sogar noch eine Stelle als verbeamtete Reinigungskraft. Davon kann die Tochter an ihrer Studenteninnenjobputzstelle nur träumen.

Marion Messina, „Fehlstart“, Roman, aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Hanser, 166 Seiten, 18,-

Alles lief auf ein Studium hinaus und nun das

Das Einfachste vom Einfachsten ist von Anfang an gut genug für Aurélie. Trotzdem hat auch ihre Familie eine Reise zum Mond vor, indem sie die begabteste Tochter Abitur machen lässt. Aurélie genügt den Einstiegsanforderungen von drei Universitäten, aber nur in Grenoble entstehen für die Eltern keine weiteren Kosten.

Die Autorin lässt nichts aus. Sie zeigt alle Facetten einer institutionalisierten Ungerechtigkeit, auf der in Hohnlettern Chancengleichheit steht. In überfüllten Hörsälen begreift Aurélie, dass ihr Ziel der Weg zum Studium war; dass sie allein auf dieser Strecke den größtmöglichen sozialen Abstand zu ihrer Herkunft gewonnen hat. Auch ihr Bruder steigt nach dem ersten Semester wieder aus und deklassiert sich als Verkaufsberater, bis er wieder richtig liegt und Spaß am Leben hat.

Aurélie sammelt Enttäuschungen, bis sie den kolumbianischen Partystudenten und Möchtegern-Schriftsteller Alejandro Manuel González Pena an ihrem Arbeitsplatz kennenlernt. Bei der ersten Begegnung hält sie ein „Mikrofasertuch in der Hand“, und er schiebt einen Putzmitteltransporter.

Das ist als Ouvertüre natürlich etwas anderes als ein Flirt an der Bar. Das Paar teilt die Underdog-Scham, ohne sie wahrhaben zu wollen. Die unabweisbare Degradierung begünstigt den Bund. Die Herabsetzung macht die Allianz pflegeleicht und sogar wunderbar. Aurélie empfiehlt sich Alejandro mit „makellosem Dekolleté“ und einem „süßlichen Duft vom Sonderverkauf“.   

Er überzeugt sie mit einem Bestand gebraucht gekaufter Bücher, die seinen Hintergrund aufleuchten lassen. Mag er dem Durchschnittsfranzosen wie der letzte Latino-Heuler vorkommen, Aurélie erkennt die einsame Klasse des Kollegen.

Messina erzählt das so zauberhaft, das man sich die narrativen Aromen wie After Eight auf der Zunge zergehen lassen möchte.   

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